um 1800: Die alte "Gruobbank" am Weg nach Hohenstaufen
Kleindenkmale in der Landschaft werden oftmals kaum als Zeugnisse der Geschichte wahrgenommen. Ganz sicher trifft dies auch auf die alte Ruhbank oder schwäbisch: Gruobbank an der Straße nach Hohenstaufen zu, welche die meisten Autofahrer kaum beachten oder ihre Bedeutung nicht erkennen.
Als man die Wege noch zu Fuß machte und die Lasten auf dem Rücken oder auf dem Kopf trug, war die Ruhbank ein ersehnter Rastort. Bei der zweistufigen Steinbank (heute ist die unterste Stufe fast im Waldboden versunken) konnte man die Last auf der oberen Stufe abstellen und diese beim Weitergehen ohne allzu große Anstrengung wieder gut aufnehmen. Auf die untere Steinstufe konnte sich der Wanderer setzen und dort ausruhen.
Die aus Sandstein gefertigte Ruhbank an der Straße nach Hohenstaufen dürfte aus dem 18. oder frühen 19. Jahrhundert stammen.
1804: Die Synagoge in Jebenhausen
Die ersten jüdischen Familien, die von 1772 an nach Jebenhausen zugezogen waren, versammelten sich zum Gottesdienst zunächst in einem einfachen Betsaal, über den wir keine weiteren Kenntnisse haben. Schon 1800 wurde ein Bauplatz für eine Synagoge erworben, der – an der Stelle des heutigen Feuerwehrhauses an der Boller Straße – ungefähr in der Mitte des jüdischen Ortsteils lag. 1804 konnte der schlichte Saalbau mit Empore eingeweiht werden. An der östlichen Fassade wurde unterhalb des Rundfensters ein Gedenkstein zur Gründung eingemauert, dessen hebräische Inschrift ins Deutsche übesetzt lautete: "Denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes heißen". Der Vers enthielt verschlüsselt die Jahreszahl 564, nach dem christlichen Kalender das Jahr 1804, das Jahr der Synagogenweihe.
Zu Beginn der 1860er Jahre wurde das Gotteshaus grundlegend renoviert, die damals angeschafften Kronleuchter und Bänke kamen nach 1900 in die evangelische Dorfkirche und sind heute Ausstellungsstücke im dort eingerichteten Jüdischen Museum.
Nach dem allmählichen Wegzug der Jebenhäuser Juden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Synagoge Ende 1899 geschlossen und aufgegeben worden. 1905 erfolgte ihr Abbruch.

Die Synagoge Jebenhausen, fotografiert am Ende des 19. Jahrhunderts.
1805/06: Der Russenfriedhof
Während der Napoleonischen Kriegszüge breitete sich in Europa das Gelbe Fieber aus. Auch in Göppingen fürchtete man sich vor einer Typhus-Epidemie. Zur Vorsorge wurden alle Durchreisenden bei der heutigen Sonnenbrücke scharf kontrolliert. Im Dezember 1805 schleppten aber trotz aller Vorsorge russische Gefangene, die in Göppingen zusammengeführt wurden, die Seuche ein. Der Göppinger Oberamtsarzt Dr. Hartmann war mit ihrer Bekämpfung beauftragt. Im schnell überfüllten Hospital versuchte er die Kranken zu isolieren. Er richtete Notlazarette in Privathäusern, in Scheunen und schnell errichteten Baracken ein, doch der Typhus breitete sich vor allem unter den Kriegsgefangenen aus. Aber auch Dr. Hartmann erkrankte. Ein Hilferuf wurde an den König gerichtet. Er schickte seine Leibärzte, die im Frühjahr 1806 die Seuche eindämmen konnten. Hunderte von gestorbenen russischen Kriegsgefangene wurden namenlos im Oberholz bestattet. Heute erinnert dort eine Gedenktafel an den "Russenfriedhof".
1807: "Papa Betz"
"Papa Betz" – so wurde der 1881 gestorbene, lange Jahre in Göppingen tätige Schullehrer Johannes Betz liebevoll genannt.
Als 14-Jähriger kam er aus Markgröningen in die Stadt an der Fils, um bei einem Verwandten, einem Lehrer an der Mädchenschule, das Schulhandwerk zu erlernen. Anschließend arbeitete er als Hilfslehrer in verschiedenen Orten. 1807 erhielt er an der Göppinger Knabenschule die Stelle eines Hilfslehrers, neun Jahre später stieg er zum Schulmeister auf. Betz war ein mit der Zeit gehender Pädagoge, er unterrichtete auch Fächer, die damals üblicherweise nicht gelehrt wurden, so zum Beispiel Erdkunde und Zeichnen.
Schon in jungen Jahren hatte er sich den Ruf eines überzeugten Demokraten erworben. Er interessierte sich für die Idee von "Einigkeit, Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland". Der Mitbegründer der Turngemeinde war in der 1848er Zeit einer der Wortführer der Demokratiebewegung in Göppingen. Da er damit als "politisierender" Lehrer galt, stellte man ihm von staatlicher Seite einen Aufpasser zur Seite. Wie sehr man ihn in Göppingen jedoch schätzte, zeigt die Tatsache, dass ihn zur gleichen Zeit, das war 1850, der Göppinger Gemeinderat zum Ehrenbürger ernannte.

Johannes Betz (1784-1881)
1809: Die Last des Jagdfrondienstes
Zu den Hoheitsrechten der Herrschaft zählte das Jagdrecht. Dazu gehörte auch, dass der Jagdherr, im Falle Göppingens der württembergische Herzog, seine Untertanen zu verschiedensten Jagdfrondiensten verpflichten konnte. Es mussten Jagdhunde vor Ort gezüchtet sowie Treiber oder Jagdfuhren gestellt werden. So verpflichtete der Herzog Göppinger Pferde- oder Ochsengespannhalter, Jagdzeug in den Heidenheimer Forst oder eingefangene Wildschweine von dort in den Park des Schlosses Solitude zu transportieren.
Bei der so genannten eingestellten Jagd waren sehr viele Treiber notwendig. Dabei musste ein großes Gebiet kreisförmig dicht umstellt und eingekreist werden. Das Wild wurde dann dem Jagdstand der Herrschaft zugetrieben, so dass diese nur noch schießen musste.
Für eine Jagdgesellschaft im Jahre 1809 wurden 244 Göppinger, 129 Ebersbacher, 170 Hohenstaufener, insgesamt 805 Männer aus dem Göppinger Oberamt angefordert.
Dies führte immer wieder zu Ärger und Klagen, wenn etwa an einem Jahrmarktstag oder auch in Kriegszeiten die Männer zum Jagdfrondienst verpflichtet wurden.
1816 / 1817: Rumford'sche Suppe für die Hungernden
Die Jahre 1816/17 gingen in die württembergische Geschichte als "Hungerjahre" ein. Ständiger Regen – der Göppinger Stadtchronist Betz zählte 1816 in acht Monaten nur 29 regenfreie Tage – und daraus resultierende geringe Ernteerträge, die weder zur Ernährung der Einwohnerschaft noch zur Neuaussaat reichten, und große Preissteigerungen bei den Nahrungsmitteln bewirkten, dass vor allem ärmere Familien kein Auskommen mehr fanden. Um den täglichen Hunger zu bekämpfen, wurde in Göppingen vom November 1816 bis Oktober 1817 eine sogenannte Rumford'sche Suppenanstalt im Spital eingerichtet. Dort unterstützte man die Notleidenden "mit einem wohlfeilen und dabei gesunden Nahrungsmittel". Als "Kochingredienzien" nennt das Kassenbuch der Suppenanstalt Fleisch, "Beiner" (Knochen), Brot, Dinkel, Gerste, Reis, Mehl, Haber, Erbsen, Ackerbohnen, "Grundbirnen", Salz und Allerlei. Unter letzterem waren vor allem Ausgaben für Pfeffer, Zwiebeln, Schnittlauch, Schmalz und eher selten für Butter verzeichnet.
Aus diesen Zutaten wurde täglich eine kräftige Suppe gekocht, deren Rezept Graf von Rumford erfunden hatte. Der war 1753 in der Nähe von Boston/USA zur Welt gekommen. Über England und Österreich kam er unter seinem bürgerlichen Namen Benjamin Thompson in den bayerischen Staatsdienst. Für seine Verdienste wurde er 1791 mit dem Titel Graf von Rumford ausgezeichnet. Tatsächlich verdankt ihm die Menschheit neben der Suppe, die zunächst nur für die Stärkung von Soldaten gedacht war, manche Erfindung. Bedeutend sind seine Untersuchungen über die Reibungswärme, ein von ihm entwickelter Herd, der die offene Feuerstelle ablöste, und die von ihm erfundene Anwesenheits-Kontrolluhr für Beamte in Münchener Amtsstuben. Graf von Rumford ist auch der Schöpfer des Englischen Gartens in München.
Modernes Rezept für Suppe nach Graf Rumford
Zutaten (für 4 Personen)
500 g Beinscheibe und Ochsenschwanz
1 EL Öl
75 g geräucherter Speck
1 Bund Suppengrün
1 Zweig Liebstöckel
Salz, Pfeffer
75 g getrocknete Erbsen
60 g Graupen
250 g Kartoffeln
Petersilie
Erbsen über Nacht einweichen. Gewürfelten Speck in Öl anbraten. Zerteiltes Suppengrün mit anschwitzen. Ochsenschwanz, Liebstöckel, abgegossene Erbsen, Salz und Pfeffer zugeben und mit 4 Liter Wasser aufgießen. 2 Stunden kochen lassen. In einem anderen Topf Graupen in Salzwasser garen und anschließend abgießen. Ochsenschwanz und Beinscheibe aus dem Topf nehmen, Brühe durchsieben und auffangen. Das im Sieb verbliebene Gemüse, den Speck, die Erbsen und die Graupen durch ein großes Sieb streichen. 1,5 Liter der Brühe dazugeben und zusammen aufkochen. Kartoffeln dazu geben und gar kochen. Salzen und mit Petersilie bestreuen. Guten Appetit!
1818: Trennung von Stadt und Amt
An dem Thema "Verwaltungsreformen" erhitzen sich nicht erst in jüngster Zeit die Gemüter. Ein Beispiel aus früheren Zeiten ist die Verwaltungsreform im frühen 19. Jahrhundert. In dieser Phase einschneidender politischer Umwälzungen wuchs der Umfang des württembergischen Staatsgebiets erheblich an, eine Neuorganisation der Verwaltung wurde unumgänglich.
Über Jahrhunderte hinweg war Württemberg, dem auch seit dem Mittelalter der Raum um Göppingen angehörte, in Ämter eingeteilt. Diese Ämter bestanden in der Regel aus einer Reihe von Dörfern und einer Stadt, die auch übergeordnete Aufgaben im jeweiligen Bezirk wahrnahm. Das Oberhaupt der Stadt fungierte in Personalunion auch als übergeordnete Instanz der Amtsorte. Dieser Verwaltungsaufbau wurde in Württemberg als "Stadt und Amt" bezeichnet. Auf die heutigen Verhältnisse übertragen bedeutet diese Verwaltungseinteilung vergröbert, dass Landkreis- und Stadtverwaltung eine Verwaltungseinheit bilden würden und der Oberbürgermeister die Amtsgeschäfte des Landrats wahrnähme. Im Jahr 1818 wurde die Aufspaltung vollzogen: Neben der Stadt mit dem Stadtschultheißen an der Spitze wurde als neue Verwaltungseinheit das Oberamt mit dem Oberamtmann als Behördenleiter ins Leben gerufen. Vorsteher des neu geschaffenen Oberamts Göppingen war Johann Gottlob Christoph Seeger; erster Göppinger Stadtschultheiß war ab 1819 Viktor David Keller.

Das Oberamtsgebäude in der Hauptstraße um 1820
1820: Beschwerliche Auswanderung
Im 19. Jahrhundert wanderten viele Württemberger, darunter zwischen 1830 und 1869 auch 900 Göppinger, aus ihrem ärmlichen Land aus. Grund zur Auswanderung war vor allem die Hoffnung auf ein Leben in materiellem Wohlstand in der neuen Heimat. Ziel der meisten Auswanderer waren die Vereinigten Staaten von Amerika.
Auch Anna Maria Häberle hatte 1820 dieses Ziel. Ihre Überfahrt, die unter normalen Umständen 4 bis 10 Wochen gedauert hätte, war allerdings eine Tortur. 1822 schreibt sie aus Amerika an ihren Vetter in der alten Heimat "...unsere Seereise war eine der gefährlichsten, indem wir am 22. Juli Sturm bekamen und die Mastbäume verloren, dass wir also 24 Wochen auf der See waren und hernach erst an Portugal anlandeten. ... Die Person bekam nur 1 Pfund Brot für die ganze Woche und 66 Kinder starben an Hunger und es war ein erbärmliches Elend. Darum ist unser Schiffskapitän nach Portugal gefahren, um etwas bälder ans Land zu kommen und da mussten wir uns ein ganzes Jahr aufhalten."
Viele der ersten Auswanderungswilligen wurden Opfer von kriminellen Kapitänen, die das große Geschäft witterten und ihre alten Schiffe mit viel zu vielen Menschen überfüllten. Mehrere Wochen lebten diese bei der Überfahrt im Zwischendeck, ein Raum mit einer Höhe von ca. 1,65 Meter.

Anzeige einer Göppinger Auswandereragentur im Wochenblatt.
1825: Brauerei zum Rad und Gasthaus Goldenes Rad
Im Herbst 1825 konnte der Brauer Georg Adam Bühler zum ersten Mal in seinem Gasthaus zum Goldenen Rad, Poststraße 37, heute Landesgirokasse, selbst gebrautes Bier ausschenken. Seit dem Stadtbrand 1782 stand die nicht sehr bedeutende Gaststätte vor dem Stadttor, doch mit dem neuen Besitzer nahm der Betrieb einen großen Aufschwung. Nach drei Jahren stand die Brauerei zum Rad an dritter Stelle der sechs Göppinger Brauereien. Bier wurde noch im Hirsch, im Dreikönig, in der Krone, im Waldhorn und in der Sonne gebraut. Bald musste die Brauerei vergrößert werden, an der Jebenhäuser Straße wurde der Radkeller als Gärkeller betrieben.
Im Jahre 1869 ging die Brauerei für 34 000 Gulden an Markus Rau, den Posthalter und Ochsenwirt aus Hausen ob Lontal. Bald war die Brauerei zum Rad die größte am Ort. 1907 kam der Kaiserhof dazu, zudem belieferte die Brauerei die Göppinger mit Kunsteis. Die Familie Rau vergrößerte die Brauerei, 1930 bekam das Goldene Rad zwölf Fremdenzimmer, ein Turn- und ein Sängersaal wurden eingerichtet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg richteten die Amerikaner einen PX-Laden und eine Snackbar im Rad ein, von 1951 bis 1985 wurde das traditionsreiche Gasthaus dann noch weitergeführt. 1989 genehmigte nach langem Hin und Her das Regierungspräsidium den Abruch des Lokals, was zu zahlreichen Protesten führte. Für die Brauerei kam 1996 das Aus, das Staufen Bräu – wie das Rad-Bier in der Zwischenzeit hieß – wird seither in Geislingen gebraut, die Göppinger Bierbrautradition fand damit ihr Ende.

Brauerei und Gaststätte im Jahr 1893.
1826: Liederkranz
Der Göppinger Liederkranz, der noch heute viele Mitglieder zählt, ist nicht nur der älteste Verein Göppingens, sondern überhaupt einer der ältesten Württembergs. Gegründet hat ihn 1826 Johann Friedrich Rumpp. Rumpp, der ursprünglich aus Stuttgart kam, war seit 1824 Hilfslehrer an der Göppinger Lateinschule.
Anfänglich probten die Sänger in einem Firmengebäude an der Poststraße, später im Rathaus. Da viele Dirigenten von Beruf Lehrer waren, fanden die Singstunden später auch in Schulen statt. Neben dem Singen spielte die Geselligkeit immer eine große Rolle. So traf man sich zu den Proben häufig auch in Gasthäusern. Nach den meist sonntäglichen Singstunden unternahmen die Vereinsmitglieder oft gemeinsame Ausflüge.1849 vereinigten sich 27 schwäbische Gesangsvereine im Göppinger Hotel zu den Aposteln zum Schwäbischen Sängerbund, darunter auch der Göppinger Liederkranz.
Zeitweilige Krisen wurden gemeistert und noch heute hat der Liederkranz einen festen Platz im Göppinger Kulturkalender. Bis 1947 war er übrigens nur Männern vorbehalten. Erst seit dieser Zeit zählen auch Frauen zu den Mitgliedern.

Der Liederkranz auf einer Reise
1827: Erste Göppinger Zeitung
Am 16. Mai 1827 erschien die erste Ausgabe der Göppinger Lokalzeitung "Intelligenz-Blatt für die Oberamtsstadt Göppingen". Das Blatt im Umfang von vier Seiten erschien zweimal wöchentlich jeweils mittwochs und samstags. Verlegt wurde die erste Göppinger Zeitung vom gelernten Bäcker Andreas Schnarrenberger aus Faurndau. Als Redakteur des Blattes fungierte der demokratisch gesinnte Schullehrer Johannes Betz. Schon im November 1827 musste Betz aufgrund seiner demokratischen Einstellung gehen. Der Verleger Schnarrenberger übernahm jetzt auch die redaktionellen Aufgaben.
Anders als heute enthielt die frühe Lokalpresse keine Lokalberichterstattung. Der Inhalt gliederte sich in zwei Teile, der erste bestand aus "Privat-Bekanntmachungen", der zweite umfasste Nachrichten aus aller Welt, Rätsel und kurze Erzählungen. Vor dem Druck musste die jeweilige Zeitungsausgabe dem Oberamt zur Prüfung, d. h. Zensur, vorgelegt werden.
1829 wurde die Zeitung in "Wochenblatt für die Oberamtsstadt und den Bezirk Göppingen" umbenannt. Erst 1894 erschien die Göppinger Zeitung täglich. Unter der Rubrik "Hiesiges" wurde jetzt auch verstärkt über Ereignisse in der Stadt und in den Oberamtsgemeinden berichtet.

Titelseite der No. 1 der ersten Göppinger Zeitung.
1829: Das erste städtische Krankenhaus
In früheren Zeiten wurden die Kranken zu Hause gepflegt und vom Arzt behandelt. Durchreisende Kranke und Gemütskranke kamen im Armen- und Siechenhaus unter, das an der heutigen Wehrstraße stand, für ältere und gebrechliche Kranke bot das Spital (ehemalige Handelsschule, heute Spitalplatz) Behandlungsmöglichkeiten. Unter dem Eindruck der Typhusepidemie 1805 und der steigenden Bevölkerungszahl setzte sich der Göppinger Oberamtsarzt Dr. Hartmann stark für den Bau eines Krankenhauses ein. Er sah vor allem einen Bedarf für die Dienstboten, Handwerksgesellen und Taglöhner, die im Krankheitsfall nicht in den Häusern ihrer Dienstherren und Meister gepflegt werden konnten.
1829 wurde das Krankenhaus – an der heutigen Bleichstraße (Staufen-Center) gelegen – eröffnet. Im Erdgeschoss waren vier beheizbare Krankenzimmer mit je zwei Betten, im Dachgeschoss befand sich die Wohnung des Krankenwärters. Aus dem Hausbuch des Krankenhauses ist ersichtlich, dass Hautkrankheiten oder Krätze, gefolgt von Fieberkrankheiten am häufigsten waren. Der Krankenhausaufenthalt war umsonst, doch mussten die Dienstherren einen Obolus in eine Versicherungskasse entrichten. Trotz Anbau wurde das Krankenhaus im Zeitalter der Industrialisierung rasch zu klein. 1886 eröffnete ein neues städtisches Krankenhaus mit 80 Betten – jetzt für alle Bürger zugänglich – an der Eberhardstraße seine Pforten.

Planansicht des Göppinger Krankenhauses aus dem Jahre 1828.
1833: Ziegel für Göppingen
Die Wohnanlage "Alte Ziegelei" an der Lorcher Straße hält mit ihrem Namen die Erinnerung an die ehemalige Dachziegel- und Backsteinfabrik Baumann lebendig. 1993 wurden die letzten Gebäude der Fabrik abgerissen, in denen sich zuletzt Mietwohnungen befanden.
1833 hatte Johannes Baumann die Ziegel- und Tonwarenherstellung in Göppingen aufgenommen. Den Rohstoff für seine Produktion, tonhaltigen Lehm, gewann er unweit seiner Werkstatt im Bereich des ehemaligen Schockensees.
Mit der Aufstellung einer Dampfmaschine 1873 begann die industrielle Produktion. Die Dachziegel konnten nun von Maschinen geformt werden und mussten nicht mehr Stück für Stück von Hand gestrichen werden. Die höhere Produktion war auch notwendig, denn die Industrialisierung hatte einen Bauboom ausgelöst.

Baumann'sche Ziegelei um 1910, Ecke Lorcher-/Eberhardstraße
1833: Tag und Nacht für die öffentliche Ordnung unterwegs
Was vor über 150 Jahren ein städtischer Polizei-Wachtmeister mit wenigen Polizeidienern an seiner Seite an Aufgaben bewältigen musste, darum kümmern sich heute viele Fachbehörden und -stellen.
Eine für den Polizei-Wachtmeister abgefasste Dienst-Vorschrift aus dem Jahr 1833 gibt uns in frühere Verhältnisse in einer überschaubaren Kleinstadt guten Einblick. Zunächst wurde vom Wachtmeister verlangt, auf die Sauberkeit in der Stadt zu achten. Er musste darüber wachen, dass die Dunglegen an den Straßen nicht vermehrt und alle Samstage die Straßen durch den Wegknecht gereinigt wurden. Überdies hatte er ein Auge auf unerlaubt gelagerten Schutt oder Umbaumaterial vor den Häusern zu werfen. Kurz, seine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, "daß alle Straßen und Gassen reinlich sind, daß sie nicht verstellt werden, und man sie zu jeder Zeit fahren und wandeln könne".
Darüber hinaus oblag dem Polizeiwachtmeister die Überwachung der Verkehrssicherheit. Nachts durften Fahrzeuge nicht unbeleuchtet in den Straßen abgestellt werden, tagsüber musste er das schnelle Fahren und Reiten in der Stadt zur Rüge bringen. Das starke Knallen der Fuhrleute mit ihren Peitschen durfte er auf keinen Fall dulden. Zu den Aufgaben des Polizei-Wachtmeisters gehörten auch feuerpolizeiliche und lebensmittelpolizeiliche Aufgaben. Er hatte darauf zu achten, dass in der Stadt nachts keine Fackeln benutzt wurden und die Raucher sich korrekt verhielten. Wenn er jemand ohne Pfeifendeckel beim Rauchen auf der Straße antreffen sollte, dann war es seine Pflicht, die Tabakspfeife wegzunehmen und diese sicherzustellen.
Seine besondere Aufmerksamkeit musste der Wachtmeister auf die Qualität der Lebensmittel legen: schlechtes Bier, Brot oder Fleisch, unreifes Obst auf dem Wochenmarkt oder das Hantieren mit falschem Maß und Gewicht war sofort zur Anzeige zu bringen wie alle anderen Vorfälle, vormittags 8 Uhr beim Schultheißenamt zu melden.
Strafbefugnisse hatte der Wachtmeister nicht, aber absolute Gehorsamspflicht. Paragraph 37 der Dienst-Ordnung verlangte von ihm, alle Aufträge von Seiten des Stadtschultheißenamts oder Stadtrats ohne Widerrede sofort auszuführen. Der letzte Paragraph mit der Nummer 38 der Dienst-Ordnung könnte auch heute noch Bestand haben: er sollte jegliche Korruption im Dienst unterbinden. Dort hieß es: "Der Polizei-Wachtmeister wird sich nicht durch Geschenke, Gefälligkeiten oder Versprechungen in Ausübung seiner Pflichten wankend oder nachlässig machen lassen, der Verlust des Dienstes würde auf eine solche Pflichtwidrigkeit unausbleiblich folgen".
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Das älteste Bild der städtischen Polizeimannschaft stammt aus dem Jahr 1901.
1834: Die letzte Hinrichtung am Galgenberg
Flurnamen wie "Galgenberg" oder "Hochgericht" erinnern noch heute in vielen Städten und Gemeinden an den Standort der meist exponiert gelegenen alten Richtstätte. Dort wurden die auf schwere Verbrechen verfügten Todesurteile, die vom Landesherrn genehmigt werden mussten, vollstreckt. Die letzte öffentliche Hinrichtung an der Göppinger Richtstätte fand am 3. Juli 1834 statt. Der Scharfrichter vollzog das Todesurteil mit dem Schwert an dem Schreiner Thomas Friedrich Rammenstein aus Faurndau. Dieser hatte im Jahr zuvor den Faurndauer Schultheißen Auwärter ermordet. Zu der Tat war es gekommen, weil der Ortsvorstand dem Schreiner die erforderlichen amtlichen Genehmigungen bzw. ein Vermögenszeugnis verweigert hatte, welche dieser für die Heirat seiner Verlobten benötigte.
Bis 1860 war der Entschluss zu heiraten, keine rein private Angelegenheit, sondern unterlag dem Einspruchsrecht der Gemeinde. Der Hauptgrund für diese "Heiratsschranke" lag im Interesse der Gemeinde, die Heirat mittelloser Eheleute, die vielleicht später der öffentlichen Unterstützung zur Last fallen könnten, zu verhindern.

Das Göppinger Hochgericht nördlich der Fils auf der Kieser’schen Forstkarte aus dem späten 17. Jahrhundert.
1835: Abbruch eines Stadttores
In der Phase des Wiederaufbaus nach dem zweiten Göppinger Stadtbrand 1782 wurde auch die durch die Feuerkatastrophe in Mitleidenschaft gezogene Stadtbefestigung wieder aufgebaut. Dass sich der Wiederaufbau von vier Stadttoren samt Wachthäusern als Fehlinvestition erweisen sollte, belehrt uns die weitere Entwicklung der Geschichte: Im Gefolge neuer Waffen und Kriegstechniken verlor die Stadtummauerung ihren strategischen Wert. Außerdem war der Befestigungsgürtel für die Ausdehnung der Stadt im Industriezeitalter ein Hindernis. So wurden die Mauern um 1835 endgültig niedergelegt und die Stadttore abgebrochen. Anschaulich wird dazu in den Quellen des Stadtarchivs berichtet: "Das Stadt und Amt mit Eigentum zustehende obere Thorhauß macht durch sein aufstehendes, ganz außer der Flucht gegen die übrigen Häußer liegendes Hervorragen einen gar üblen Eindruck ... [und man schlägt vor,] das obere Thorhauß mit Grund und Boden der Stadt als Eigenthum auf den Abbruch zu überlassen."

1836: Göppingens erstes großes "Musikfestival"
In Göppingen hatte sich 1826 ein Liederkranz gegründet. Er ist nicht nur der älteste Verein der Stadt, sondern zählt zu den ältesten Vereinigungen Württembergs überhaupt. 1836 fiel dem noch jungen Verein die vornehme Aufgabe zu, in Göppingen ein großes Liederfest auszurichten. Als Veranstaltungsort diente die in einem Dornröschenschlaf harrende Oberhofenkirche. Am Pfingstmontag desselben Jahres versammelten sich in Göppingen zahlreiche auswärtige Liederkränze. Diakon Schmid hielt die Eröffnungsrede zum allgemeinen Liederfest und ließ dabei den vaterländischen Gesang und die deutschen Männerchöre hoch leben. Er endete seine Festansprache, die von der Schnarrenberger’schen Buchdruckerei als Broschur veröffentlicht wurde, mit den Worten: "So töne denn freudig, deutscher Gesang, und öffne alle Herzen von Neuem deiner Liebe und Lust ...! Laß höher schwellen deine Wogen und mächtig dringen an jede Brust, daß uns das Fest dieses Tags ein Fest der Weihe werde, daß wir von neuer Liebe entflammt hingehen, um deinen Segen zu verbreiten, um deine Ströme fortzuleiten hinaus ins liebe Vaterland!"
Im Jahr 1854 wurde abermals Göppingen zum Austragungsort des "allgemeinen Liederfestes" bestimmt. Im Jahresbericht wird diese Veranstaltung im Rückblick dank dem Zusammenwirken der gesamten Einwohnerschaft als "eines der gelungensten, welches in Schwaben gefeiert wurde", beschrieben.

Festbändel zum zweiten Liederfest in Göppingen im Sommer 1854.
1838: Die Wilhelmshilfe
Die Wilhelmshilfe kennen wir heute als Einrichtung für ältere Menschen. Dass die Anstalt für junge Menschen gegründet wurde, ist kaum bekannt. Ein 1838 in Göppingen ins Leben gerufener Verein wollte eine moderne Form des Waisenhauses errichten, in dem Kinder und Jugendliche familiäre Geborgenheit erfahren und unter anderem durch Arbeit zu "sittlicher Reife" gelangen sollten. Die Wilhelmshilfe, nach dem württembergischen König Wilhelm I. benannt, konnte 1843 mit 25 Kindern ein Haus in der Wilhelmstraße 13 beziehen. 1903 erfolgte der Umzug in ein neues, größeres Gebäude in der Hohenstaufenstraße, an der Stelle des heutigen Panoramahochhauses.

1941 wurde der Verein aufgelöst. Nach dem Krieg trug die Stadt der wieder neu gegründeten Wilhelmshilfe die Altenpflege an. Dafür wurde das Grundstück an der heutigen Hohenstaufenstraße 4 gekauft, auf dem sich auch heute noch der Sitz der mittlerweile größten Altenhilfeeinrichtung Göppingens befindet.
1839: Die Baufirma Kübler
Dem Anfang der Firma in Göppingen waren zunächst Steine in den Weg gelegt. Als Friedrich Kübler aus Weilheim sich 1810 ums Göppinger Bürgerrecht beworben hatte, war sein Ansuchen abgelehnt worden, da sein Vermögen als nicht ausreichend angesehen wurde, seine künftige Familie zu ernähren. So hätte und damit würde er der Stadt bald zur Last fallen können. Erst als er sich an den König wandte, konnte er in das Göppinger Bürgerrecht eintreten. Gegründet wurde die später so erfolgreiche Baufirma 1839. Ihre Entwicklung verdankt sie dem Bau der Eisenbahn und der aufstrebenden Wirtschaft im Filstal und in ganz Württemberg. Die Wirtschaft benötigte mehr und mehr gewerbliche Bauten, steigende Bevölkerungszahlen in den Städten erforderten neue Wohnbauten.
Karl Kübler, der Enkel des Firmengründers, entwickelte das Unternehmen zum Großbetrieb. Die Firma Karl Kübler stand bald mit an der Spitze der württembergischen Bauunternehmen. Es ist eine der ersten Firmen, die den Betonbau anwandte. Zu ihren bedeutenden Bauausführungen zählen das Stuttgarter Opernhaus und der Stuttgarter Hauptbahnhof. Aber nicht nur Wohn- und Industriebauten wurden von Kübler errichtet, auch fünf Göppinger Kirchtürme sind Werke der Baufirma. Im Februar 1977 musste die Firma Konkurs anmelden.

Die Mitarbeiter der Baufirma Karl Kübler auf ihrem Bauhof.
1839: Vom Heilbad zum "Landerer"
Das Göppinger Sauerwasser-Heilbad war mit dem Dreißigjährigen Krieg in eine Existenzkrise geraten. Alle Bemühungen der herzoglich-württembergischen Besitzer um Ankurbelung des Badbetriebs fruchteten nicht. Auch die 1745 erfolgte Privatisierung führte zu keinem Umschwung.
Am 16. November 1839 erwarben die Göppinger Stadtärzte Dr. Ludwig Palm – nach ihm ist die Palmstraße beim Oberholz benannt – und Dr. Heinrich Landerer, der ein Jahr zuvor erst nach Göppingen gekommen war, das Bad. Sie versuchten, den Badebetrieb wieder zum Laufen zu bekommen und richteten dazu 24 Badkabinette ein. 1840 konnten bereits 4.000 Bäder abgegeben werden, doch ein dauerhafter Aufschwung stellte sich nicht ein. 1846 stieg Dr. Palm aus dem Betrieb aus, der Schwager Landerers, Gustav Werner, der Gründer der Wernerschen Anstalten in Reutlingen, übernahm seinen Part. Damit endete die Zeit der Badekuranstalt und es begann die Umwandlung des Heilbades in ein Krankenhaus, in dem zunächst orthopädische, chirurgische und psychiatrische Behandlungen stationär durchgeführt wurden. Nach einer Reise durch mehrere psychiatrische Heilanstalten entschloss sich Dr. Landerer, eine eigene psychiatrische Klinik einzurichten. Zusammen mit dem Arzt Dr. Jung eröffnete er am 1. 5. 1852 die Heil- und Pflegeanstalt und nannte sie Christophsbad. Durch eine geschickte Geschäftspolitik entwickelte sich "der Landerer" – wie die Anstalt im Volksmund hieß – rasch zu einem der größten psychiatrischen Krankenhäuser. 1874 war das die Heilanstalt mit 400 Kranken belegt. Heute zählen die verschiedenen Kliniken des Christophsbades zu den größten Privatkrankenhäusern im Land.
Die Heilanstalt Christophsbad auf einem Rechnungsbogen von 1866.
1841: Die Göppinger Stände ehren den König
Am 28. September 1841 feierte König Wilhelm I. von Württemberg sein 25-jähriges Regierungsjubiläum. Zu diesem Anlass fand in Stuttgart ein Jubiläumszug statt, an dem sich alle 64 Oberämter mit Delegationen und Festwagen beteiligten. Rund 10.000 Menschen defilierten im Festzug vor dem Neuen Schloss vor dem Königspaar vorbei. Nachdem der Festzug später minutiös im Bild festgehalten und in Drucken publiziert wurde, wissen wir über die Präsentation des Oberamts Göppingen Bescheid. Dieses war mit berittenen Fahnenträgern der Stadt sowie einem Festwagen der Tuchmacher und einem festlich geschmückten Heuwagen des landwirtschaftlichen Vereins von Göppingen und Geislingen in Stuttgart vertreten.
Zu seinem Jubelfest erteilte der württembergische König eine Amnestie. Dazu erschien im Göppinger Wochenblatt eine in Versform niedergeschriebene Danksagung (eines davon Betroffenen?) an den "Volksbeglücker König Wilhelm" für seine kluge Entscheidung. Dazu reimt der anonyme Autor: "Das schönste was noch je ein Fürst gegeben, / Das gabst Du heute Deiner Nation: / Du hast geschaffen uns ein neues Leben, / Und feste Stützen Dir und Deinem Thron!"
Festwagen des Landwirtschaftlichen Vereins von Göppingen und Geislingen zum Regierungsjubiläum Wilhelms I.
1842: Die Museums-Gesellschaft
"Museum" nannten sich im 19. Jahrhundert die gehobenen Geselligkeitsvereine in den Städten. Auch in Göppingen gründete die Oberschicht im Jahr 1842 eine Museums-Gesellschaft. Ihr konnte – wie es in den Vereinsstatuten heißt – jeder unbescholtene und gebildete Mann aus der Stadt und deren Umgebung beitreten, der mindestens 18 Jahre alt war. Ehefrauen bzw. Familienangehörige wurden oft zu den Veranstaltungen eingeladen.
Sekretär dieses ersten bürgerlichen Bildungsvereins war Rechtskonsulent Christian Seefrid, der spätere Landtagsabgeordnete und Göppinger Stadtvorstand. Der Verein unterhielt eine Bibliothek mit Büchern und Zeitschriften. Die von ihm organisierten Tanzveranstaltungen, Bälle und musikalischen Abendunterhaltungen dienten dem geselligen Beisammensein. Die Göppinger Mitglieder des Museums besaßen kein eigenes Kulturhaus, vielmehr versammelten sie sich abwechselnd in den Nebenzimmern und Sälen der Gasthäuser. Die Bibliothek befand sich z. B. 1850 in der Wohnung eines Lehrers, der diese den Mitgliedern am Montag und Donnerstag von 13-14 Uhr zur Ausleihe öffnete.
Der gesellige Verein hat mindestens bis 1939 bestanden. Im Adressbuch dieses Jahres ist der Fabrikant Max Scheerer als Vorsitzender genannt.

Anzeige im Göppinger Wochenblatt vom 12. Februar 1851.
1842: Göppingens erster Ehrenbürger
Die Ehrenbürgerurkunde ist die höchste Auszeichnung, die im Stadt- oder Gemeinderat einer verdienten Persön-lichkeit verliehen werden kann, deren Leistungen Vorbild und Richtschnur für unser allgemeines Handeln sein können. Erstmals wurde eine solche Auszeichnung in Deutschland im Jahr 1547 in Celle verliehen. Die Göppinger Ratsmitglieder machten von dieser Auszeichnung erstmals 1842 Gebrauch, in dem sie beschlossen, dem Ober-amtsarzt Dr. Friedrich Hartmann "das Bürgerrecht der hiesigen Gemeinde unentgeltlich zu ertheilen und ihm hierfür eine Urkunde durch eine Deputation aus dem Stadtrath überreichen zu lassen".
Die Ehrung fand in einem festlichen Rahmen im Badgebäude zum 50. Dienstjubiläum von Dr. Hartmann statt. Im Rahmen dieser Feier wurde der Mediziner auch im Namen des württembergischen Königs geehrt: ihm wurde der persönliche Adelstitel zuerkannt.
Friedrich von Hartmanns Verdienste lagen in der erfolgreichen Bekämpfung der Typhusepidemie, die russische Kriegsgefangene eingeschleppt hatten, und im standhaften Eintreten für den Bau eines Krankenhauses in Göppingen. Überdies machte er sich als Naturforscher und Fossiliensammler einen Namen. Nach ihm ist die Hartmannstraße im Bodenfeld benannt.

Mediziner und Naturforscher Dr. Friedrich von Hartmann (1767–1851)
1843: Das landwirtschaftlich geprägte Amtsstädtchen
Göppingen zählte im Jahre 1843 exakt 5.359 Einwohner. Viele der in Gewerbe- und Handwerksbetrieben beschäftigten Einwohner führten nebenher eine Landwirtschaft und bauten Gemüse und Obst in ihren Gärten an. Daneben bebauten "hauptberufliche" Landwirte die 3.334 Morgen (1 Morgen = 32,5 ar) landwirtschaftlich genutzte Fläche, das waren 68% der Markungsfläche. 30 % der Fläche waren Wiesen und Weiden, 32 % Ackerflächen und 6% Gärten.
Göppingen war damals für seine Pferdezucht bekannt, 219 Pferde standen 1843 in den Ställen. Ebenso hebt die Oberamtsbeschreibung die Rinderzucht hervor. In den Ställen Göppinger Bürger standen bevorzugt Schweizer Schwarzschecken, die wegen ihrer Größe, Milchergiebigkeit und guten Mastfähigkeit gesucht waren. Neben den fast 600 Rindern und Kälbern sind zur Vervollständigung der Statistik noch die fast 2.500 spanischen Schafe zu erwähnen, die wegen der beliebten Wolle gezüchtet wurden.
Gesamtfläche 4937,4 Morgen
Gärten 295 Morgen ca. 6 %
Wiesen 1368 Morgen ca. 28 %
Äcker 1576 Morgen ca. 32 %
Wälder 1309 Morgen ca. 26,5 %
Weiden und Öde 95 Morgen ca. 2 %
Seen und Gruben 70 Morgen ca. 1,4 %
Straßen, Gebäude und Höfe 225 Morgen ca. 4,6 %
Einwohnerzahl 5359
Gesamtgebäude 848
Viehbestand
Pferde 219
Rindvieh 558
Schafe (spanische) 2439 Bastarde 391 2830
Schweine 196
Ziegen 30
gesamt 3833
Bienenstöcke 50
1844: Gründung des ältesten Turnvereins im Filstal
Am 27. November des Jahres 1844 wurde der älteste Turnverein des Filstales in Göppingen gegründet. Er war natürlich ein Männer-Verein und nannte sich "Männer-Turngemeinde Göppingen".
Turnen und Politik waren von Anfang an eng miteinander verflochten. Paragraph 1 der Satzung von 1848 erklärte den Zweck des Vereins: "Die körperlichen Anlagen der Mitglieder auszubilden und zu kräftigen. Reinheit der Sitten zu erstreben, zu bewahren und zu verbreiten. Für Hebung der geistigen Anlagen der Mitglieder zu sorgen." Geturnt wurde an Geräten wie Bock, Pferd, Leiter und Seil. Zudem waren Laufen, Springen und Werfen erste ausgeübte Disziplinen. Ein Hauptanliegen war die Einführung des Turnunterrichts an den Schulen, was der Verein 1845 erreichte.
Die 1848 gestiftete Vereinsfahne mit den Farben Schwarz-Rot-Gold symbolisiert das Bekenntnis zu Republik und Demokratie.
Zunächst übte der rasch anwachsende Verein in einer Holzremise des Christophsbades. Als diese zu klein wurde, wich man in den Fruchtkasten beim Schloss aus, später in einen Stall im Nebengebäude des Gasthauses zum "Rad" und noch später in den städtischen Bauhof in der Mittleren Karlstraße, bevor man 1868 in eine neu erbaute Turnhalle auf dem Damm über der Fils einzog.

Ludwig Schaller, Mitbegründer des Turnvereins
1844: Spuk im Wirtshaus "Sand"
Das Gasthaus und Hotel "Sand" in der Geislinger Straße gegenüber dem heutigen Kreissparkassengebäude existiert schon lange nicht mehr. Die Geschichte des Hauses reicht mindestens bis ins 15. Jahrhundert zurück. Gasthaus war es bis in die 1920er Jahre. Der "Sand" befand sich vor der Stadtmauer, diente u. a. nach Schließung der Stadttore den Reisenden als Unterkunft und hat in seiner langen Geschichte sicher vieles erlebt.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts soll es dort sogar gespukt haben, so zumindest nach zeitgenössischen Gerüchten. Der Sandwirt Köpf sah sich genötigt, gegen diese, sein Gasthaus schädigende Gerüchte, etwas zu unternehmen. So setzte er im Januar 1844 einen Widerruf in das Göppinger Wochenblatt. Darin distanzierte er sich von der in Göppingen umlaufenden Geschichte, wonach sein verstorbener Hausknecht ein Mörder sei und deswegen im "Sand" als Geist herumspuke. Um den Name des Urhebers der Lüge zu erfahren, setzte Köpf sogar die Summe von 11 Gulden als Belohnung aus.

Gasthaus Sand in der Geislinger Straße 26, später u. a. Palast-Lichtspiele
1846: Gründung der Oberamtssparkasse
Am 15. Oktober 1846 nahm die Oberamtssparkasse Göppingen als eine der ersten ihrer Art den Geschäftsbetrieb auf. Zuvor gab es im Land eine Reihe von privaten Sparkassen und Gemeindesparkassen. Bei der Göppinger Neu-gründung war die Amtskörperschaft des Oberamts Gewährträger, außerdem durfte die Kasse keinen Gewinn erzielen. Erster Kassierer wurde der Oberamtspfleger Karl Dietrich Rommel, der zugleich der höchste Finanz-beamte des Oberamtes war. Die Sparkasse durfte nur der "ärmeren Volksklasse Gelegenheit zur verzinslichen Unterbringung von Ersparnissen geben". Die Zulassungsbeschränkung hatte einen gesellschaftspolitischen Auf-trag, sie sollte eine Daseinsvorsorge durch Vermögensbildung für die Unterschichten sein. Gleichwertig stand die Kreditgewährung für Bevölkerungsgruppen, die am Markt "auf gewöhnlichem Weg" kein Geld bekamen, als zweite Aufgabe in den Statuten. Die Zinsen für Spareinlagen lagen bei 4%, für Kredite musste man 5% bzw. 6% bei Bürgschaft bezahlen, wobei die Auszahlung 100% betrug.

Sparkassenbuch für ein Mündel, um 1900.
1846: Mit dem Fuhrwerk unterwegs – Die Anfänge der Spedition Wackler
Möbeltransporte, Müllabfuhr und verschiedene andere Transporte – die Spedition Wackler erfüllt heute alle diese Dienstleistungen und ist damit ein Teil des Stadtbildes. Die Anfänge mit Wagen und Pferd liegen fast 150 Jahre zurück.
Christian Victor Luz, ein Fuhrmann aus Göppingen, betätigte sich seit 1846, und erst recht nach dem Eisenbahnanschluss 1847 als Güterbeförderer innerhalb des Göppinger Stadtgebietes. Vorher hatte er schon Botendienste zwischen Göppingen und Stuttgart verrichtet. Seine Tochter aus zweiter Ehe heiratete 1867 den Wasseralfinger Ludwig Wackler, der sofort in die Firma aufgenommen wurde. Drei Jahre später übernahm Wackler die Leitung des Betriebes. Er erkannte, dass der Firmensitz von der Kirchstraße in Bahnhofsnähe verlegt werden müsste und erwarb, nachdem er von der Generaldirektion der Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen zum amtlichen Güterbeförderer bestellt worden war, ein großes Grundstück an der Davidstraße. Seine bald 20 Mitarbeiter übernahmen ab 1880 auch Überlandtransporte und kurz danach zusätzlich noch Möbeltransporte. Mit 51 Jahren verstarb Ludwig Wackler, oder Louis Wackler – wie er sich nannte – 1891 überraschend als angesehener und vermögender Bürger. Seine Witwe führte den Betrieb zunächst weiter, verkaufte ihn aber 1912 an Carl Friedrich Jäger und Johannes und Georg Schwarz - letztere sind Vorfahren der heutigen Geschäftsinhaber.

Das 1876 erbaute Wohngebäude nebst Stallungen in der Davidstraße.
1847: Einweihung des Göppinger Bahnhofs
Mit der Eröffnung des Teilabschnitts zwischen Plochingen und Süßen der Eisenbahnlinie Stuttgart – Ulm am 11. Oktober 1847 ging die feierliche Einweihung des Göppinger Bahnhofs einher. Göppingen hatte damit nur zwölf Jahre nach der Inbetriebnahme der ersten Eisenbahnstrecke Deutschlands zwischen Nürnberg und Fürth im wahrsten Sinne des Wortes den "Anschluss" an ein neues Verkehrssystem erreicht, das für die Industrialisierung des Landes wie der Filstalregion von großer Bedeutung werden sollte. Eingebunden in das Projekt waren zahlreiche Kräfte vor Ort. So engagierten sich in dem 1845 gebildeten "Comité zur Betreuung der Eisenbahnangelegenheiten" etliche Handels- und Gewerbetreibende. Ferner waren die Arbeiten für den Bahnbau auf dem Streckenabschnitt unter maßgeblicher Beteiligung der ortsansässigen Handwerker und Unternehmen aufgenommen worden. Am großen Festtag der Inbetriebnahme der Eisenbahnstrecke wurde auf Beschluss des Stadtrats das Bahnhofsgebäude mit Fahnen geschmückt. Zur Begrüßung des ersten Zuges um 10 Uhr wurden Böllerschüsse abgefeuert. Musikalisch umrahmt wurden die Festlichkeiten vom Musikkorps der Königlichen Garde, welche an verschiedenen Plätzen der Stadt und bei der zentralen Feier der Bürgerschaft im Hotel "Apostel" aufspielte.

1848: Gründung eines Arbeiterbildungsvereins in Göppingen
Die Geschichte der Arbeiterbewegung in Göppingen begann im Revolutionsjahr 1848. In der Zeit des Aufbruchs, in der politische und sonstige Vereine aller Art entstanden, organisierten sich Handwerksgesellen und Fabrik-arbeiter in einem Arbeiterverein. Die Gründung des Vereins erfolgte mit der Zielsetzung, Gleichberechtigung einzufordern, für materielle Absicherung bei Krankheit und Arbeitslosigkeit zu sorgen und sich ganz allgemein zu bilden. Nach dem Scheitern der Revolution wurde die Arbeiterbewegung im ganzen Land unterdrückt. Der Göp-pinger Verein stellte 1852 seine Tätigkeit ein.
1863 wurde in Göppingen erneut ein Arbeiterverein gegründet. Nach nur zwei Monaten hatte er schon rund 150 Mitgieder. Lange vermied der Göppinger Verein eine politische Festlegung. Erst nach 1869 erfolgte die Hinwen-dung zur Sozialdemokratie.

1848: Christian Seefrid – ein liberaler Demokrat der ersten Stunde
"Rechts-Consulent Seefrid hat sich in Göppingen niedergelassen, wohnt bei Bäcker Zinser und bietet seine Dienste an." Mit dieser Anzeige im Wochenblatt trat 1840 der gerade zugezogene Anwalt Seefrid an die Öffentlichkeit. Rasch integrierte er sich in das Stadtleben, engagierte sich im Liederkranz und wurde 1845 Landtagsabgeordneter. Als Verfechter demokratischer Ideen verband ihn eine Freundschaft mit Schulmeister Johannes Betz, ebenfalls ein Vorkämpfer für die Demokratie. Am 26. März 1848 rief der Abgeordnete Seefrid die Göppinger zu einer Volksversammlung auf. Mehrere Tausende Göppinger fanden sich auf dem Marktplatz ein. Ziel der Versammlung war die Gründung eines "Vaterländischen Vereins", der sich um alle Fragen, die das Volk betreffen, kümmern sollte. Aus diesen in ganz Württemberg gegründeten Vereinen entstand die Volkspartei, die liberale Bewegung in Württemberg hatte damit ihre Geburtsstunde in Göppingen. Im selben Jahr war Seefrid als Stellvertreter-Kandidat für Staatsrat Friedrich Roemer für die Wahlen zur Nationalversammlung nominiert.
1858 wurde der Abgeordnete "durch das Vertrauen der hiesigen, freisinnigen Bürgerschaft" zum Nachfolger von Stadtschultheiß Ludwig Heinrich Widmann gewählt. 23 Jahre lang, bis zu seinem Tod am 3. Oktober 1881, stand er der Stadt vor. 1875 hatte er die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen bekommen.

Abb. Christian Seefrid (1818 bis 1880) im Alter von 30 Jahren.
1850: Ein Holzheimer inhaftiert auf dem Hohenasperg
Der 1802 in Kohlstetten bei Münsingen geborene Schneidermeistersohn Friedrich Schnitzer kam 1838 in den heute zu Göppingen gehörigen Ort Holzheim als Schullehrer. Schon bald entfaltete er neben seiner pädago-gischen Tätigkeit ein unermüdliches Engagement im öffentlichen Leben und wurde Mitbegründer des Schul-lehrerfilialvereins. Schnitzer freundete sich schon bald eng mit dem Göppinger Schulmeister Johannes Betz an, einem entschiedenen Verfechter demokratischen Gedankenguts. In der Phase der Revolution 1848/49 setzte sich Friedrich Schnitzer zusammen mit seinem Freund Betz sowie dem damaligen Göppinger Landtagsabge-ordneten Seefrid, dem Industriellen Louis Bareiß und dem Arzt Dr. Landerer aktiv für die Ziele der demokra-tischen 48er-Bewegung ein.
Bitter enttäuscht von dem sich abzeichnenden Scheitern der demokratischen Kräfte in der Frankfurter Pauls-kirche ließ er sich auf einer Versammlung in Ulm zu einer Bemerkung mit weitreichenden Folgen hinreißen. Er bezeichnete dort die Versprechungen der deutschen Fürsten als "Bubenwort", also als Wort von Gaunern oder Schuften. Noch während der Versammlung wurde Schnitzer von Sicherheitskräften verhaftet und anschließend wegen Hochverrats vor Gericht gestellt. Schließlich wurde er zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe auf dem "Demokratenbuckel" Hohenasperg verurteilt. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe im September 1850 fand der aufmüpfige Lehrer zunächst keine Anstellung in seinem erlernten Beruf. Erst 1859 durfte er in den Schuldienst zurückkehren – strafversetzt als Schullehrer nach Suppingen auf der Schwäbischen Alb.

Die Festung Hohenasperg
1853: Der Oberhoven-Verein - eine frühe Bürgerinitiative
Zur Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte man zunehmend die sog. Altertümer und begann Zeugnisse der Geschichte zu sammeln. In dieser Zeit wurde das Germanische Nationalmuseum gegründet und in vielen Städten wurden die mittelalterlichen Dome und Münster weitergebaut und vollendet.
Geprägt von diesem Zeitgeist schlossen sich in Göppingen aufgeschlossene Bürger unter der Führung des Schullehrers Rau und des Kaufmanns Elsäßer zum Oberhoven-Verein zusammen mit dem gemeinsamen Ziel, "die gothisch angelegte Oberhoven-Kirche nach und nach stylgemäß auszubauen". Die hierfür benötigten Mittel wurden über Vereinsbeiträge und Spendenaktionen zusammengetragen. Dank der Bemühungen dieses bürgerschaftlichen Engagements konnten die Fenster im Chor der Kirche wieder mit gotischem Maßwerk ausgestaltet werden und im Außenbereich wurden störende Anbauten über den Eingängen und der südlichen Zillenhartkapelle entfernt. Sichtbarstes Zeichen des Vereinswirkens war die Wiederherrichtung der Turmspitzen, nach dem die Türme lange Zeit nur mit provisorischen Dächern auskommen mussten.
Um 1900 hatte der Verein seine Ziele im wesentlichen erreicht, die Oberhofenkirche wurde durch das Wachstum der Einwohnerschaft überdies wieder zu einem lebendigen Zentrum einer Kirchengemeinde.

Vereins-Pressearbeit im Jahr 1869: Der Oberhoven-Verein dankt seinen Spendern.
1854: Gründung der gewerblichen Fortbildungsschule
Eine Berufsausbildung in unserer Zeit besteht aus einem praktischen Teil im Lehrbetrieb und einem theoretischen an der Berufsschule. Bis ins 19. Jahrhundert genügte das Wissen des Lehrmeisters, um den Lehrling im Beruf auszubilden. Mit erhöhten Anforderungen an Lehrlinge und Ausbilder ab dem 19. Jahrhundert ergab sich die Notwendigkeit eines über die praktische Lehre in der Werkstatt hinaus gehenden, berufsbezogenen Unterrichts. Dieser bestand in Göppingen zunächst nur aus Zeichenunterricht, den der Realschullehrer Reuß ab 1841 an Sonntagen gab.
Ein Erlass der Kommission für gewerbliche Fortbildungsschulen vom 15. Juni 1854 gab das Startzeichen für die Einrichtung einer gewerblichen Fortbildungsschule.
Nebenamtliche Lehrer unterrichteten Zeichnen, Rechnen, Buchhaltung, Aufsatz und Französisch, letzteres speziell für kaufmännische Lehrlinge. Mit den Jahren erweiterte sich der Fächerkanon. Ab 1888 gab es eine eigene kaufmännische Abteilung, die bis zur Einrichtung einer städtischen Handelsschule 1909 mit der gewerblichen Fortbildungsschule verbunden blieb.
Die Entwicklung drängte zu einer Gewerbeschule mit hauptamtlichen Lehrkräften, deren Besuch Pflichtbestandteil der Lehrausbildung sein sollte sowie zu einem am Tage stattfindenden Unterricht. Da die Lehrherren ihre Lehrlinge an Werktagen bisher nicht freistellen wollten, fand der Unterricht in den Abendstunden sowie am Wochenende statt. Erst auf Grundlage eines Gesetzes von 1906, in dem diese Punkte geregelt wurden, konnte am 17. Mai 1910 die Pflichtgewerbeschule in Göppingen mit 148 Lehrlingen eröffnet werden. Nur vier Jahre später besuchten 724 Pflichtschüler und 133 Gastschüler die Bildungseinrichtung.

Das ehemalige Spitalgebäude wurde nach dem Auszug der Höheren Mädchenschule 1911 die Städtische Handels- und Gewerbeschule.
1855: Dampfkraft mit drei PS
Heute stehen Privathaushalten und Betrieben die unterschiedlichsten Energiequellen zur Verfügung. In vorindustrieller Zeit sah das ganz anders aus. Neben Holz, mancherorts Torf und Kohle, lieferten Wasserräder an Mühlkanälen und Bächen mechanische Energie. Dort wurden auch die ersten mechanischen Werkstätten und Textilmaschinen aufgestellt. Mit der Erfindung der Dampfmaschine boten sich für Fabrikgründungen Standort-unabhängige Möglichkeiten.
Die erste Dampfmaschine wurde 1855 in Göppingen vom "Mechanikus" Johann Georg Boehringer und seinem Bruder, der aus Amerika das technische Wissen mitgebracht hatte, für seine Werkstätte in der Karlstraße gebaut. Gerade drei PS leistete die Maschine. In der Anfangszeit baute Boehringer dann Dampfmaschinen und Textilmaschinen. 1868 standen in Göppingen sechs Dampfmaschinen, 1890 zählte man im Oberamt 138 mit über 3.000 PS Leistung. Göppingen war zur Industriestadt mit "hundert rauchenden Kaminen" geworden.
1856: Die Künstler-Villa am Bahngleis
Heute steht sie im Schatten großer alter Bäume und eines jüngeren raumgreifenden Brückenbauwerks. 1856, im Jahr ihrer Erbauung, war der Platz nördlich des Faurndauer Bahnhofs ein beschaulicher Standort für ein stattliches Haus. Die wenigen vorbeidampfenden Züge boten willkommene Abwechslung. Bewohnt wurde die Villa von dem Lithographen und Künstler Johannes Woelffle (1807-93), der sein Landhaus zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt für die Künstlerfreunde aus seiner Münchner Zeit machte. Für den schönen Baumbestand im kleinen Park sorgte fachkundig der Sohn Karl als Oberförster.

Im früheren Berufsleben in München hatte Woelffle seine Fähigkeiten als Lithograph bei der Kunstanstalt Piloty & Löhle bewiesen. Das Leben in Faurndau verlockte Woelffle zu Wanderungen mit Zeichenblock und Stift. So entstanden in den 1850er und 1860er Jahren viele der reizvollen Ansichten württembergischer Städte und Dörfer. Heute kennt man die Künstler-Villa als "Villa Hammer". Emil Hammer, Kaufmann in Malta, war der spätere Eigentümer. Für ihn war das Landhaus ein geeigneter Sommersitz, um der Hitze Maltas zu entfliehen.
1859: Gelbe und Blaue Steinbrüch
Jede Gemeinde, jede Stadt, hatte bis ins 20. Jahrhundert Steinbrüche und Tongruben für die Versorgung mit Baumaterialien in unmittelbarer Nähe. Transporte waren mühsam, aufwändig und teuer. In Göppingen zogen sich entlang der Talhänge der Fils in Richtung Faurndau die "Blauen-" und die "Gelben-Steinbrüche" hin. Hinter dem Christophsbad über den Erlenbach bis in die Öde baute man die bläulichen Kalksandsteine des Arietenkalkes ab, die mit Tausenden von Austern gespickt sind. Aus den graublauen Kalksandsteinen hat man Straßenschotter und Kellerbodenbeläge gefertigt. 1859 und 1864 stieß man beim Abbau auf zwei alamannische Friedhöfe, die mit der alamannischen Siedlung Niederhofen in Verbindung stehen.
Nördlich der Fils, im Bereich der Bonnetshöhe, der Beethoven- und der Karl-Kübler-Straße lagen die Gelben Steinbrüche. Hier brach man den gelblich verwitternden Angulatensandstein. Er diente als Keller- und Mauer-stein. Am Schloss Filseck und am Schloss in Jebenhausen kann man den Sandstein heute noch sehen. Fossilien aus dem so genannten Göppinger Thalassitensandstein sind im Naturkundlichen Museum zu bewundern.

In den "blauen" Kalksteinen kommen massenhaft "geschnäbelte " Austern vor.
1859: Der Freihof – eine "Sommerfrische für den kranken Geist"
1852 hatte Dr. Heinrich Landerer die Heilanstalt Christophsbad eröffnet. Bereits 1859 wurde der südlich der Fils gelegene Freihof erworben, um dort eine landwirtschaftliche Kolonie für Patienten der Heilanstalt einzurichten. Erstmals wurde in Württemberg eine solche therapeutische Einrichtung geschaffen.
Das Hofgut wurde in den folgenden Jahrzehnten durch Zukäufe von Land von 20 auf rund 100 Hektar erweitert. Vor allem Richard Landerer, einer der Söhne des Anstaltsgründers, konnte als Ökonomierat und wirtschaftlicher Leiter des Christophsbads seine fachlichen Kenntnisse für den Ausbau des Freihofs einbringen. Die dort betriebene Landwirtschaft mit Viehzucht und Ackerbau leistete einen wichtigen ökonomischen Beitrag für die Anstalt. Zum anderen – und das war nicht weniger wichtig – diente das landwirtschaftliche Gut der Bewegung und Beschäftigung von Kranken, für die die Erfolge ihrer körperlichen Arbeit und die Zusammenarbeit mit den gesunden Fachleuten auf dem Hof motivierend waren und sich günstig auf ihren Heilungsprozess auswirkten.

Die landwirtschaftliche "Colonie Freihof", Lithographie um 1880.
1860: Private Mädchenschule – Das Pensionat Härlin in Göppingen
Bis weit ins 19. Jahrhundert wurde das Aufgabengebiet der Frau vor allem im häuslichen Bereich gesehen. Im Zuge der Industrialisierung gab es tiefgreifende Veränderungen im Schulsystem, mit denen auf die neuen Anforderungen seitens Industrie und Gewerbe reagiert wurde. Nun war auch höhere Schulbildung für Mädchen ein Thema. Höhere Schulbildung für Jungen ist in Göppingen mit der Lateinschule schon seit 1397 nachweisbar.
1860 eröffnete in der Göppinger Gartenstraße das Härlin´sche Töchter-Institut. Die Lehrfächer entsprachen denen der Volksschule, wurden jedoch erweitert durch Französisch, Zeichnen, sog. weibliche Arbeiten und Realien. Den Unterricht am Göppinger Mädchenpensionat besuchten auch ortsansässige Schülerinnen, sog. Externe. 1872 wurden diese etwa 80 Mädchen wegen zu hoher Frequentierung der Schule vom Unterricht ausgeschlossen und mussten in die Volksschule wechseln. Eine private Elterninitiative erreichte noch im selben Jahr die Errichtung einer Privattöchterschule mit städtischer Beteiligung. 1883 richtete die Stadt eine Höhere Mädchenschule ein. Dies wird als Geburtsstunde des Mörike-Gymnasiums angesehen.

Ansicht des Härlin´schen Töchter-Institutes
1861: Gaslicht für Göppingens Straßen
Wir können uns heute kaum noch vorstellen, wie dunkel es auf Göppingens Straßen und in den Häusern bei Nacht war, als lediglich Kerzen und Öl-"Funzeln" trübes und rußiges Licht lieferten. Mitte des 19. Jahrhunderts kam auch in Göppingen die Diskussion auf, ob man nicht auf die neue Technik der Gasbeleuchtung umsteigen sollte. Durch die trockene Destillation von Kohle konnte ein brennbares Kohlegas, sog. Leuchtgas, erzeugt werden, das ein saubereres Licht lieferte. Der Stadt war die Investitionssumme zu groß. Die Unternehmer Louis Bareiss, Wilhelm Bürger und Christoph Philipp Beck gründeten daraufhin eine private Gasanstalt und schlossen mit der Stadt einen Vertrag über die "Einrichtung und Besorgung der Gasbeleuchtung in der Stadt Göppingen". 1861 erleuchteten Gaslampen die Göppinger Innenstadt. 1866 wurde das Gaswerk eine Aktiengesellschaft, das Geschäft wurde auch auf Innenraumbeleuchtung ausgedehnt und florierte. 1903 übernahm die Stadt die Mehrheit der Aktien und baute das Gaswerk an der Großeislinger Straße nach und nach aus.
Eine "vergessene" Gaslampe hängt heute noch in einem Hofbereich an der Geislinger Straße.
1862: Homöopathie in Göppingen
In der Kirchstraße 14 kann man an der Hausfassade lesen "Homöopathische Zentralapotheke Prof. Dr. Mauch".
Friedrich Mauch, der 1862 die Apotheke seines Onkels in Göppingen in der Hauptstraße übernommen hatte, war von der damals noch jungen Homöopathie fasziniert. Im Gartenhaus der Villa des Onkels und zugleich Schwiegervaters richtete er ein Laboratorium ein. Einige Jahre später bezog er größere Geschäftsräume im Anwesen "Zum goldenen Pflug". Im Gebäude Kirchstraße 14 eröffnete er 1888 sein homöopathisches Offizin. Sein Kundenstamm reichte über die Grenzen Göppingens und Deutschlands hinaus.
Mauch erprobte und wandte u. a. homöopathische Mittel an, die der schlesische Arzt Karl Friedrich Zimpel entwickelt hatte, sog. spagyrische Arzneimittel, deren Herstellung alchemische Verfahrensschritte einschloss. Der Göppinger Apotheker stellte im Auftrag Zimpels die Mittel her und sorgte auch für deren Verkauf.
Als Friedrich Mauch seine zwei Apotheken in der Kirch- und Hauptstraße 1898 an seinen Sohn Richard verkaufte, hatte sich der Wert gegenüber 1862 versechsfacht.
Mit der Homöopathischen Zentralapotheke und verschiedenen homöopathischen Vereinen in und um Göppingen war die Stadt ein Zentrum der Homöopathie in Württemberg.

Prof. Dr. Mauch
1862: Vom "Haus Mauch" zum "Haus Wilhelm"
Das "Haus Wilhelm" steht an markanter Stelle am östlichen Stadteingang. 1976 wurde dort eine Altenbegegnungsstätte eingerichtet, die sich heute als Treffpunkt für Jung und Alt versteht.
Erbaut wurde das repräsentative Haus im Jahr 1861/62 im Auftrag des Apothekers Carl Mauch. 1888 ging das Anwesen auf Carl Mauchs Neffen, den Apotheker Prof. Dr. Friedrich Mauch über, der seine weithin bekannte allopathische und homöopathische Apotheke in der Haupt- und Kirchstraße betrieb. Noch 1894/95 ließ Prof. Mauch sein Wohnhaus auf der Westseite durch einen Anbau vergrößern. Über seine Kinder kam das Anwesen zunächst in den Besitz der Fa. Gutmann und dann an den in Göppingen hoch geschätzten Arzt Dr. Arndt Wilhelm. Dieser kam als Assistenzarzt ans Göppinger Krankenhaus und ließ sich dann 1932 in der Stadt als praktischer Arzt nieder. Sein Name stand Pate für das "Haus Wilhelm".
Die "Wilhelmshilfe" hat dagegen ihren Namen von König Wilhelm I. von Württemberg, der 1841 zur Errichtung der Anstalt aus Anlass seines 25-jährigen Regierungsjubiläums 500 Gulden und damit den Grundstock zum Bau eines Heimes – damals für Kinder – spendete.

Die Villa Mauch als Postkartenmotiv aus der Zeit um 1910.
1864: Speiser – Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen und Eisengießerei
Das "Speiser-Gelände" zwischen Post-, Großeislinger und Hohenstaufenstraße ist den Göppingern sicher ein Begriff. 1969/70 schloss die Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen W. Speiser dort endgültig ihre Tore.
Wilhelm Speiser, gelernter Schmied und Kaufmann, kam 1864 nach Göppingen, um als kaufmännischer Gesellschafter in die Werkstätte für landwirtschaftliche Maschinen von Friedrich Rapp einzutreten. 10 Jahre später machte er sich mit 40 Arbeitern an der Stelle selbstständig. Wenig später wurde eine Eisengießerei angegliedert. Das Unternehmen produzierte schwerpunktmäßig landwirtschaftliche Maschinen und Geräte. 1910 umfasste die Belegschaft knapp 500 Arbeiter. Die Fabrik besaß weitere Filialen in Württemberg, aber auch in Bayern, Berlin und Schlesien.
Wilhelm Speiser war nicht nur Unternehmer, er engagierte sich auch politisch. So saß er 1890 bis 1898 als Vertreter der Demokratischen Volkspartei im Reichstag. Er starb 1927. Die Fabrikleitung hatte er schon zuvor an seine Söhne Hermann und Heinrich übergeben. Die Kriegsjahre hat die Firma gut überstanden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg besaß Speiser die führende Position unter den deutschen Landmaschinenherstellern. Doch zunehmende Konkurrenz und die rückläufige Bedeutung der Landwirtschaft bedeutete dann das Aus.

Dreschmaschinen der Firma W. Speiser
1865: Die Gründung der Gewerbebank
Die Ausweitung der industriellen Produktion und die Zunahme des Warenumlaufs nach der Mitte des 19. Jahrhunderts führten im Gewerbe zu einer erhöhten Nachfrage nach Krediten. Der Göppinger Handels- und Gewerbeverein drängte deshalb darauf, in der Stadt eine Gewerbebank zu gründen, die den Kleingewerbetreibenden und den Handwerkern in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zur Seite stehen kann. Am 3. April 1865 wurde zur Erörterung der Gründung einer Gewerbebank eine Bürgerversammlung abgehalten, bereits am 10. April wurden in einer zweiten Versammlung die Statuten festgesetzt. Darin wird die Aufgabe der Bank wie folgt beschrieben: "Die Gewerbebank in Göppingen hat den Zweck, ihren Mitgliedern die zu ihrem Geschäftsbetrieb erforderlichen Geldmittel theils durch die statutenmäßigen Einnahmen, theils durch Annahme von Depositen, theils durch Anleihen zu verschaffen, die unter solidarischer Haftung sämtlicher Mitglieder an-, bzw. aufgenommen werden." Gerade der letzte Passus beschreibt das Selbstverständnis der Bank: Man setzte nicht auf Staatshilfe, sondern in liberalem Geist auf Selbsthilfe mit solidarischer Haftung der Mitglieder. Das theoretische Gerüst für die Bildung solch genossenschaftlicher Organisationen stammte von dem Politiker, Sozialreformer und Wegbereiter der Genossenschaftsbewegung Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883).
Der Erfolg des neuen Bankinstituts lässt sich an der Geschäftsentwicklung ablesen. 1900 zählte die Gewerbebank bereits 331 Mitglieder, der Umsatz lag im selben Jahr bei über 6 Mio. Mark.
1940 wurde die Gewerbebank in Volksbank umbenannt.

Die Gewerbebank an der Ecke Schul-/Kellereistraße im neu bezogenen Haus im Jahr 1902.
1867: Göppingens erste Turnhalle
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wollte man das Turnen nicht nur den wenigen neu gegründeten Vereinen überlassen, sondern die Übung des Körpers auch schon in den Schulunterricht integrieren, nicht zuletzt um "die Wehrfähigkeit" der Jugend rechtzeitig zu trainieren. Damit dies auch witterungsunabhängig und ganzjährig erfolgen konnte, diskutierten die Göppinger fünf Jahre lang über den Bau einer Turnhalle. Dabei wollten die Vertreter der Bürgerschaft im Rathaus nicht nur einen einfachen Turnsaal bauen, sondern lieber gleich eine Mehrzweckhalle errichten, in der man Versammlungen und Ausstellungen abhalten und auch Feste feiern konnte.
Mit Hilfe eines Staatszuschusses und einer Spende der Göppinger Turnerschaft wurde schließlich mit dem Bau der Halle zu Anfang des Jahres 1867 begonnen. Als Bauplatz hatte man eine Fläche auf der grünen Wiese südlich der Fils an der heutigen Jahnstraße ausgewählt. Diesen Platz hielten viele Bürger für zu abgelegen. 600 Göppinger wandten sich deshalb mit ihrer Unterschrift auf einer Resolution gegen diese Entscheidung – freilich ohne Erfolg.
Im Dezember 1867 war die Halle fertig gestellt. Man hatte sie in Fachwerkbauweise errichtet und die Gefache mit gebrannten Ziegelsteinen ausgemauert. In seiner äußeren Form erinnerte das Bauwerk stark an eine Kirche. Die "Kathedrale des Sports" hatte kein langes Leben: Bereits im Jahr 1901 brannte sie ab.

Die erste Turnhalle südlich der Fils
1867: Wiener schwäbischer Herkunft baut katholische Kirche in Göppingen
Seit der Reformation war Göppingen eine protestantische Stadt. Mit dem Zuzug katholischer Arbeitskräfte im Zuge der Industrialisierung wurde der Bau einer katholischen Kirche in Göppingen notwendig. Der Bauplatz für die künftige Kirche "Unbefleckte Empfängnis Mariä" wurde 1863 in privater Initiative vor den Toren der Stadt in noch unbebautem Gelände erworben. Zunächst wurde der Stuttgarter Baurat Morlok mit dem Entwurf des Gotteshauses beauftragt. Sein Plan wurde von Franz Josef Schwarz, der vom "Lokalkomitee für den katholischen Kirchenbau" und vom Bischöflichen Ordinariat als Bauherr eingesetzt war, abgelehnt und der Wiener Dombaumeister und Baumeister des neuen Wiener Rathauses Friedrich von Schmidt mit einem zweiten Entwurf beauftragt. St. Maria wurde dessen Plan gemäß im neogotischen Stil errichtet. Die Grundsteinlegung fand 1867 statt, 1869 wurde das Gotteshaus geweiht.
Die Kirche wurde mehrmals erweitert und umgestaltet, derzeit wird über eine Neugestaltung des Innenraumes diskutiert.

St. Maria kurz nach der Einweihung.
1869: Das erste Spritzenhaus
Die 1852 gegründete Freiwillige Feuerwehr Göppingen hatte zunächst ihre Löschgeräte in Räumen des Rathauses untergestellt. Als dort der Platz für die Spritzen, Butten, Schläuche, Leitern und Laternen zu knapp wurde, konnte 1869 von der Stadt im nördlichen Stadterweiterungsgebiet eine alte Scheuer erworben und diese zum Spritzenhaus umgebaut werden. Mit Erweiterungsbauten erfüllte dieses Magazin an der neu angelegten Freihofstraße bis 1902 seinen Zweck. Im 50. Jubeljahr der Göppinger Feuerwehr wurde es dann abgerissen, um einem modernen Mehrzweckgebäude, in dem im Erdgeschoss auch die Feuerwehr großzügiger untergebracht werden sollte, Platz zu machen.

Das alte Spritzenhaus vor dem Abriss im Jahr 1902
1869: Michael Munz – der erste katholische Stadtpfarrer seit der Reformation
Die Katholiken Göppingens wurden bis kurz nach der Benedikation der neuen Kirche im Mai 1869 seelsorgerisch von Großeislingen aus versorgt. Zum 1. September zog dann der Expositurvikar Michael Munz in St. Maria auf. In seinen 17 Amtsjahren verdoppelte sich die Zahl der Katholiken in der Fabrikstadt Göppingen auf fast 1400, St. Maria wurde zur Stadtpfarrei erhoben. Da es außer dem Gotteshaus keine kirchlichen Einrichtungen gab, machte sich Michael Munz mit großer Energie daran, ein Pfarrhaus (1875) und eine katholische Schule (1876) bei der Kirche zu erbauen, was bei den finanziellen Möglichkeiten seiner Gemeinde recht schwierig war. Trotzdem konnte er die Kirche noch mit einem Hoch- und einem Marienaltar sowie einem Kreuzweg ausschmücken lassen. 1882 wurde vom Göppinger Orgelbauer Schäfer eine Orgel mit 17 Registern aufgestellt. In seiner Amtszeit ergaben sich auch freundschaftliche Kontakte mit dem späteren Bischof Keppeler, der in Rechberghausen amtete. 1886 verließ Stadtpfarrer Munz Göppingen und übernahm die Pfarrei in dem beschaulichen, rein katholischen Städtchen Spaichingen.

Stadtpfarrer Munz, der erste Pfarrer von St. Maria
1869: Georg Bronnenmayer – ein programmatischer Denker der Sozialdemokratie
Georg Bronnenmayer (1837 bis 1905), geboren in Maichingen, kam als junger Mann, vermutlich auf der Wanderschaft als Geselle, nach Göppingen. In der "boomenden" Fabrikstadt wurde der gelernte Weber einer der aktiven und führenden Köpfe der sich formierenden Arbeiterbewegung. Bronnenmayer war Mitbegründer des Arbeiterbildungsvereins, dem er viele Jahre auch vorstand. 1865 war der Arbeiterführer Mitbegründer des "Consum- und Ersparniß-Vereins Göppingen" und er wurde Bevollmächtigter der ersten Göppinger Gewerkschaft, in der sich 1872 die in der Textilindustrie beschäftigten Tuchmacher und Maschinenweber zusammenfanden.
Bronnenmayer wirkte als Delegierter an der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in Eisenach im August 1869 mit, bei der August Bebel zum Vorsitzenden der neuen Partei gewählt wurde. Der Göppinger Arbeiterbildungsverein trat als einziger württembergischer Verein der SDAP bei. Dabei übernahm Georg Bronnenmayer die Rolle des programmatischen Denkers in den Reihen der württembergischen Sozialdemokratie, indem er sich gegen die von der Sozialistischen Internationale geforderte Verstaatlichung von Grund und Boden aussprach. Bronnenmayers politisch gemäßigtes Credo lautete dagegen: "Nicht gegen das ehrliche Besitztum, sondern einzelnen Umtrieben von Geldmenschen, welche der Arbeiter ein wohlfeiles Werkzeug ist, soll der Kampf gelten. Nicht Herrschaft der ärmeren Klasse, sondern nur Gleichberechnung soll das Motto sein und nur letztere soll und muß erstrebt werden."
Während der Bismarck’schen Sozialistengesetze wurde Bronnenmayer überwacht und verhaftet, nachdem er seine Anstellung durch den Stadtrat als Ausscheller geschickt auch dazu benutzte, staatlich verbotene Flugschriften "so heimlich, als es eben ging", an sympathisierende Arbeiter zu verteilen.
Nach dem Fall des Sozialistengesetzes wurde Bronnenmayer 1893 als einer der ersten Sozialdemokraten überhaupt in den Gemeinderat gewählt. Südlich der Jahnstraße erinnert an diese Göppinger Persönlichkeit eine nach Bronnenmayer benannte Straße.

Georg Bronnenmayer – Sozialdemokrat der ersten Stunde
1870: Heinrich Sontheim, der "Pavarotti des 19. Jahrhunderts"
Der berühmteste Sohn Jebenhausens ist der 1820 geborene Kammersänger Heinrich Sontheim. Von 1851 an war er Hofsänger an der Stuttgarter Oper, wo er 22 Jahre lang in vielen Rollen brillierte. Große Triumphe feierte der "Kaiser der Tenöre" bei zahlreichen Gastspielen in Wien und anderen Hauptstädten Europas. Wenn er in Jebenhausen weilte, sang er in "seiner" Synagoge und ab und an trat er auch in Göppingen im Saal des Hotels "Zu den 12 Aposteln" oder im "Sand" auf. Einmal hatte ein junger Pianist Sontheim gebeten, bei einem seiner ersten Konzerte mitzuwirken. Der Meistertenor sagte zu, das Ereignis wurde publik gemacht, doch war der große Künstler bisweilen recht unzuverlässig. Mehrmals wurde die Veranstaltung plakatiert, mehrmals musste sie abgesagt, sein Fernbleiben mit "Unwohlsein" entschuldigt werden. Als Sontheim dann endlich im "Apostel" abgestiegen war, waren erst 15 Karten verkauft, der Pianist ratlos. Da schickte Sontheim den Stadtbüttel los, um vor allem in den besseren Wohnviertel folgendes mit Trommelwirbel zu verkünden: "Eine brillantbesetzte Vorstecknadel ging dem soeben von Stuttgart kommenden Hofkammersänger Sontheim verloren. Der redliche Finder möge sie im Gasthof Apostel abgeben." So verbreitete sich die tatsächliche Anwesenheit Sontheims schnell und der Konzertabend war gerettet.

Der Hofkammersänger Heinrich Sontheim (1820 bis 1912)
1870: Der "Sitten-Fuchs" stammt aus Göppingen
Bekannt wurde er als der "Sitten-Fuchs". Diesen Titel verschaffte Eduard Fuchs seine sechsbändige "Illustrierte Sittengeschichte des Deutschen Volkes", die vom Jahr 1908 an erschien und sich auf dem Buchmarkt zu einem Bestseller entwickelte. Noch heute genießt diese reich bebilderte Veröffentlichung einen hohen Stellenwert in den Kulturwissenschaften.
Geboren wurde der bedeutendste Kulturhistoriker des 20. Jahrhunderts am 31. Januar 1870 in Göppingen. Allerdings verbrachte er in der Stadt an der Fils nur sein erstes Lebensjahr, dann zog seine Familie nach Stuttgart. Als Eduard Fuchs als Jugendlicher eine kaufmännische Lehre begann, kam er mit der Stuttgarter Arbeiterbewegung in Kontakt. Er avancierte zum Sprecher einer Anarchistengruppe, kam alsbald mit dem Gesetz in Konflikt und wurde wegen Majestätsbeleidigung und Verbreitung von verbotenen sozialistischen Schriften zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt.
Von 1890 an lebte der Zwanzigjährige in München, wo er das Satireblatt "Der Süddeutsche Postillon" herausgab. Von der Jahrhundertwende an arbeitete Eduard Fuchs als Autor und freier Kunsthistoriker in Berlin. Hier entstanden neben der erwähnten "Illustrierten Sittengeschichte" weitere kulturhistorische Publikationen wie "Die Geschichte der erotischen Kunst", die "Geschichte der Karikatur" sowie Bücher über die Frau, die Juden und den Ersten Weltkrieg in der Karikatur. In der Hauptstadt entwickelte Fuchs eine freundschaftliche Beziehung zu den Malern Max Liebermann und Max Slevogt, mit Letztgenanntem begab er sich auf eine große Ägyptenreise, die Fuchs in Tagebuchnotizen und Fotografien festhielt. Fuchs trug in seiner Berliner Villa, die er von Mies van der Rohe hatte erbauen lassen, eine große und bedeutende Sammlung historischer wie zeitgenössischer Kunst, aber auch Werke der Volkskunst zusammen.
Dieser Schatz wurde von den nationalsozialistischen Machthabern beschlagnahmt, in Teile aufgelöst und verkauft, nachdem Eduard Fuchs mit seiner jüdischen Frau 1933 Deutschland hatte verlassen müssen. Er verstarb 1940 im Pariser Exil. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof Père Lachaise neben den von ihm verehrten Pariser Kommunarden.

Eduard Fuchs mit seiner zweiten Frau Grete Alsberg im Garten des Berliner Domizils.
1871 und 1888: Errichtung eines Nationaldenkmals auf dem Hohenstaufen
Zweimal versuchten Initiativen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Hohenstaufen ein Nationaldenkmal zu errichten. Zweimal scheiterte dieser Versuch.
Die Reichsgründung 1871 belebte nachhaltig die patriotischen Gefühle der Deutschen. Am 21. Juni des Jahres 1871 gründeten Bürger aus Hohenstaufen, Göppingen, Schwäbisch Gmünd und Stuttgart ein "Hohenstaufen-Comité". Ziel war die Errichtung eines Nationaldenkmals auf dem Hohenstaufen zum bleibenden Andenken an die Hohenstaufenkaiser und zur Ehre der mit der Reichsgründung gerade erlangten nationalen Einheit. Geplant war eine "Kaiserhalle" mit überlebensgroßen Standbildern der Kaiser aus dem staufischen Haus sowie ein Aussichtsturm, eine Ringmauer und ein Torbau mit Restaurant und Wächterwohnung. Das geringe Spendenaufkommen verhinderte die Umsetzung dieser Pläne.
Das 1888 ins Leben gerufene "Lokalkomitee für ein Nationaldenkmal auf dem Hohenstaufen" scheiterte ebenfalls. Mit dem bereits gesammelten Geld für einen geplanten romanischen Rundbau und eine Ruhmeshalle der deutschen Kaiser, Fürsten und Feldherren unterstützte man die Renovierung der Barbarossakirche und die Errichtung einer Albvereins-Schutzhütte auf dem Berg.

Entwurf für das Nationaldenkmal von 1871.
1872: Der Betsaal der jüdischen Gemeinde in Göppingen
Mit zunehmender Emanzipation und rechtlicher Gleichstellung zogen im 19. Jahrhundert die im Königreich Württemberg lebenden Juden vom Land in die Stadt. 1849 zog erstmals eine jüdische Familie von Jebenhausen nach Göppingen. Die Abwanderung von Jebenhausen entwickelte sich so stark, dass sich 1867 in Göppingen ebenfalls eine jüdische Gemeinde gründete. Die Göppinger jüdische Gemeinde richtete sich 1872 in einem neu erbauten Haus an der Ecke Schillerstraße/Pfarrstraße einen Betsaal ein. Im Obergeschoss des Hauses befanden sich ein Raum für den Religionsunterricht sowie eine Wohnung für den Rabbiner, der unter Protest der Jebenhäuser Gemeinde seinen Wohnsitz schon 1868 nach Göppingen verlegt hatte. 1874 erfolgte dann der amtliche Umzug des Rabbinatssitzes von Jebenhausen nach Göppingen.
Mit dem Bau der Synagoge an der Freihofstraße wurde der Betsaal nach zehnjähriger Nutzung aufgegeben, das Haus Pfarrstraße 33 zum Wohnhaus umgebaut. Als sich 1980/81 der Göppinger Bürgerverein der Renovierung des inzwischen schwer heruntergekommenen Gebäudes annahm, stieß man auf Spuren, die auf die Verwendung des Gebäudes als ehemals jüdischen Kultraum hinwiesen.

In dem Haus Pfarrstraße 33 befand sich von 1872 bis 1881 der Betsaal der noch jungen jüdischen Gemeinde Göppingens.
1873: Der Verschönerungsverein
Um die Attraktivität Göppingens zu steigern, gründete sich 1873 auf Vorschlag des Handels- und Gewerbe-vereins der "Verschönerungs-Verein Göppingen". Zu seinem ersten Vorsitzenden wurde der Apotheker Carl Mauch gewählt. Ziel des Vereins war, den erholungssuchenden Einwohnern einen angenehmen Aufenthalt in der Stadt wie im Grünen zu ermöglichen. Zu besten Zeiten engagierten sich für diese Aufgaben 650 Mitglieder.
Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: 15 km Weganlage, 120 Sitzbänke, 14 Schutzhütten und die Gestal-tung des Promenadewegs auf dem Filsdamm mit kanadischen Pappeln und Kastanien waren auf Initiative des Vereins entstanden. Letztere musste schon bald dem wachsenden Verkehr geopfert werden, die Umsetzung neuer Pläne wie die Schaffung eines Kunstbrunnens in der Stadt oder einer geologischen Pyramide in den Mörike-Anlagen verhinderte der Erste Weltkrieg. In den 1920er Jahren gab es im Verein nur noch eine kleine Schar Aktiver, die sich dann 1928 mit dem später gegründeten Verkehrsverein zum "Verkehrs- und Verschöne-rungsverein Göppingen" zusammenschlossen.

1876: Rektor Bauer – strenger Pauker und bewundertes Original
Zu Schuljahresbeginn 1876 zog der neue Rektor der Göppinger Lateinschule Otto Bauer auf. Zu seiner Spezialität entwickelte sich der Drill der Lateinschüler auf das gefürchtete Landexamen. Hauptprüfungsfächer waren Latein, Griechisch, Religion. Von ca. 130 Prüflingen aus ganz Württemberg durften die 38 Besten auf Kosten des Staates ihre Studiumsvorbereitung in den weiterführenden Seminaren bestreiten. Oft schaffte Rektor Bauer 15 und mehr Schüler unter die Ersten zu bringen. Das war nur mit Lern- und Paukmethoden möglich, die die heutige Eltern- und Schülerschaft als unmenschlich bezeichnen würde. In den zwei Vorbereitungsjahren waren 54 Unterrichtsstunden pro Woche normal, plus täglich 3 bis 4 Stunden Hausarbeiten. Monoton waren nicht nur der Fächerkanon, sondern auch die Lernmethoden.
Und dennoch schickten Eltern aus ganz Württemberg ihre Söhne nach Göppingen. Einer war Hermann Hesse, der mit großen Ängsten 1890 hier ankam, hatte doch ein Verwandter den Rektor als "Prügelpädagogen" erfahren. Doch Hesse erlebte ihn als alt und ruhig gewordenes Original: "Mir erschien dieser wunderliche alte Mann mit seiner gebückten Haltung, seiner alten verwahrlosten Kleidung, seinem traurig-grüblerischem Blick, seinen zertreten Pantoffeln, seiner langen, immer qualmenden Pfeife wie ein alter Zauberer". Der Lehrer nahm den Jungen gefangen, Hesse wurde – zum einzigen Mal in seiner Schullaufbahn – ein guter Schüler, der seinen Lehrer verehrte und dessen Autorität anerkannte. Er war glücklich, wenn er zur Belohnung Bauers "Machtsymbol", die Pfeife, halten oder als "Windbeutel" morgens mit zwei Hasenpfoten das Pult des Rektors abstauben durfte. So nutzte der Lehrer auch geschickt seine Schrulligkeiten für ein ausgeklügeltes Belohnungssystem. Für Abwechslung sorgten Exkursionen in die Natur, Schneeballschlachten und das Spiel mit Bleisoldaten, bei dem oft tagelang mit allen verfügbaren Miniatursoldaten berühmte Schlachten nachgestellt wurden.
Aus heutiger Sicht ist es schwer verständlich, dass ein damals schon als altmodisch geltender Pädagoge bei seinen Schülern einen solchen Respekt genossen hat, dass sie ihr ganzes Leben von den Göppinger Lateinschuljahren profitierten und sie als wichtige Schule des Lebens angesehen haben.

Der Lehrer Otto Bauer, Rektor der Göppinger Lateinschule von 1876 bis 1895.
1878: Schlachthausbau
Der Göppinger Schlachthof an der Fils ist heute ein moderner Betrieb, der für 60 000 Schlachtungen pro Jahr ausgelegt ist.
Seine Anfänge liegen im Jahr 1876. Damals beriet der Gemeinderat erstmals über den Bau eines Schlachthauses. Im Jahr darauf vereinigten sich die Göppinger Metzger in einer Genossenschaft, die den Schlachthof aus eigenen Mitteln errichten wollte. Die Stadt stellte der Genossenschaft dafür das Baugelände unentgeltlich zur Verfügung. 1878 konnte der Schlachthof eingeweiht werden.
Aufgrund hygienerechtlicher Bestimmungen galt ein Zwang zur Benutzung dieser Einrichtung. Als wichtiges Instrument zur Kontrolle der Hygiene diente und dient noch heute die Fleischbeschau. Heute sind die Vorschriften rund ums Schlachten wesentlich härter als am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Entsorgung der Schlachtabfälle erfolgte damals in die Fils.
Um höherem Fleischverbrauch und geänderten Hygienevorschriften gerecht zu werden, wurde der Schlachthof vor wenigen Jahren vergrößert und modernisiert.

Schlachthof in der Metzgerstraße
1880: Die jüdische Gemeinde baut eine Synagoge
Als im April 1880 auf dem Grundstück an der Ecke Freihofstraße/Burgstraße der Grundstein zum Bau der Synagoge gelegt wurde, zählte die aufstrebende jüdische Gemeinde in der Stadt rund 200 Mitglieder. Diese trafen sich zu den Gottesdiensten und religiösen Feiern zu dieser Zeit noch im gemieteten Betsaal im Haus Pfarrstraße 33.
Der Neubau an der Freihofstraße wurde nach einem Entwurf des Architekten und Kirchenbaumeisters Christian Friedrich von Leins errichtet. Zu dieser Zeit gab es aufgrund der lange Zeit bestehenden Verbote für Juden bei ihrer Berufswahl nur wenige jüdische Architekten. Bereits im September 1881 war der Neubau bezugsfertig. Die Göppinger Synagoge war wie viele der im späten 19. Jahrhundert gebauten Gotteshäuser ein Zentralbau mit einer mächtigen Kuppel. Am 16. und 17. September 1881 wurde das neue Haus im Rahmen eines vielfältigen Festprogramms bezogen. In einem feierlichen Zug wurden vom alten Betsaal die Thora-Rollen in den neuen Synagogenraum getragen. Wie schon bei der Grundsteinlegung waren auch bei diesen Feierlichkeiten die beiden christlichen Konfessionen und die Spitze der Behörden von Stadt und Oberamt vertreten. "Die Toaste von christlichen Festgenossen zeugten von dem schönen friedlichen Sinn, der in der Stadt unter den drei Confessionen herrscht", berichtete am 22. September 1881 "Die jüdische Presse" über das über die Stadtgrenzen hinaus beachtete Ereignis.
Die Synagoge an der Freihofstraße nach ihrer Fertigstellung 1881. Der orientalisch wirkende Baustil nimmt vor allem Anleihen am Stil der Romanik und Renaissance.
1880: Göppingen als Reichshauptstadt?
"Wären die Hohenstaufen nicht ausgestorben, wäre nicht Berlin, sondern Göppingen Reichshauptstadt. Das wäre besser." Dieser ironisch überzeichnete Ausspruch des liberalen Göppinger Landtagsabgeordneten Julius Hölder aus dem Jahr 1880 wirft ein Schlaglicht auf die deutsche Politik und die Entwicklung des Liberalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In seiner Eigenschaft als langjähriger Vorsitzender der liberalen Deutschen Partei in Württemberg, als Stuttgarter Landesinnenminister und als Reichstagsmitglied in Berlin gehörte der Göppinger Abgeordnete zu den einflussreichsten Politikern im Südwesten Deutschlands. Im Zeichen der aufkommenden Massenparteien, einer Wahlniederlage im Göppinger Raum und der immer stärker werdenden Machtstellung Preußens in dem 1870/71 begründeten Deutschen Kaiserreich sah Hölder den Niedergang des Liberalismus vor Ort und im Land sowie das schwindende politischen Gewicht Württembergs auf Kosten einer zentralistischeren Stellung Berlins voraus. Wie schon andere Politiker vor und nach ihm beschwor Julius Hölder in seinen ironisch gemeinten Worten die Staufer als Garanten für "bessere Zeiten".

1884: Gründung der Ortskrankenkasse Göppingen
Am 1. Dezember 1884 trat in Deutschland das "Gesetz betreffend die Krankenversicherung" in Kraft, die Geburtsstunde der gesetzlichen Krankenversicherung mit den noch heute geltenden Grundelementen.
Schon am 22. November hatte eine 108-köpfige Generalversammlung den neunköpfigen Göppinger Vorstand der Krankenkasse gewählt. In Göppingen bestanden zunächst drei Ortskrankenkassen. Diese waren nach Berufsgruppen organisiert, je eine für die starken Metall- und Textilgewerbe und eine für die übrigen Industriezweige und Berufsgruppen. Die drei Krankenkassen verschmolzen 1886 zu einer Ortskrankenkasse, in der etwa 5000 Personen versichert waren.
Das Prinzip der Halbierung der Beiträge zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer galt damals noch nicht. Der Arbeitnehmer hatte zwei Drittel der Beiträge zu entrichten, der Arbeitgeber ein Drittel. Der Beitragssatz war niedriger als heute. Bis 1903 waren 3 Prozent des Lohnes an die Krankenkasse abzuführen.
Der Sitz der Ortskrankenkasse war zunächst im Rathaus, dann in der Kirchstraße, ab 1902 in der Ziegelstraße, bevor 1912 der Neubau an der Ecke Rosen-/Ulrichstraße bezogen werden konnte.

Das 1911/12 errichtete Gebäude an der Ecke Rosen-/Ulrichstraße. Foto: AOK
1885: Gehrers Rambour und Haux-Apfel – zwei Jebenhäuser Gewächse
Heute dominieren sieben Apfelsorten den Obstmarkt. Schaut man sich aber näher auf Streuobstwiesen um, kann man noch Hunderte von Apfelsorten finden. Diese unterscheiden sich nicht nur im Geschmack, wichtig sind auch die ökologischen Ansprüche und die Resistenz gegen Krankheiten. Wie kommt diese Vielfalt zustande? Oft stand am Anfang einer Sorte ein Zufallssämling, den ein aufmerksamer Obstbauer oder Baumwart entdeckt hat. Daraus zog er einen Baum, von dem er dann auch Reiser fürs Veredeln ziehen konnte. Ein solcher Sämling wurde 1885 in der Baumschule des berühmten Jebenhäuser Tenors Heinrich Sontheim entdeckt. Neben der Pferdezucht widmete sich der Sänger, der sich in der Villa Wieseneck seinen Altersruhesitz hatte erbauen lassen, auch dem Obstbau.
Heinrich Gehrer, der spätere Besitzer der Obstwiese, gab dem Sämling später den Namen "Gehrers Rambour".
Ebenfalls aus Jebenhausen stammt der "Haux-Apfel". Er wurde als Sämling in den 1920er Jahren vom Baumwart Andreas Haux gezogen. Beide Apfelsorten zeichnen sich durch ein ausgewogenes Säure-Zucker-Verhältnis aus, sind sehr saftig, resistent und heute wieder begehrte Mostäpfel.
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Gehrers Rambour
1885: Die wechselvolle Geschichte des "Frommen Löffels"
Das Ende der Geschichte eines der ungewöhnlichsten Gaststätten in der Stadt, die im Volksmund "Frommer Löffel" hieß, ist absehbar, das Areal soll verkauft und darauf Seniorenwohnungen errichtet werden.
Im Jahre 1885 kaufte der "Verein zur Gründung eines Vereinsheims" das ehemalige Kellereigebäude, das als eines der wenigen den Stadtbrand von 1782 überstanden hatte. Die "Herberge zur Heimat", wie das evangelische Vereinshaus offiziell hieß, verfügte über einen Aufenthaltsraum für junge Leute, einen Übernachtungsraum sowie eine Gaststätte. Nach der Aufstockung des Gebäudes probte der Liederkranz im Saal, 1889 wurde noch eine Kleinkinderschule eingerichtet.
Bis zum 1. Weltkrieg diente der Saal auch als Wärmestube, in der die Fabrikarbeiter winters ihre mitgebrachten Mittagsmahlzeiten verzehren durften. Ab 1908 war das Vereinshaus auch als Wanderarbeitsstätte geführt, in der arbeitslose Wanderer untergebracht wurden. 1937 erfolgte die Umbenennung in "Evangelisches Vereinshaus", der Gaststättenbetrieb trat in den Vordergrund.
1964 wurde das ehemalige Kellereigebäude abgerissen, für 1, 7 Mio. Mark -10 Prozent wurden durch Spenden aufgebracht - ließ die Kirchengemeinde einen Veranstaltungssaal (Oetingersaal) und die "Alte Kellerei" errichten, die sich zu einer gut bürgerlichen Gaststätte mit Hotelbetrieb entwickelte.

Das Evangelische Vereinshaus und die Herberge zur Heimat im ehemaligen Kellereigebäude.
1886: Das alte Krankenhaus an der Eberhardstraße
Auf Initiative des Stadtarztes Dr. Hartmann war in Göppingen in der Nähe des Apostel-Hotels 1829 ein erstes Krankenhaus mit wenigen Betten errichtet worden. Im Zuge des Städtewachstums war diese Einrichtung bald zu klein, so dass 1879 der Handels- und Gewerbeverein die Diskussion über einen Krankenhausneubau eröffnete. Das erforderliche Baugelände wurde schließlich in den Hofäckern, an der heutigen Eberhardstraße, gefunden. Nach Plänen des Göppinger Stadtbaumeisters Rummel wurde dort ein Neubau mit 80 Betten errichtet, der am 20. Oktober 1886 eingeweiht werden konnte.
Zur feierlichen Übergabe des Neubaus setzte sich am Rathaus ein Festzug zum Krankenhaus in Bewegung, den die Spitze der städtischen und staatlichen Behörden, die Geistlichkeit, die Mitglieder von Gemeinderat und Bürgerausschuss sowie Ärzte, Diakonissen und geladene Gäste bildeten. Am Krankenhaus wartete eine neugierige Bürgerschar auf die erste Begehung der Räume. Stadtschultheiß Allinger dankte in seiner Ansprache dem Unternehmer Rosenthal und dem Medizinalrat Landerer für die Spenden, mit denen diese als erste den Neubau gefördert hatten.
In den folgenden Jahrzehnten wurde das Krankenhaus, das 1907 in die Obhut der Kreisverwaltung kam, immer wieder erweitert. Nach der Eröffnung der Klinik am Eichert wurden die veralteten Krankenhausgebäude 1982 abgerissen.

Postkartenansicht vom 1886 eingeweihten städtischen Krankenhaus.
1889: Schlafstelle zu vermieten: Das Bett als Wohnung
Mit den Fabrikgründungen zogen im 19. Jahrhundert immer mehr junge Männer und Frauen aus den ländlichen Gebieten in die Städte, weil sie sich dort zu Recht Arbeit und damit ein besseres Auskommen erhofften. Die meisten von ihnen waren alleinstehend, weshalb sie auch bereit waren, sich in ihren privaten Bedürfnissen aufs Äußerste einzuschränken. Eine Antwort hierauf war ein neues Angebot auf dem Wohnungsmartkt - die Schlafstelle. Die jungen Leute, die als Ungelernte meist schlecht verdienten, begnügten sich nach einem langen Arbeitstag mit einem abvermieteten Bett in einer Wohnung. Bei Schichtarbeit konnten sich im günstigsten Fall sogar zwei Arbeiter eine einzige Schlafstelle teilen.
Die sog. Schlafgänger, so wurden diese Mieter genannt, hatten ihre Wohnbedürfnisse zwar auf das Minimalste beschränkt, zum anderen bot die Schlafstelle in einer Wohnung einer alleinstehenden Person auch Vorteile: Sie fand in der Familie des Vermieters oft Anschluss und konnte gegen Bezahlung auch eine warme Mahlzeit erhalten bzw. sich von der Hausfrau die Wäsche reinigen oder flicken lassen.

Anzeigen aus dem Göppinger Wochenblatt von 1889.
1890: Arbeiten – Essen – Schlafen
Die Deutschen stehen in dem mittlerweile zweifelhaften Ruf, die kürzesten Arbeitszeiten und die meisten Urlaubstage unter den industrialisierten Ländern zu haben. Mit der einsetzenden Industrialisierung setzte der Prozess der Ausweitung der Freizeit und der Rückgang der Arbeitszeit ein. Allerdings forderte der Maschineneinsatz auch eine immer stärkere Arbeitsleistung bei kürzerer Arbeitszeit.
Wie wenig früher Freizeit bekannt war, verdeutlicht ein Blick in die Fabrik-Ordnung des Emailwaren-Herstellers Bellino aus dem Jahr 1890. Damals galt die 66-Stunden-Woche. Unter dem Paragraph "Arbeitszeit" ist ausgeführt, dass diese gewöhnlich von 6-12 und 1-7 Uhr abends, unterbrochen von je einer halben Stunde Pause, dauert. Natürlich wurde auch samstags gearbeitet. Das Wort Urlaub war noch unbekannt. Rechnet man die oft langen Anmarschwege zur Fabrik hinzu – eine Stunde für den einfachen Weg war keine Seltenheit –, dann waren die Werktage mit Arbeiten, Essen und Schlafen ausgefüllt.
1890: Hermann Hesse als Schüler in Göppingen
Mit dem Schriftsteller Hermann Hesse, dem Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1946, kann Göppingen auf einen prominenten "Einwohner auf Zeit" verweisen. Der 1877 geborene Hermann Hesse sollte nach dem Willen seines pietistisch geprägten Elternhauses den Berufsweg des Pfarrers einschlagen. Zum erfolgreichen Bestehen des für das Theologiestudium erforderlichen Landexamens wurde Hesse vom Februar 1890 bis Juli 1891 in die weithin bekannte Göppinger Lateinschule zum Unterricht bei Rektor Bauer eingeschult. Hesse schrieb später über diese Zeit: "Ich habe mit der Schule im allgemeinen nicht viel Glück gehabt, aber die einstige Göppinger Lateinschule ist mir durch einen originellen ... Lehrer in genauer und teurer Erinnerung geblieben. [Ohne ihn] ... hätte meine Phantasie keinen Anlass gehabt, sich mit der Konception einer Idealschule zu beschäftigen, wie ich sie dann ... im Glasperlenspiel beschrieben habe."
Gewohnt hat Hermann Hesse in seiner Göppinger Zeit in einem privat gemieteten Zimmer im Bernheimer‘schen Anwesen, dem mittlerweile abgebrochenen Haus Geislinger Straße 3. Das Lateinschulgebäude war zu dieser Zeit im Haus Pfarrstraße 11 untergebracht. Wegen Platzmangel wurden nach 1900 auch Schulklassen im benachbarten Helferhaus sowie in der neu erbauten Realanstalt (heute Freihof-Gymnasium) ausgelagert.

Hermann Hesse, gezeichnet von seinem Freund Gunter Böhmer im Jahr 1934.
1890: Als das Wasser aus dem Hahn floss
Bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Göppingen keine zentrale Trinkwasserversorgung. Wasser konnten die Göppinger an öffentlichen Brunnen holen oder sie versorgten sich aus privaten Brunnen. 1888 befasste sich die Stadtverwaltung erstmals mit dem Bau einer zentralen Wasserversorgung. 1890 wurde dann die erste Wasserleitung in Betrieb genommen. Darin floss Grundwasser aus einer 500 m langen, 9 m tiefen, quer zum Filstal verlaufenden Sickergalerie. Das mittels einer dampfbetriebenen Kolbenpumpe geförderte Grundwasser wurde vom Wasserwerk an der Ulmer Straße zu einem Hochbehälter auf der Viehweide gepumpt.
Als nach trockenen Jahren Versorgungsengpässe auftraten, kaufte die Stadt 1903 64 Quellen im Nassachtal mit einer Schüttung von bis zu 40 l/sec. Über eine fast 12 km lange Leitung führte man das Wasser in einen Sammelbehälter beim Pumpwerk. 1904 wurde die Anlage in Betrieb genommen; sie läuft heute noch. Die Sickergalerie wird dagegen nicht mehr für die Trinkwasserversorgung genutzt.
1891: Märklin – auf erfolgreicher Spur
Die Firma Märklin ist heute der weltweit führende Hersteller von Modelleisenbahnen. Bevor sich das Unternehmen auf diesem Sektor den Spitzenplatz eroberte, produzierte die "Firma hochfeiner Metallspielwaren", wie sie sich vor 100 Jahren selbst bezeichnete, eine große Vielfalt von technischem Spielzeug: Dazu zählten Schiffe und Autos, Puppenküchen und Kinderkochherde, Kreiselspiele und Botanisierbüchsen, Dampfmaschinen und Metallbaukästen. Zur Firmenphilosophie zählten die "Zweckmäßigkeit der Konstruktion" und die "Gediegenheit in der Ausführung". "Nur das Beste ist auf die Dauer das Billigste", war der bewährte Grundsatz in der Auswahl des Materials.
Die ersten Züge hatten noch keine normierte Spurweite. Oft liefen sie auf Rädern und entfalteten ihren Reiz als so genannte Bodenläufer beim Nachziehen an einer Schnur. 1891 wartete Märklin mit einer Neuheit auf, der sich bald alle anderen Eisenbahn-Hersteller anschlossen: Die Göppinger präsentierten eine schienengebundene Systembahn, bei der die Spurweite – nach heutiger Definition - auf 45 Millimeter festgelegt war. Diese Bahn der Spurgröße I war nun ausbaufähig und erweiterbar. Schon 1895 wurde eine kleinere Bahn mit der Spurweite von 32 Millimeter, bezeichnet mit Spur 0, vorgestellt. Der Weg zur Miniaturisierung setzte sich fort: 1935 präsentierte Märklin die neue Miniatur-Tischbahn mit der Bezeichnung 00, später umbenannt in HO. Der überschaubare Platzbedarf für ein Schienenareal – jetzt genügte eine Tischplatte – sowie die günstigen Verkaufspreise brachten große Verkaufserfolge. Außerdem vollzog sich jetzt endgültig der Schritt von der Spielzeug- zur Modelleisenbahn mit hoher Detailtreue.
Den Schlusspunkt in der Miniaturisierung der elektrischen Eisenbahn setzte Märklin 1972 mit der "mini-club" getauften Bahn. Die Weltneuheit hatte eine Spurgröße von 6,50 Millimeter, welche die Bezeichnung Z erhielt. Mit der Wahl des letzten Buchstabens im Alphabet machte man deutlich, dass es kleiner nicht mehr gehen kann.

Anzeige im Göppinger Wochenblatt zu Weihnachten 1891.
1892: Georg Schwanz – Dichter, Komponist, Original
Georg Schwanz, 1866 in Ulm geboren, war von 1890 bis zu seiner Pensionierung 1932 Leiter der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Göppingen.
Bekannt geworden ist er aber weniger durch diese berufliche Tätigkeit, sondern vielmehr durch sein künstlerisches Schaffen als Dichter, Karrikaturist, Musiker und Komponist.
1892 hatte er die Göppinger Orchestervereinigung gegründet. Bis ins hohe Alter schuf er eine Vielzahl von Kompositionen, unter anderem auch eine komische Oper. Seine Kompositionen konnte man in Stuttgart und Göppingen und sogar im Rundfunk hören.
Auch als Verfasser von Gedichten und Lustspielen unter dem Pseudonym Peter Gassenhauer hat er sich Lorbeeren verdient. Seine Lustspiele in schwäbischer Mundart wie "Dr Doigbildhauer" und "Dr Loimajockel" wurden oft aufgeführt. Dass Schwanz viel Humor besaß, beweist sein nicht ganz ernst zu nehmender "Fest-Bericht über die Einweihung der Bedürfnishalle in G . . . . . . . . vor dem Rathaus". Darin schreibt er "Unter Böllerschüssen, Posaunen- und Autohupenklängen, Blumen- und Fahnenschmuck, erfolgte heute die Einweihung der unterirdischen Erleichterungshalle unter der Mitwirkung der Spitzen der Behörden und Vereine. ... Zeit ist Geld, heisst es, daher könne mancher oft eilige Gang nach Hause erspart werden. Ebenso diene dieses produktive Unternehmen nicht nur zur Hebung der Landwirtschaft und speziell dem Weinbau, sondern auch der Papierindustrie, der Zeitungspresse, wie auch der Dichtkunst... . Der Gesangsverein "Pissoiria" sang das Lied: Laue Lüfte wehen."

Georg Schwanz
1893: Der Tannenzapfenclub
Der Tannenzapfenclub, im Jahre 1893 mit 90 Mitgliedern gegründet, war keine Vereinigung von Naturliebhabern unserer Nadelwälder. Er war ein Zusammenschluss von Männern aus dem Welzheimer Wald, die auf der Suche nach Arbeit aus einer ärmlichen, bäuerlich geprägten Region in das sich im industriellen Aufschwung befindliche Filstal gekommen waren.

Der Club war also ein landsmannschaftlicher Verein mit dem Ziel, sich gegenseitig in und um Göppingen zu unterstützen und die kulturelle Identität seiner Mitglieder zu bewahren. Der Wahlspruch des Tannenzapfenclubs war "Frohsinn und Heiterkeit pflegen wir allezeit". Allerdings galt diese Maxime nur bis 1980. In diesem Jahr löste sich der Verein wegen Überalterung und sinkenden Mitgliederzahlen auf.
1893: Die Anfänge der 1. Mai-Feier
Im Juli 1889, hundert Jahre nach der Erstürmung der Bastille, fasste die in Paris tagende Sozialistische Inter-nationale den Beschluss, den 1. Mai von 1890 an als den Kampf- und Feiertag der Arbeiter zu begehen. Die Festlegung auf den 1. Mai war die Würdigung einer Hunderttausende zählenden Schar von Arbeitern in Chicago, die sich am 1. Mai 1886 zu einem Generalstreik zusammengefunden hatte, um ihrer Forderung nach dem 8-Stunden-Arbeitstag Nachdruck zu verleihen.
Der Aufruf, den 1. Mai als Tag der Arbeiter zu begehen, fand in vielen industrialisierten Ländern Widerhall. Allein die Teilnahme und das Fernbleiben von der Arbeit galt bis in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland als Streik. Um Konflikte zu vermeiden, wurde die Feier oftmals in die Abendstunden oder auf den folgenden Sonntag verlegt. Die politischen Forderungen der frühen 1. Mai-Versammlungen zielten auf den 8-Stunden-Tag, das Verbot der Kinderarbeit, besseren Arbeitsschutz und die Einführung des Allgemeinen Wahlrechts und der Koalitionsfreiheit.
In Göppingen berichtet die Tageszeitung von 1893 von einem erstmaligen Aufruf der Vereinigten Gewerkschaften und des Sozialdemokratischen Vereins zur Feier des 1. Mai, der damals auf einen Montag fiel. Trotz polizeilicher Überwachung konnte sich in den folgenden Jahren bis zum Ersten Weltkrieg ein fester Ablauf der 1. Mai-Feier herausbilden. Den Auftakt des Tages bildete die sog. Tagwacht. Um 6 Uhr morgens, zur Zeit des Arbeitsbeginns in den Fabriken, zog eine Arbeiterschar mit einer Kapelle durch die Stadt, um die Kollegen aufzurufen, an diesem Tag nicht der Fabrikglocke, sondern ihrem Signal zu folgen. Am frühen Nachmittag folgte eine Versammlung mit einer politischen Rede – anfänglich im Saal des Gasthauses Dreikönig, später unter freiem Himmel beim Schockensee oder auf dem Maienwasen. Den Abschluss bildete ein Demonstrationszug der Teilnehmer und Teilnehmerinnen, in dem die Mitglieder der Einzelgewerkschaften und die Kulturvereine der Arbeiterbewegung ein wichtiger Bestandteil waren.

Anzeige zur ersten Feier des Arbeiterverbrüderungsfestes am 1. Mai in Göppingen im Jahr 1893.
1894: Hatschi! – Die Taschentuch-Story
Heute schneuzen wir in "Tempo" – es hätte nicht viel gefehlt, und wir erleichterten unsere Nase in "Geppo". Dass die Erfindung des siegreichen Papiertaschentuchs in Göppingen stattfand, ist kaum bekannt. Am 14. August 1894 wurde unter der Patentnummer 81094 der Göppinger Papierfabrik G. Krum in der Großeislinger Straße das "Taschentuch aus Papier" patentiert, das "nach einmaligem Gebrauch zerstört, verbrannt oder sonstwie unschädlich gemacht" werden sollte.
Der Papierfabrikant Gottlob Krum sah die Vorteile eines Taschentuchs für den einmaligen Gebrauch vor allem in der Verbesserung der Hygiene. So sollte die Übertragung von Bakterien und ansteckenden Krankheiten verhindert werden. Die Göppinger Idee trat allerdings erst über drei Jahrzehnte später unter dem Markennamen "Tempo" in Nürnberg ihren Siegeszug an – heute benutzen nicht einmal mehr zehn Prozent das elegante Stofftaschentuch, das seinem Namen wenigstens entspricht. Die Aufforderung, einen einmal benutzten Gegenstand gleich wieder wegzuwerfen, war wohl 1894 mit gelebter schwäbischer Sparsamkeit kaum vereinbar und damit der Misserfolg der Marktneuheit besiegelt.
1894: Wie das Telefonzeitalter in Göppingen anbrach
"Seine Majestät der König haben die Einrichtung einer allgemeinen Telephonanstalt in Göppingen in Gnaden verfügt." Mit diesem Erlass vom 11. April 1893 wurde das Telefonzeitalter in Göppingen eingeläutet. Bereits am 10. Januar 1894 stand die erforderliche Technik im Erdgeschoss des Postamts gegenüber dem Bahnhof (im Bereich des heutigen KSK-Hochhauses) zur Verfügung und wurde von morgens 7 bis abends 9 Uhr von einem Postbeamten (später das "Fräulein vom Amt") bedient. Er musste die Leitungen der Gesprächspartner im ganz handwerklichen Sinne "verbinden".
Für die zahlreichen Göppinger ohne Privatanschluss wurde eine öffentliche Telefonzelle aufgestellt. Der Fest-anschluss war nur für Wenige erschwinglich: die Jahrespauschale kostete 100 Mark – damals ein stattlicher Preis. Die wenigen in Umlauf befindlichen Nummern konnte man sich noch leicht merken: Unter der 3 erreichte man die Firma Bellino, mit der 5 kam man bei der Werkzeugfabrik Gebr. Boehringer heraus.
1895:Dreikönigskeller – Biergenuss mit Aussicht
Frisch gebrautes Bier hält nicht lange, es muss kühl gelagert werden. Dies geschah in eigens errichteten, möglichst tiefen Bierkellern. Zusätzlich hielt man das Bier mit Eis, das in Eisseen im Winter gewonnen wurde, kühl. In Göppingen ist der Dreikönigskeller, im Oberholz an der Verbindungsstraße nach Bartenbach gelegen, auch oberer Bierkeller genannt, der älteste. 1793 errichtete der Wirt und Brauer Georg Kimmel für seine Brauerei Dreikönig (Markt-/Schützenstraße) einen Lagerbierkeller. Der untere Bierkeller, später Bonnentshöhe, der Hirschkeller und der Traubenkeller sind weitere Bierkeller, die zunächst im Sommer einen Bierausschank mit Gartenwirtschaft anboten. Ab den 1820er Jahren ist der Bierausschank im Dreikönigskeller belegt, ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er ein beliebtes Ausflugslokal mit Kegelbahn und Saal für Veranstaltungen. Es fanden Konzerte statt und einmal wurden auch Schillers "Räuber" aufgeführt. Vor allem an Sommerwochenenden strömten Hunderte von Göppingern aus der Stadt hinauf in die Höhengaststätte, wo sie in frischer Luft Erholung und Zerstreuung suchten. 1895 ließ der neue Besitzer, der Maurermeister Johann Georg Knöpfle, auf dem Wirtschaftsgebäude einen Aussichtsturm "zum Genuß der herrlichen Aussicht" errichten. Bis in die 1920er Jahre führte Georg Neuburger die Gaststätte, dann ging sie in den Besitz der Stadt über, die das Anwesen in ein Altenheim und eine Jugendherberge umbaute.

Bauplan für den Aussichtsturm, den der Dreikönigskeller 1895 erhielt.
1895: Das Arbeitsamt wird eröffnet
Am 2. Mai 1895 berieten der Gemeinderat und Bürgerausschuss der Stadt Göppingen über die Zentralisierung des Arbeitsnachweises durch die Schaffung eines städtischen Arbeitsamtes. Dieses sollte "die unentgeltliche Arbeitsvermittlung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer (gewerbliche Arbeiter, Dienstboten und Lehrlinge) zur Aufgabe erhalten". Der Oberbürgermeister führte gegenüber den Räten aus, diese neue Institution sei sinnvoll, "um ein weiteres Glied in die Reihe der der arbeitenden Klasse gewidmeten Wohlfahrtseinrichtungen einzufügen, auch Göppingen soll mit seiner großen Arbeiterbevölkerung hinter anderen ähnlichen Städten nicht zurückbleiben". Die bürgerlichen Kollegien teilten die Auffassung der Verwaltung und beschlossen, "damit die für die Vorarbeiten nötige Zeit zu Gebote steht", das Amt in zwei Monaten zum 1. Juli 1895 zu eröffnen. Seine Amtsstuben wurden im damaligen Knabenschulgebäude in der Kirchstraße 13 eingerichtet, die Dienststunden von vormittags 8 – 12 und nachmittags von 14.30 – 18.30 Uhr festgelegt.
In den 1920er Jahren wurde das Bezirksarbeitsamt Göppingen-Geislingen eine Reichsbehörde mit Sitz in der Geislinger Straße. In den 1930er Jahren erfolgte der Umzug in die Lorcher Straße. 1952/53 erhielt das Arbeitsamt einen Neubau an der Freihofstraße auf dem Areal der im Luftkrieg zerstörten Firma Karela. Mit wachsenden Aufgaben und Vergrößerung des Zuständigkeitsbereiches wurde dieser Neubau bald zu klein. 1972 wurde deshalb der Grundsatzbeschluss zum Bau eines neuen Arbeitsamtsgebäudes gefasst, das dann 1984 an der Mörikestraße bezogen werden konnte.

Neubau des Arbeitsamtes an der Freihofstraße im Jahr 1953.
1897: Der Bettelbach – ein Hindernis für die Stadterweiterung
Zahlreiche kleine Bäche im Bereich des heutigen Stadtgebietes entwässerten die breite Hochterrasse der Fils nach Süden. Manche haben ihre Quellen im Oberholz, Storzenbach und Brühlbach, jetzt wieder mit "neuem" Verlauf, sind Beispiele hierfür. Daneben gab es auch noch kürzere Bachläufe, die teilweise künstlich angelegt waren und unter anderem dem Überlauf von Mühlkanal und Stadtbach dienten.
Einer davon war der Bettelbach, der seinen Namen von der Flur "Hinterm Bettelhaus", die er durchfloss, hatte. Vom Mühlkanal in der Mörikestraße, dort wo der Brühlbach einmündete, führte der Bach entlang der Vorderen Karlstraße, überquerte beim sog. Löwenbrückle die Geislinger Straße, floss bis zur Nr. 12 , bog dann ab in die Davidstraße und mündete südlich des Güterschuppens in die Fils. Beim Bau des Bahnhofs musste der Bach 1843 verlegt werden. Vom Löwenbrückle führte er nun in südwestlicher Richtung bis zur Einmündung beim "Langen Steg". Mit der Stadterweiterung im Gebiet südlich der Geislinger Straße wurde der Bettelbach 1897 ganz aufgelassen und über einen Überlauf in den Stadtkanal eingeleitet.

Der Bettelbach im Stadtplan von 1893. Der Bach läuft diagonal durch das Bild.
1898: "Fröhliche Eiszeit"
1896 erwarben Georg und Adolf Schock ein Areal bei den Lehmgruben der Baumann’schen Ziegelei an der Lorcher Straße in der Absicht, den dort durchfließenden Storzenbach zu einem See aufzustauen und so ein Freizeit- und Vergnügungszentrum zu schaffen. Diese Erwartungen an den künstlich geschaffenen See, der schon bald nach seinen "Gründervätern" Schockensee genannt wurde, sollten sich rasch erfüllen. Die Eisbahn, die auf dem zugefrorenen See angelegt wurde und als einzige ihrer Art in der näheren Umgebung galt, erfreute sich bei Alt und Jung großer Beliebtheit. Der feierliche Auftakt für diese Wintersportattraktion war das Eisfest am Neujahrstag 1898, auf das noch zahlreiche Eisfeste in den darauffolgenden Jahren folgen sollten.

Die immer wieder beklagte mangelhafte Pflege des Sees und die zunehmende Verlandung führten um 1928 zur offiziellen Untersagung des Eislaufbetriebs und schließlich 1953 zur Auflassung des Sees. Bis dahin drehten ungeachtet des Eislaufverbots noch viele Göppinger ihre Runden auf dem zugefrorenen See.
1898: Der Staufenbrunnen – das "deutsche Vichy"
Die Inbetriebnahme des ersten städtischen Sauerbrunnens war eine Verlegenheitslösung. Ursprünglich wollte man beim Wasserwerk an der Ulmer Straße, wo das Wasser der Sickergalerie gesammelt wurde, noch einen tieferen Brunnen zur Sicherstellung der Wasserversorgung bohren, und dies gegen den gutachterlichen Rat des Eislinger Geologen und Theologen Dr. Engel. Und so kam es wie es kommen musste: bis 47 Meter Tiefe keine nennenswerte Süßwasserzuflüsse. Lediglich in 28 Meter trat Mineralwasser aus, das der Göppinger Apotheker Prof. Mauch untersuchte und als Heilwasser einstufte. Schnell wurde das leicht schwefelig schmeckende Wasser bei den Göppinger Bürgern beliebt – zum Verdünnen von Wein, Most und Apfelsaft war es allerdings nicht zu gebrauchen, die Getränke verfärbten sich.
Der alkalische Säuerling kam in den Inhaltsstoffen dem damals schon berühmten Wasser von Vichy nahe, wobei der Göppinger "Stauferbrunnen" noch natürliche Kohlensäure führte und nicht dekantiert werden musste.
Zeitweise wurde das Wasser auch abgefüllt und verkauft. Heute fließt der Staufenbrunnen immer noch, doch enthält er kaum mehr Mineralstoffe und Kohlensäure.

Göppinger Bürger füllen Krüge und Flaschen am Staufenbrunnen.
1899: Privatgesellschaft eröffnet "Stadtbad"
Um der stetig wachsenden Bevölkerung in der aufstrebenden Industriestadt Göppingen die Möglichkeit zu gesundheitsfördernden Freizeitmöglichkeiten zu geben, gründete sich am 1. Dezember die Aktiengesellschaft "Badgesellschaft Göppingen AG". Göppinger Bürger und die Stadtgemeinde hatten bereits Aktien im Werte von 10 000 Mark gezeichnet. Ziel war nicht nur eine "Schwimmanstalt" zu errichten. Vielmehr sollte den Göppingern auch die Möglichkeit zu Wannenbädern gegeben werden, Bäder in Privathaushalten waren damals noch Luxus. Am 19. August 1899 konnte das Göppinger Bad in der Poststraße 24 in Betrieb genommen werden. Bis zum Jahresende wurden über 25.000 Schwimmbadbesucher gezählt, 11.000 Wannen- und 500 Dampfbäder wurden abgegeben. Ein Schwimmbadbesuch kostete damals 25 Pfennig, das billigste Wannenbad 20 Pfennig und ein Dampfbad mit Massage zwei Mark. Um die "Badefreudigkeit der Jugend" zu fördern, bot Göppingen Anfang der 1920er Jahre allen Schülern kostenlosen Schwimmunterricht. Der Göppinger Schwimmverein 1904 und der Schwimmerbund unterstützen dieses Projekt tatkräftig.

Im Jahre 1934 musste die Stadt das Bad übernehmen, das auch noch in den Notjahren der Nachkriegszeit seinen Dienst tat. Technische Mängel und räumliche Enge machten einen Neubau notwendig. Das neue Stadtbad wurde 1963 an der Lorcher Straße eröffnet, an Stelle des alten "Jugenstil-Bads" steht heute das Frey-City-Center.
Ende 19. Jahrhundert : Hutmacherplatz im Oberholz
Mancher Spaziergänger im Oberholz mag sich schon gefragt haben, wie der Hutmacherplatz zu seinem Namen kam. Der Platz mit seiner großen Eiche war einst Ort geselliger Treffen von Hutmachern und Stadtbewohnern. Allwöchentlich am sogenannten "blauen Montag" zogen Hutmacher der Firma Mayser mit einigen Fässern Bier und manchmal auch Musikanten ins Oberholz, um dort ein kleines Volksfest zu veranstalten. Friedrich Mayser hatte 1873 das Betriebsgelände in der Großeislinger Straße bezogen, um dort eine Filiale seiner Hutproduktion in Ulm zu errichten. Der "blaue Montag" war in Arbeiter- und Handwerkerkreisen eine vielgeübte Sitte. Man dehnte die Sonntagsruhe einfach auf den Montag aus und machte blau. Mit der Auflösung der Mayser‘schen Fabrik in Göppingen 1902 sah der Hutmacherplatz im Oberholz zwar keine Hutmacher mehr, blieb aber Treffpunkt vieler Vereine. Lediglich der Name erinnert noch an die geselligen Treffen der Hutmacher.

Das Bild zeigt den Sängerkranz Göppingen um 1900 beim gemeinsamen Gruppenfoto am Hutmacherplatz im Oberholz.