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um 1900: Neu auf den Straßen: das Automobil

In den 1880er Jahren begann die Geschichte des Automobils. Unabhängig voneinander entwickelten Gottlieb Daimler und Karl Benz Motor-Wagen, die – wenn zunächst auch nur wenigen – eine neue Dimension der individuellen Mobilität eröffneten.

Wie fing in Göppingen das Autozeitalter an? Auch wenn wir nicht mit absoluter Verlässlichkeit sagen können, wer in der Stadt das erste Auto besaß, so können wir doch behaupten, dass der Arzt Dr. August Schwarzenhölzer zum kleinen Kreis derer gehörte, die als erste die Kutsche gegen ein Fahrzeug mit Eigenantrieb eintauschten. Für Dr. Schwarzenhölzer war das Automobil natürlich in erster Linie ein Dienstfahrzeug, das ihm mit seiner Landpraxis die Patientenbesuche in den umliegenden Dörfern erleichterte.

Dr. Schwarzenhölzer hatte zunächst eine Apothekenlehre in der Zwink’schen Apotheke in Göppingen absolviert. Danach studierte er Medizin und eröffnete in Göppingen seine Arztpraxis, die sich bald zu der geachtetsten in Stadt und Oberamt entwickelte. Alle seine "Ferien" nutzte er nicht zum Ausruhen, sondern zur Fortbildung in Ferienkursen an Universitäten. So war er z. B. der erste, der in den 1890er Jahren die Göppinger Bürgerschaft in Vorträgen und Vorführungen über die Möglichkeiten der Röntgenstrahlen in der Medizin informierte. Überdies war er der Gründer der Göppinger Sanitätskolonne, der er 25 Jahre lang vorstand. Dr. Schwarzenhölzer verstarb 1935 im Alter von 83 Jahren.

 

Dr. Schwarzenhölzer hat sein Automobil vor dem Gasthaus Lamm in Hohenstaufen geparkt. Aufnahme um 1910.

 

1900: Die brennende Knabenschule – Oskar Schlemmers Werk Nr. 1

In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1900 brach im Dachgeschoss der damals noch neuen Knabenschule, der heutigen Uhland-Realschule, ein Brand aus. Dieser zerstörte das gesamte Dachgeschoss des Schulgebäudes. Zur selben Zeit lebte der junge Oskar Schlemmer in Göppingen bei der Familie seiner Schwester Wilma, verheiratete Morgenstern, da seine in Stuttgart wohnenden Eltern schon alt und sehr gebrechlich waren. Oskar Schlemmer besuchte damals die Realanstalt in der Freihofstraße (das Gebäude des heutigen Freihof-Gymnasiums).

Aus der Göppinger Schulzeit Oskar Schlemmers sind Briefe an Eltern und Freunde erhalten. Ein heute im Schlemmer-Archiv verwahrtes Schreiben enthält ein kleinformatiges Aquarell, das die brennende Knabenschule zeigt. Im Werksverzeichnis, das die Schlemmer-Biografin Karin von Maur erstellte, wird dieses Aquarell als früheste erhaltene Arbeit des Künstlers Oskar Schlemmer unter dem Titel "Feuersbrunst, 1900" mit der Nr. 1 geführt.

 

Knabenschule von der Burgstraße aus gesehen nach dem Brand im Sommer 1900.

 

1900: Strom für Göppingen

Heute kann man sich ein Leben ohne Elektrizität kaum vorstellen. In Göppingen war vor 1900 noch nicht an Strom zu denken. Denn erst in diesem Jahr ging das E-Werk in der Mörikestraße in Betrieb. Die Energie wurde in dieser Zeit aus Kohle erzeugt.

Die Initiative für den Bau des Elektrizitätswerkes ging allerdings nicht von der Stadt, sondern von dem Privatmann Heinrich Mayer aus. Dieser hatte auch in anderen Orten E-Werke errichtet. In einem 1899 mit der Stadt Göppingen geschlossenen Vertrag erhielt er für 20 Jahre das Versorgungsmonopol zur Stromlieferung für Motoren. Das Monopol zur Belieferung der Stadt mit Energie für Lichtzwecke hatte bis 1903 das Gaswerk, danach ging sie in städtische Regie über. Die Stadt erhielt vom Umsatz des E-Werkes zunächst einen Anteil von fünf Prozent, ab 1903 sogar von zehn Prozent. Anfänglich lieferte das E-Werk Gleichstrom, bald auch Wechselstrom für die Industrie. 1906 kauften die Neckarwerke das Göppinger E-Werk von Heinrich Mayer, der in finanzielle Probleme geraten war. Am Beginn des 20. Jahrhunderts war Strom noch ein Luxus, den sich nicht jeder Haushalt leisten konnte. Eine Kilowattstunde Lichtstrom kostete in dieser Zeit 45 Pfennig, ebenso viel wie ein Abonnement der Göppinger Zeitung im Monat.

 

1900: Als Werbung noch Reklame hieß

Produkte mit dem Namen Nigrin stehen auch heute noch im Ladenregal. Erfunden wurde dieser Markennamen von der Göppinger Firma Dr. Carl Gentner, die auf dem Areal des heutigen Schleckerlands chemisch-technische Artikel herstellte. Ein wichtiges Firmenerzeugnis war schwarze Schuhwichse, die mit dem markanten Namen Nigrin – abgeleitet vom lateinischen nigror = Schwärze – der Kundschaft offeriert wurde.

Dr. Carl Gentner hatte früher als andere auf ein unverwechselbares Firmenbild und auf gute Reklame gesetzt. Der allseits bekannte und überdies als Glücksbringer geltende schwarze Mann, der Schornsteinfeger, wurde zum Sinnbild der Fabrikmarke. Sein Bild wurde auf der Schuhcremedose ebenso verbreitet wie auf Anzeigen, Emailplakaten, Reklamemarken und Sammelpostkarten. Als übergroßer Stelzenmann machte der Schornsteinfeger im Stadtbild auf sich und natürlich auf Nigrin aufmerksam.

Die Firma Gentner hatte aber nicht nur für ihre schwarze Schuhcreme einen einprägsamen Namen gefunden bzw. erfunden. Ideen fehlten auch nicht, als sich das Sortiment deutlich erweiterte: So erhielt das Hartbohnerwachs den Namen Roberin, der Metallputz hieß Gentol, die Putzpomade Pascha, die Ofenpolitur Kosak und das weiße Seifenpulver Schneekönig.

 

    

Stelzenmann Jauss aus Auendorf läuft für Nigrin

 

1900: Zugunglück auf dem Göppinger Bahnhof

Am Morgen des 17. Februars 1900 kam es auf dem Göppinger Bahnhof auf Grund einer falsch gestellten Weiche zu einem Zwischenfall, der so viel Aufsehen erregte, dass die Nachricht davon mit den "medialen" Möglichkeiten der damaligen Zeit auf einer rasch aufgelegten Bildpostkarte verbreitet wurde.

Eine Rangierlokomotive stieß trotz eingeleiteter Notbremsung des Lokomotivführers auf drei abgestellte Personenwagen der dritten Klasse, die durch die Wucht des Aufpralls sich in ein Toilettenhäuschen beim Güterschuppen bohrten. Die Schadensbilanz war beträchtlich : die Damentoilette total zerstört, ein Personenwagen schwer, die Rangierlok und die beiden anderen Wagen leicht beschädigt. Personen kamen zum Glück nicht zu Schaden.

Dieser Zwischenfall zog im Laufe des Tages viele Schaulustige auf den Göppinger Bahnhof.

 

 

1900: Vom Altwerden

Das Älterwerden der Menschen und die daraus erwachsenden Folgen bestimmen heute viele sozialpolitische Debatten. Tatsächlich sind die Veränderungen, auch wenn man sie im Mikrokosmos einer Stadt betrachtet, beachtlich: Während in Göppingen im Jahr 1900 6,5 Prozent der Einwohner 60 Jahre und älter waren, zählt die Statistik des Jahres 2000 in dieser Gruppe über 20 Prozent. Aber auch am anderen Ende der Altersskala sind die Verschiebungen markant: 1900 waren etwas über 30 Prozent der Einwohnerschaft unter 15 Jahre alt, hundert Jahre später sind dies nicht einmal mehr 10 Prozent. Damit wurde – bildlich gesprochen – die Lebensalter-Pyramide fast auf den Kopf gestellt, sie hat nun mehr die bauchige Form einer Zwiebel.

Solch einschneidende Veränderungen sind aber auch nicht ganz neu: Im Lauf des 19. Jahrhunderts war der Aufbau der Bevölkerung in ihren Altersstufen keineswegs konstant. Die Auswirkungen der Napoleonischen Kriege, die immer stärker durchschlagenden Agrarkrisen und in deren Gefolge die anwachsende Auswanderung der 30- bis 40-Jährigen blieben auch damals nicht ohne Folgen für die Alterspyramide. Überdies hielt die hohe Kindersterblichkeit die Lebenserwartung insgesamt niedrig. Im Jahr 1850 starben in Göppingen noch 42,4 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr – also fast jedes zweite neugeborene Kind erlebte nicht einmal seinen ersten Geburtstag. Vor hundert Jahren lag die Säuglingssterblichkeit immer noch bei 20 Prozent. Erst nachhaltige Fortschritte in der Medizin und die sich bessernde Versorgung mit Nahrungsmitteln ließen die Menschen – in Friedenszeiten – älter werden.

 

Gemessen an der Veränderung der Altersstruktur müssten heute drei Mal soviel betagte Frauen auf der Bank vor der Oberhofenkirche ausruhen, als dies 1900 der Fall war.

 

1900: Alte Mitte – Neue Mitte

Um 1900 kam eine Scherzpostkarte in den Handel, die am Beispiel des damals noch beschaulichen Göppinger Marktplatzes das drohende Fiasko, das die neuen Verkehrsmittel verursachen könnten, in allen Facetten ausmalte: Bei all den über den Platz fahrenden Straßenbahnen, Autos, Traktoren und neuerdings sogar einer Dame auf dem Rad kamen die Fußgänger im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder. Auch wenn durch Göppingen in den folgenden 100 Jahren nie eine Straßenbahn fahren sollte, so veränderte der wachsende Individualverkehr im Laufe des 20. Jahrhunderts die Stadt sehr stark. Im Jahr 2000 gehörte der Marktplatz tatsächlich den Autofahrern, täglich querten – was sich die Visionäre des Jahres 1900 nie hätten erträumen mögen – rund 24 000 Fahrzeuge die Kreuzung.

Kurze Zeit später war diese Entwicklung Vergangenheit: Im November 2003 wurden die Arbeiten an der Umgestaltung der Göppinger Innenstadt abgeschlossen. Ein neues Verkehrskonzept hatte den Fußgängern und Flaneuren den öffentlichen Raum wieder zurückgegeben, der Marktplatz konnte seinem Namen wieder gerecht werden. Das als "Neue Mitte" in der Amtszeit von Oberbürgermeister Reinhard Frank verwirklichte Vorhaben hat überhaupt erst wieder die Anmutung des vom Geist der Aufklärung geprägten Göppinger Stadtzentrums hervortreten lassen.

 

Scherzpostkarte von 1900

1901: Göppinger Alpenstationen - Die Gründung der Sektion Hohenstaufen

Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes setzte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein "Run" ins Gebirge, auf die Alpengipfel ein. Ausgehend von England machten sich auch hier zu Lande immer mehr Naturbegeisterte in die faszinierende Bergwelt der Alpen auf. Der Tourismus war nach heutigen Maßstäben sehr mäßig, die Alpen galten noch als Geheimtipp. Die Alpenvereine der einzelnen Länder kümmerten sich um die Anlage und Ausschil-derung von Wanderwegen und um den Hüttenbau.

In Göppingen fanden sich am 16. Dezember 1901 im Saal des Hotels zum Sand 32 Alpenfreunde zusammen, um in einer konstitutionellen Versammlung die "Sektion Hohenstaufen" des Deutschen und Österreichischen Alpen-vereins zu gründen. Eine der ersten Wanderungen führte nicht in die Alpen, sondern aufs Kalte Feld. Doch dann folgten Fahrten und Bergwanderungen in den Alpen und bald kam der Wunsch nach einer "Göppinger Hütte" auf. Bereits im August 1913 konnte diese dann auf dem Gamsboden (2245 m N. N.) bei Lech eingeweiht werden. Weitere Häuser folgten: Kreuzberghütte, Haldenseehaus, Ställen-Alm. Die Mitgliederzahl wuchs und auch das Angebot der Sektion passte sich den veränderten Freizeitgewohnheiten an.

 

1913 wurde bereits die Schneeschuhabteilung gegründet.

 

1902: Von der Oberen Mühle zur "Pflugfabrik"

Seit den 1970er Jahren wird über die Neugestaltung des "Speiser-Geländes" an der Ecke Post-/Großeislinger Straße diskutiert. Auf dem Gelände produzierte von 1874 bis 1970 die Landmaschinenfabrik Wilhelm Speiser nicht nur Pflüge und Dreschmaschinen, auch eine Gießerei war auf dem Gelände angesiedelt. 1902 hatte Wilhelm Speiser die Obere Mühle an der Poststraße und auch die anschließende Untere Sägemühle erworben, um seinen Industriebetrieb vergrößern zu können. Die Mühlen lagen am Mühlkanal, der damals noch oberirdisch floss. Schon 1477 wird die "ober milin" erwähnt, teilweise trieben drei Mahlgänge eine Öl-, eine Gipsmühle und ein Walkwerk an. Im Jahre 1837 richtet Thomas Scheuffelen eine Spinnerei ein, die er aber bald nach Ebersbach verlegte. Nach dem Verkauf von Mühle und Spinnerei an Wilhelm Speiser wurden die Mühlen abgerissen, der Mühlkanal verdolt, das Wasserrad der Sägemühle durch eine Turbine zur Stromerzeugung ersetzt.

 

Blick auf die Obere Mühle und das Spinnereigebäude. Von links, der heutigen Poststraße, mündete der Österbach in den hier sehr breiten Mühlkanal. (um 1900).

 

1902: Die Behelfskirche an der Fils

Provisorien halten bekanntlich viel länger als geplant. So erging es auch der 1901 südlich der Fils errichteten Notkirche St. Josef der Göppinger Katholiken. Das mit einfachen Mitteln errichtete Gebäude, das auf eine Lebenszeit von 40 Jahren ausgelegt war, wurde auf dem Platz der durch Brand zerstörten ersten Göppinger Turnhalle erbaut. Die Kirche war als Ausweichquartier für die Marienkirche in der nördlichen Stadthälfte gedacht und wurde von dort aus über einen sog. "Excurrentvikar" betreut. Der hielt regelmäßig die Gottesdienste in der Außenstelle.

So wie die Zahl der Katholiken in Göppingen wuchs – und dies vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Ankunft vieler Vertriebener und Flüchtlinge – , um so mehr wurde der behelfsmäßige Bau benötigt. 50 Jahre nach seiner Weihe wurde St. Josef zur Stadtparrverweserei erhoben. Die Gemeinde wurde den Patres von La Salette übertragen, zusammen mit den Stadtteilen Jebenhausen und Bodenfeld. Letztere erhielten erst mit dem Bau eigener Kirchen ihre Selbstständigkeit als Pfarrerei. Aber auch die Mutterkirche St. Josef wurde weiterhin be-nötigt. Das Provisorium wurde schließlich 1975 abgerissen um einem Neubau Platz zu machen. Die heutige Josefskirche konnte dann im März 1977 durch Bischof Moser geweiht werden.

 

Die alte Josefskirche an der Jahnstraße.

 

1902: Von Kutter und Kehricht

Wie wurde früher für Sauberkeit in der Stadt gesorgt? Die "ortspolizeilichen Bestimmungen betr. Straßen und Trottoirs" der Stadt Göppingen führten z. B. im Jahr 1902 dazu aus, dass jeder Hauseigentümer am Dienstag, Donnerstag und Samstag und außerdem je nach Bedürfnis dafür zu sorgen hatte, dass auf der zur Straße zugewandten Seite seines Besitztums das Trottoir und der Straßenkandel gekehrt wurde. Die Straßenkandeln und Vertiefungen im Pflaster waren überdies von Morast zu säubern. Damit sommers bei der Arbeit nicht zuviel Staub aufgewirbelt wurde, war der Bürgersteig zuvor mit Wasser zu begießen. Der Ertrag dieser Bemühungen – ein stolzer Kehrichthaufen – musste unter den kritischen Augen aller Nachbarn so lange am Straßenrand lagern, bis ihn die öffentliche Abfuhr mitnahm.

Streng untersagt war nach den Bestimmungen der Ortspolizei, dem am Straßenrand lagernden öffentlichen Unrat noch privaten Kehricht hinzuzufügen. Der in den Häusern anfallende Kutter und die Küchenabfälle mussten in "haltbaren Gefäßen" wie "Kutterkistchen" gesammelt und bis spätestens 1 Uhr mittags vor dem Haus zur Abho-lung bereit gestellt werden. Hierbei gab es schon klare Vorschriften zur Mülltrennung: Zerbrochenes Geschirr, Gläser, Steinmaterial oder Metallabfälle mussten in eigenen Behältnissen vors Haus gestellt werden.

Für die akkurate Einhaltung der Regeln mag bereits die gegenseitige soziale Kontrolle gesorgt haben. Für die Sauberkeit und Mülltrennung verantwortlich war der Hauseigentümer. Wer dies jeweils war, konnte jeder im Adressbuch der Stadt nachlesen. Manche glauben, dass dieses eines der meist gelesenen Bücher war – bis der persönliche Datenschutz solch interessante Angaben untersagte.

 

1902: Das Schützenhaus am Galgenberg

Die Schützengesellschaften gehören meist zu den ältesten Vereinigungen in einer Stadt. Lange erfüllten sie Aufgaben einer Bürgerwehr, bis dann im 18. und frühen 19. Jahrhundert stehende Heere aufgebaut wurden. Die Schützengesellschaften verloren daraufhin an Bedeutung, oft wurden sie auf herrschaftlichen Druck hin aufgelöst. Dies war auch in Göppingen der Fall. 1901 gründete sich in der Stadt erneut eine Schützengilde als gesellige Vereinigung zur Ausübung des Schießsports. Ihr Vorsitzender war Bankier Leopold Gutmann. 1901 fasste der Verein den Beschluss, am Galgenberg ein neues Schützenhaus mit Schießbahnen zu erstellen. Das in verspielter Fachwerkarchitektur errichtete Schützenhaus, das einen großen, öffentlich zugänglichen Gaststättenraum enthielt, konnte 1902 eröffnet werden. In den 1920er Jahren wurde das Gebäude durch zahlreiche Anbauten erweitert. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Gaststätte geschlossen und als Lagerraum genutzt, die Schützengilde selbst 1942 aufgelöst. Zuletzt war in dem stark veränderten Gebäude der NCO-Club der in Göppingen stationierten Amerikaner untergebracht.

 

Das Schützenhaus nach seiner Eröffnung im Jahr 1902

 

1902: Das Feuerwehrmagazin an der Freihofstraße

Mit dem Anwachsen der Einwohnerzahl und der Errichtung zahlreicher Fabriken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchsen im gleichen Ausmaß die Aufgaben der Feuerwehr. Nicht nur ihre Geräte-Ausstattung musste kontinuierlich verbessert werden, auch an das Magazin wurden neue Anforderungen gestellt. Zu ihrem 50-jährigen Bestehen konnte die Göppinger Wehr ein neu erbautes Magazin an der Freihofstraße beziehen. Es handelte sich dabei um einen von der Stadt errichteten Mehrzweckbau. Im Erdgeschoss fanden hinter sechs Toren die noch von Pferden gezogenen Feuerspritzen sowie die Dach- und Stockleitern, Schläuche und Springtücher der Lösch- und Rettungsmannschaften Platz. In den oberen Stockwerken wurden eine Doppelturnhalle und Zeichensäle für die schräg gegenüber liegende Königliche Realanstalt (heute Freihof-Gymnasium) geschaffen.

Im Jahr 1972 konnte die Feuerwehr der inzwischen eingetretenen Beengtheit im alten Feuerwehrmagazin entkommen und wiederum ein neu errichtetes Magazin an der Friedrichstraße beziehen.

Die Tore des alten Feuerwehrmagazins sind heute vermauert. Der an der Ostseite des Gebäudes stehende ziegelrote Turm, der einst zum Trocknen der Schläuche benötigt wurde, erinnert aber bis heute an die ehemalige Zweckbestimmung des Anwesens.

 

Löschzug vor dem neuen Feuerwehrmagazin im Jahr 1908.

 

1903: Letzte Ruhe an der Hohenstaufenstraße

Ursprünglich wurden die Toten der lange Zeit zwischen 2 000 und 3 000 Einwohner zählenden Stadt Göppingen und der zum Pfarrspiegel gehörenden umliegenden Gemeinden im Umfeld der Oberhofenkirche bestattet. Als sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Einwohnerzahl rasch auf rund 20 000 vervielfachte, dachte man an die Anlage eines neuen Friedhofs im Randbereich der Stadt.

Nach ersten Diskussionen im Gemeinderat 1887 fiel erst zwölf Jahre später der Beschluss, einen neuen Friedhof in nordöstlicher Richtung an der Straße nach Hohenstaufen anzulegen. Das Interesse der jüdischen Gemeinde ebenfalls einen Begräbnisplatz in Göppingen anzulegen, wurde von der Stadt aufgegriffen. Im Friedhofsareal erhielt die Israelitische Gemeinde einen Begräbnisplatz mit eigenem Zugang.

Das weitläufige Areal wurde zur Anlage von Gräbern in rechteckige Felder unterteilt. Ein besonderes Schmuck-stück sind die nach Plänen des Stuttgarter Architekten Eisenlohr erstellten Gebäude – das Eingangsportal mit dem Friedhofswärterhaus, die Friedhofskapelle und die Leichenhalle. Am 4. April 1903 wurde der Gesamtfriedhof mit der Weiherede des evangelischen Dekans, dem Gebet des katholischen Stadtpfarrers und dem Segen des Rabbiners eingeweiht.

 

Blick durch das Friedhofstor (mit noch vorhandenem Torbogen)

 

1904: Prosit Neujahr!

Ein Blick in die Anzeigenseiten der Lokalpresse zeigt es: vor 100 Jahren ging der Jahreswechsel ziemlich unauf-geregt vor sich: mit Punsch, Rum oder Champagner-Wein und ein paar vereinzelten Pistolenschüssen feierte man ins neue Jahr hinein. Lediglich der Briefverkehr fiel am Jahresende aus dem Rahmen, weshalb die Post sich genötigt sah, ihre Kunden vorsorglich darauf hinzuweisen, "dass sich Sendungen von kleinerem Format gern in größere Sendungen einschieben und dadurch der Verschleppung und dem Verlust ausgesetzt sind". Viele hatten sich damals ohnehin dem lästigen Neujahrsgrußschreiben entledigt – und nebenbei Gutes getan. Sie lösten mit einer Spende für Arme sog. "Neujahrswunschenthebungskarten". Damit sich auch jeder von dieser guten Tat überzeugen konnte, wurden die Spender-Namen mit Berufstitel von der Gemeindepflege eines jeden Ortes gesammelt und in der Zeitung veröffentlicht. In Göppingen spendeten so an Neujahr 1904 247 Personen zusammen 335 Mark und 20 Pfennig.

Vor dem Brauch des "Neujahrsanwünschens" in der Hoffnung auf eine Geld- oder Sachgabe warnte die Polizei. Dies galt jetzt als Bettelei. Die Schutzmannschaft der Göppinger Polizei war entsprechend instruiert und bat die Einwohnerschaft um Mithilfe, "dass diesem Unfung endlich einmal engegengesteuert wird".

 

1904: Die alte "Hohenstaufenhalle"

Das Scheitern der hochfliegenden Pläne für ein Nationaldenkmal auf dem Hohenstaufen führte am Ende zu einer kleinen "Hohenstaufenhalle" auf dem Gipfel des Kaiserbergs. Aus den gesammelten Spenden des Denkmal-komitees erhielt der Schwäbische Albverein 1500 Mark für den Bau einer Schutzhütte, die Gmünder steuerten weitere 1000 Mark dazu bei. Nach einem Entwurf des Pforzheimer Werkmeisters Maurer ließ der Albverein vor 100 Jahren für die Wanderer einen großzügigen Unterstand errichten. Den erwartete vor dem Eingang unter einem Dachvorsprung ein gedeckter Sitzplatz, von dem aus man das Alb – und mit Glück – das Alpenpanorama genießen konnte. Der windstille Innenraum war mit Sitzbänken und einem großen runden Tisch ausgestattet. An der Westwand fand auch eine von einem Hohenstaufener Bürger gestiftete Gedenktafel für die staufischen Herrscher ihren Platz.

 

Die Halle bot bis 1975 den Ausflüglern Schutz und Erholung. Dann setzte ihr ein Brand zu. Man riss das alte Gemäuer ab und errichte beim Burgzugang eine neue, größere und bewirtete Albvereinshütte. Dieses Vorhaben war von deutlicher Kritik am "Betonbunker im Landschaftsschutzgebiet" begleitet.

 

1904: Vor 100 Jahren wurde die Mädchenschule eingeweiht

Am 7. Juni 1904 konnte mit der Evangelischen Mädchenschule in Göppingen der vierte Schulhausneubau eingeweiht werden: 1875 war die damalige Realanstalt (heute Freihof-Gymnasium), 1896 die Evangelische Knabenschule (heute Uhland-Realschule) und 1903 die Freihofturnhalle mit Zeichenschulgebäude erstellt worden.

Das von Baurat Knoblauch aus Stuttgart entworfene Schulgebäude an der Schillerstraße war nach den damals modernsten Anforderungen an den Schulbau ausgeführt. Die 21 Klassenzimmer, für jeweils 60 Schülerinnen ausgelegt, waren mit pflegeleichten Linoleumböden ausgestattet und die Wände in "durchweg lebhaften Farben (grün, dunkelrot und hell) gehalten". Der "Hohenstaufen" monierte, "es fehlt jetzt bloß noch ein Wandschmuck, denn die wenigen aufgehängten Bilder sehen aus, als ob sie direkt aus dem Fünfzigpfennigbazar kämen". Im Schulgebäude waren eine Badeinrichtung untergebracht, "durch welche den Schülerinnen unentgeltlich Brause-bäder verabfolgt werden können" sowie Räumlichkeiten zur Einrichtung einer Schulküche. Die Eröffnungsfeier-lichkeiten, die mit einem Umzug vom alten Schulgebäude in der Grabenstraße begannen, fanden in der ebenfalls neu errichteten Schulturnhalle statt. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildete tags darauf ein Fest-bankett im Saal des Apostel Hotels. Dieses war schlecht besucht, was die Göppinger Zeitung zum Vorschlag verleitete, bei solchen Anlässen "den Ausschank von Bier zu ermöglichen. Nur so ist auf eine Beteiligung weiterer Kreise des Publikums zu rechnen".

Bis 1968 blieb die Schillerschule eine "Volksschule", dann wurde sie durch "Teilung" der Uhland-Realschule zu einer selbstständigen Realschul-Anstalt.

 

Die Mädchenschule, Schillerstraße 14, auf einer Ansichtskarte (um 1920)

 

1904: Der Maientag als Schul- und Kinderfest

"Mr weiß jo net, wie’s Wetter wird, ob’s regnet oder schneit oder en kalte Winter geit..." Wie alle Jahre so sorgte man sich auch vor 100 Jahren am Maientag um die Frage, ob’s Wetter "hebt". Damals lag der Festtag für die Göppinger Schüler am Wochenbeginn, es war der Montag. Um 9.30 Uhr sammelten sich die Schulklassen auf dem Marktplatz um dann in einer unüberschaubaren Schar von rund 2.800 Köpfen zur Stadtkirche zum Dankgottesdienst zu ziehen. Angeführt wurde der Zug vom Göppinger Original Gustav, der den Maien trug, gefolgt von der Festkommission und den Stadtvätern. Im Zug der Schulklassen gehörte die erste Position den "höheren" Töchtern, den Schülerinnen der höheren Töchterschule. Dann folgten – nach Geschlechter getrennt – die Mädchen der Evang. und Kath. Volksschule und Wilhelmshilfe. Den Zug der Knaben führten die Elementarschüler an, gefolgt von den Latein- und Realschülern.

Nachmittags um 13.30 Uhr versammelte sich die Schülerschar abermals auf dem Marktplatz, um gemeinsam hinaus auf den Festplatz am Nonnenwasen (dem heutigen städtischen Betriebshofsgelände) zu ziehen. Dort gab es verschiedene Belustigungen, Spiele und Aufführungen der Turnvereine. Um 8 Uhr war das Fest zu Ende, man marschierte gemeinsam in die Stadt zurück. Am Tag darauf fand der sog. "Nachmaientag" auf dem Festplatz statt, der den Abschluss des Göppinger Nationalfeiertags bildete.

 

Schulkinder versammeln sich mit ihrem Maienbaum vor der Knabenschule (heute Uhland-Realschule)

 

1904: Haus auf Stelzen

Der Glaube an Technik und Fortschritt kann Berge versetzen. 1904 wurde in Göppingen zwar kein Berg, aber das Haus des Schmiedemeisters Böhler an der Ecke Markt- / Geislinger Straße (heute Bäckerei Kamps) um einige Meter in die Höhe gehievt. Dem Schmied war das Haus zu klein geworden. So beauftragte er Erasmus Rückgauer aus Stuttgart, ein im Häuserversetzen und –anheben erfahrener Baumeister. Das Haus wurde unter den Augen der Göppinger Bevölkerung mit Hilfe von Winden um 3,80 m emporgehoben. Somit war darunter Platz für ein neues Erdgeschoss entstanden. Stahlstützen tragen bis heute das dreistöckige, ursprünglich aber nur zweistöckige Gebäude. In Göppingen ist die spektakuläre Methode erfolgreich angewandt worden. 1906 stürzte in Nagold ein Gasthaus während des Hebeprozesses ein und begrub einige Dutzend Menschen in den Trümmern.

 

Die Hebung des Hauses Geislinger Straße 35 war ein Spektakel für die Göppinger

 

1904: Göppingens erster Oberbürgermeister

Zunächst trugen die Stadtvorstände den Titel Bürgermeister und Stadtschultheiß. Seit 100 Jahren steht Göppingen ein Oberbürgermeister vor. Der erste, der diese Amtsbezeichnung tragen durfte, war Gottlob Friedrich Allinger (1851-1910). Er war von 1875 bis 1881 in Göppingen Polizeikommissär und wurde am 22. Dezember 1881 als 31-Jähriger "vermögens höchster Entschließung Seiner Königlichen Majestät" zum Stadtschultheißen ernannt.

In seiner Amtszeit musste Stadtschultheiß Allinger vor allem die Infrastruktur der Stadt an das von der Industrialisierung ausgelöste Wachstum anpassen. Dazu gehörte auch die für die Wasserversorgung wichtige Errichtung des Nassach-Wasserwerks. Für diese Verdienste erhielt Allinger 1904 vom württembergischen König den Titel eines Oberbürgermeisters verliehen.

1908 ging Oberbürgermeister Allinger aufgrund seines angegriffenen Gesundheitszustands in den Ruhestand. Die bürgerlichen Kollegien hatten über das Gehalt – damals gab es noch keine tariflichen Vorgaben - und die Stellenanforderung für den neuen Oberbürgermeister zu beraten. Rasch war man sich einig, dass für das Amt ein "akademisch gebildeter Herr mit hervorragenden Kenntnissen gesucht" werden musste, insbesondere "wegen des dann erleichterten Verkehrs mit den Staatsbehörden".

Dem Beispiel vergleichbarer Städte folgend setzte der Gemeinderat das Jahresgehalt auf 9.000 Mark fest, es sollte sich alle 3 Jahre um 1.000 Mark bis zu einem Höchstbetrag von 12.000 Mark erhöhen (der ortsübliche Taglohn eines Arbeiters lag bei 2 Mark). Die Annahme eines politischen Mandats im Land- oder Reichstag sollte dem künftigen Stadtvorstand nur ausnahmsweise genehmigt werden, da die Interessen der Stadt die volle Kraft des Stadtvorstands erfordern. Der Urlaubsanspruch wurde auf 5 Wochen festgelegt. Bei einer über 6 Monate dauernden Krankheit musste der Amtsinhaber die Kosten des Stellvertreters als Abzug von seinem Gehalt übernehmen.

Auf die Ausschreibung gingen 8 Bewerbungen ein. Am 4. Mai 1908 konnten sich die Kandidaten in einer je 20-minütigen Rede im Apostel-Saal der Bürgerschaft vorstellen. Bei der Wahl am 9. Mai erhielt Dr. Julius Keck, bis dahin OBM in Tuttlingen, die höchste Stimmenzahl. Am 23. Juni wurde Dr. Keck in das Amt des Göppinger Oberbürgermeisters eingesetzt. Ihm folgten nach: Otto Hartmann (1919-33), Dr. Erich Pack (1933-45), Christian Eberhard (1945-54), Dr. Herbert König (1954-80), Hans Haller (1981-97). Als 8. Oberbürgermeister der Stadt trat Reinhard Frank im Januar 1997 in das Amt.

 

Gottlob Friedrich Allinger führte als erster den Titel Oberbürgermeister

 

1904: Von Bezgenrieth zu Bezgenriet

Seit dem 16. Jahrhundert gab es immer wieder Bestrebungen, die deutsche Schreibweise in ein verbindliches Regelwerk zu fassen. 1901 war es dann soweit: In einer dreitägigen Konferenz in Berlin berieten 26 Vertreter der deutschen Länder, ein Vertreter Österreichs, Delegierte der Verlage und auch Konrad Duden über eine einheitliche deutsche Rechtschreibung. Die Ergebnisse wurden dann 1902 von den Regierungen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz in amtliche Regelungen umgesetzt. Eine wichtige Neuerung war die Abschaffung des "h" als Dehnungszeichen, insbesondere nach dem Buchstaben "t". Allein der Thron bildete hiervon eine Ausnahme (auf Intervention des Kaisers), er blieb auch bei der jüngsten Rechtschreibreform unangetastet.

Bevor mit der 1904 getroffenen Regelung Tinte und Blei gespart werden konnten, musste eine Vielzahl von Erlassen geschrieben und gedruckt werden. So verfügte das Königreich Württemberg 1904 die Übernahme der neuen Rechtschreibung im amtlichen Verkehr und ordnete die Neuschreibung von Ortsnamen an, die bisher das "th" als Bestandteil hatten. Im damaligen Oberamt Göppingen waren hiervon neben der Gemeinde Bezgenrieth folgende Dörfer und Weiler betroffen: Krapfenreuth, Lothenberg, Thäleshöfle, Sonnenthal und Rommenthal.

In alter Zeit erfolgte die Schreibung der Ortsnamen nach Gehör. In den Akten im Ortsarchiv Bezgenriet finden sich Schreibweisen wie "Betzgenriedt" oder "Betchenriet". Bei der ersten schriftlichen Erwähnung des Ortes im Jahr 1110 ist der Name als "Pathicenriedt" zu lesen.

 

Eine alte Schreibweise, hier "Betzgenrieth", auf einem Aktenband im Ortsarchiv.

 

1905: Dem großen Dichter zu Ehren

Nächstes Jahr jährt sich der Todestag des Dichters Friedrich Schiller zum 200. Mal. Wie in diesem Jahr sich alles um Eduard Mörike dreht, so werden 2005 dem schwäbischen Dichterfürst Schiller eine Vielzahl von Veranstaltungen gewidmet sein. Nichts Neues: Sein 100. Todestag wurde auch schon in ganz Deutschland ordentlich gefeiert.

In Göppingen war 1905 der 9. Mai, der Todestag des Dichters, arbeits- und schulfrei. Mit Glockengeläut wurde dieser Feiertag eröffnet. Im Mittelpunkt des Tages stand ein großer Festzug zum Hof der heutigen Schiller-Realschule, die damals noch ganz profan Evangelische Mädchenschule hieß, mit anschließender Kundgebung. Dabei wurde im Schulhof ein vier Meter hohes Schillerbild enthüllt.

Auch an anderen Orten in der Stadt und im Umkreis wurde dieser Tag festlich begangen. Der Albverein entzündete ein Höhenfeuer auf dem Hohenstaufen. Der Sängerkranz Göppingen führte "Die Räuber" auf. Der Schillerverein Göppingen wollte mit der "Braut von Messina" ein weiteres Stück des Dichters auf die Bühne bringen.

Als Schiller 1905 gefeiert wurde, waren nach dem Dichter in Göppingen bereits eine Straße und ein Platz benannt. Während die Schillerstraße im Zuge der Stadterweiterung neu angelegt wurde, hieß der Schillerplatz ursprünglich Schüsselgraben – in Anlehnung an seine Form und Funktion als Teil des Stadtgrabens vor der Stadtmauer. Der Schillerbrunnen ist eine Stiftung des Bankiers Gustav Martin aus dem Jahr 1980, der seinen heutigen Standort und Ausgestaltung 1997 erhielt, als der Schillerplatz – bereits einige Jahre von der Funktion eines Busbahnhofs befreit – nun auch als Aufenthaltsraum in der Stadt hergerichtet wurde.

 

Schillerfeierlichkeiten im Hof der Evangelischen Mädchenschule, heute Schillerrealschule. Das überlebensgroße Schillerbild hatten die Zeichenlehrer Kolb und Gmelich angefertigt.

 

1906: Biertrinker förderten den städtischen Haushalt

Eine solche Einnahme käme dem Stadtkämmerer in Zeiten leerer Kassen auch heute gelegen: eine Steuer auf Bier. Vor hundert Jahren sorgte für diesen Geldfluss die städtische "Bierabgabe-Ordnung". In dieser Satzung war festgehalten, dass von sämtlichem in der Stadt Göppingen und deren Markung zum Verbrauch kommenden Bier eine Abgabe zu erheben sei. Für den Hektoliter Bier wurden 1906 65 Pfennig, für 100 Kilogramm ungeschroteten Malzes 2,50 Mark fällig. Steuerpflichtig war bei der Einfuhr von Bier aus württembergischen Orten auf Landstraßen derjenige, der das Bier in die Stadt transportierte, bei der Anlieferung durch Post und Eisenbahn der Versender.

Bei Biereinfuhren über die Straßen gab es für den Stadtkämmerer Cash. Sofort bei der Einfuhr musste bei der Polizeiwache die Steuer bar bezahlt werden. Bei der Einfuhr mit Hilfe von Post und Bahn wurde durch das Verbrauchssteueramt alle 10 Tage die fällige Steuer eingezogen.

Wer versuchte, sich der Abgabe für die Stadtkasse zu entziehen, der wurde mit dem fünffachen Betrag der angefallenen Steuer herangezogen und zur nachträglichen Abgabe verpflichtet.

 

Eine Bierlieferung der Waldhorn-Brauerei in Plochingen trifft beim Gasthaus Stern (heute Paul’s Kafebar) ein. Aufnahme um 1910.

 

1906: Wintersport auf den Straßen

Zum Wintersport fährt man heute ins Allgäu oder in die Alpen. Früher waren die Hänge am Stadtrand und ab-schüssige Straßen die Schauplätze winterlichen Vergnügens. Vor allem das Schlitten fahren war bei der Jugend wie bei den Erwachsenen beliebt. Eine der frequentiertesten Rodelbahnen führte vom Radkeller herab an der Landerer’schen Anstalt vorbei bis in die Faurndauer Straße hinein. Eine besondere Herausforderung war das Einbiegen beim Christophsbad in die Landstraße nach Faurndau. Die scharfe Kurve provozierte geradezu Stürze. Im Februar 1906 berichtete die Lokalzeitung, dass ein Vierzehnjähriger, der mit mehreren Freunden mit dreifach zusammengebundenen Schlitten die Steige hinabraste, mit gebrochenem Fuß heim gebracht werden musste. Die Zeitung appellierte deshalb an die Freunde des Schlittensports: "Im allgemeinen sei aber zur Vorsicht gemahnt; nur nicht zu tollkühn und waghalsig! Bei der Beobachtung der nötigen Vorsicht macht der Rodelsport Vergnügen und ist gesund."

 

1906: Um 8 Uhr Ladenschluss

Die Regelung der Ladenschluss-Zeiten beherrschte in den letzten Jahren oft die öffentliche Debatte. Zu Beginn des Jahres 1906 wurde in den meisten württembergischen Gemeinden der Ladenschluss entsprechend unseren heutigen gesetzlichen Bestimmungen auf 8 Uhr abends festgelegt – allerdings handelte es sich damals um keine Ausweitung, sondern um eine Begrenzung der Öffnungszeiten. Vor dem Jahr 1906 durften die Läden eine Stunde länger geöffnet sein. Aber auch die neue restriktive Regel hielt genug Ausnahmen bereit: So durfte das "Bedürf-nisgewerbe", damit waren die Zigarren- und Blumengeschäfte und die Läden der Bäcker, Konditoren und Metzger gemeint, auch weiterhin nach 8 Uhr ihre Kundschaft bedienen. Diese verlängerten Öffnungszeiten galten auch für alle Samstage und die Vorabende von Festtagen sowie während der zwei Wochen vor dem Heiligabend.

 

1907: Christoph Blumhardt – bibel- und bebelfest

Im Jahre 1907 zog sich Christoph Blumhardt (1842 bis 1919), der unter Malaria-Fieberanfällen litt, nach Jebenhausen in die Villa Wieseneck zurück. Hier begann sein Wirken in der Stille, nachdem er die Jahre davor sehr im öffentlichen Blickfeld gestanden hatte. Christoph Blumhardt war zum Beispiel von 1900 bis 1906 Abgeordneter der Sozialdemokratischen Partei im Stuttgarter Landtag – und das als Pfarrer. Sein Eintreten für die Arbeiterschaft, deren Nöte er in Göppingen auch sehen konnte, sowie seine Mitgliedschaft in einer "gottlosen" Arbeiterpartei, die für die Trennung von Staat und Kirche kämpfte, fanden bei der Kirchenleitung keinen großen Anklang. Er musste den Titel eines Pfarrers der Landeskirche zurückgeben – und damit auch auf alle Versorgungsansprüche verzichten. Doch im Kampf für mehr Menschenwürde, für Freiheit und die Abschaffung von Privilegien erkannte er die "gelebte Nachfolge Christi". Heute gilt der Boller Theologe als ein Vordenker des religiösen Sozialismus.

Vor seiner politischen Karriere führte Christoph Blumhardt das Werk seines Vaters Johann Christoph Blumhardt im Bad in Boll fort. Nach dessen Tod übernahm er 1880 die Leitung des Hauses. Unter Blumhardt dem Älteren war das ehemals königliche Kurbad mit einer neuen, christlich orientierten Konzeption zu rascher Blüte gelangt. Und auch unter dem Sohn, der als Prediger einen guten Ruf hatte, strömten Heil- und Heilung- suchende Menschen aus ganz Europa nach Boll.

In seiner Jebenhäuser Zeit führte ihm Schwester Anna von Spreewitz den Haushalt. Zu Andachten und Predigten hielt er sich bis zu einer erneuten Erkrankung immer wieder in Boll auf. Am 2. August 1919 verstarb er . Die Herrenhuter Brüdergemeine übernahm danach das Bad, aus der Villa Wieseneck wurde eine Kinderheim und später die heute noch bestehenden "Stiftung Wieseneck", die ihre Aufgaben im sozialen Bereich sieht.

 

Pfarrer Blumhardt der Jüngere an seinem Schreibtisch, um 1900.

 

1908: Unheimliche Bilder

Das erste ortsfeste Kino in Göppingen, das "Ideal", öffnete 1908, 13 Jahre nach der Geburtsstunde der laufen-den Bilder, in der Lange Straße seine Pforten. Georg Gromer betrieb es zusammen mit Wilhelm Huttenlocher, der zuvor schon mit einem Zeltkino das Land bereist hatte. In den ersten Jahren konnten die Kinobesucher kurze, wochenschau-ähnliche Szenen sehen, zum Beispiel den "Ersten Versuch eines Schlittschuhläufers". Da dem Publikum die laufenden Bilder und schnellen Ortswechsel durch die Szenenschnitte "unheimlich" und die Filme noch nicht von Ton begleitet waren, war ein Filmerklärer erforderlich. Das erste Göppinger Kino blieb vom Schicksal der meisten frühen Einrichtungen verschont. Viele von ihnen sind wegen des verwendeten explosiven Nitrat-Filmmaterials abgebrannt.

 

1908: Ein Fitness-Studio im Freien

Damit die "weitgehende Benutzung des Oberholzes als Spazier- und Erholungsort auch für die Zukunft gesichert werden kann", kaufte die Stadtverwaltung im Jahre 1907 den Staatswald Oberholz. Das Oberholz sollte als Stadtpark ein Naherholungsgebiet für die Göppinger werden.

Die erste Freizeiteinrichtung eröffnete der "Ratsstuben"-Wirt Adolf Hennßler am 24. Juli 1908 beim Oberholz am Ende der Wolfstraße. Das "Luft- und Sonnenbad am Oberholz", das mit einem 2,5 Meter hohen Zaun umgeben war, erweckte das Interesse der Göppinger. Der "Hohenstaufen" berichtete ausführlich, was dahinter steckte: "Es gibt ein russisches Kegelspiel, auf einer Laufbahn wird das Tiefatmen gepflegt, da verwandelt sich das lästige Fett in kräftige Nerven und Muskeln." Turnübungen an Reck, Barren, an Streck- und Sitzschaukel waren möglich, an einer Kugelbahn mit 6 bis 16 Kilo schweren Kugeln konnten die fünf Arten des Stemmens und Hebens nach Dr. Jäger oder der Stoßwurf geübt werden. Zum anschließenden Ausruhen legte man sich in warmen Sand, ins Gras oder auf eine weiche Matte. Im kleinen "Kurhaus" gab es alkoholfreie Getränke und Essen.

Das Bad am Oberholz wurde 1925 durch das Luft- und Sonnenbad am Schockensee abgelöst, das bis in die 1950er Jahre in Betrieb war.

 

Im "Kleinen Kurhaus" des Luft- und Sonnenbades konnte man aus solchen Porzellantassen Kaffee und Kakao trinken.

 

1908: Anbaden mit Wasserballspiel im Barbarossasee

Der 1. Göppinger Amateur-Schwimmklub gab am 30 Mai 1908 im "Hohenstaufen" bekannt, "daß unsere Badeanstalt im Barbarossasee verbunden mit einem Luft- und Sonnenbad eröffnet ist", und dass am kommenden Sonntag "Anbaden und Wasserballspiele" auf dem Programm stehen. Der 1904 gegründete Verein hatte anfangs den Schockensee als Freiübungsbecken genutzt, doch nach Schwierigkeiten mit dem Besitzer wurde ein eigenes Freibad in Angriff genommen.

Dazu wurde der als Eissee für die Bierkühlung genutzte Barbarossasee ausgegraben und zu einem Bad mit 50-Meter-Schwimmbahn umgebaut. Das Vereins-Freibad war sehr beliebt, was sich auch in steigenden Mitgliederzahlen niederschlug. Doch als der Besitzer des Barbarossasees direkt am See ein Wohnhaus erstellte, war die Freude zerstört, 1913 wurde der Pachtvertrag gelöst. Ab 1924 nutzte die Schwimmriege des TV-Jahn den Badesee, bis zur Zwangsauflösung des Vereins 1933. Im Jahre 1960 bekam der See ein neues Bett gegraben, er wurde etwas verlegt und in seiner Form verändert.

 

Badebetrieb im Schwimmbad des Barbarossasees

 

1908: Göppingen war das Zentrum der deutschen Perltaschen-Herstellung

Im Jahr 1908 führte der Göppinger Geschäftsmann Fritz Schaupert das traditionsreiche und vor allem in der Biedermeierzeit ausgeübte Kunstgewerbe der Perlstrickerei zu einem neuen wirtschaftlichen Erfolg. Er hatte die in Rechberg noch ausgeübte Herstellung von Tabaksbeuteln, Geldbörsen und Taschen nach Göppingen übernommen und neu organisiert. Die alten Blumen- und Landschaftsmuster der Biedermeierzeit ergänzte er nun um neue und moderne Motive. Die Bandbreite reichte von Staffagen aus der Antike bis hin zu abstrakt-geometrischen Mustern der Gegenwart.

Mit Schaupert betätigten sich in Göppingen bald 37 Perltaschen-Hersteller, die als sog. Verleger die Herstellung der Produkte in den umliegenden Dörfern in Heimarbeit machen ließen. Das Besondere an den kunsthandwerklichen Arbeiten war, dass die aus Italien und Böhmen bezogenen, winzig kleinen Perlen nach einer auf Millimeterpapier gezeichneten Vorlage zunächst in der richtigen Reihenfolge aufgefädelt ("gefasst") werden mussten. Der so entstandene "Faden" wurde dann mit speziellen Nadeln z. B. zu einer Tasche gestrickt; auf deren Außenseiten sich dann das gewünschte Bildmotiv ergab.

In den wirtschaftlich schwierigen 1920er Jahren erlebte die Perlstrickerei ihre Blütezeit. Göppingen wurde damals als der Mittelpunkt der Perltaschen-Industrie in Deutschand bezeichnet. Die von Hand gearbeiteten Taschen konnte man in den Schaufenstern einschlägiger Geschäfte in Paris, Wien und vor allem in Amerika bewundern und kaufen. Es war wiederum eine neue Modewelle, zu der die Damen-Täschchen aus mechanisch gewebten Metalldrähten gehörten, welche die eleganten Perltaschen und damit die gesamte Perltaschen-Industrie am Ende der Weimarer Zeit verschwinden ließ.

 

Messepräsentation Göppinger Pertaschen-Hersteller um 1925.

 

1909: Lohkässtampfen am Mühlbach

Zu den markanten, viel gemalten und später fotografierten Stellen im alten Göppinger Gerberviertel – nach 1900 romantisch zum "Klein Venedig" Göppingens verklärt – gehörte das sog. Lohkäs-Haus. Das alte Gerber-Häusle stieg im 20. Jahrhundert bis zu seinem Abriss in den 1950er Jahren zu einem pittoresken Relikt alter Handwerksgeschichte und zu einem Göppinger Idyll auf. Als im Gerberviertel, das der Mühlkanal durchzog, noch gearbeitet wurde, verhalf das Lohkäs-Stampfen in der Gerberei Zimmermann der männlichen Jugend stets zu einer kleinen Einnahme.

 

 

Die Gerbereien benötigten von der gemahlenen Fichte- oder Eichenrinde lediglich den Gerbsäureextrakt. Das ausgepresste Material, die Lohe, wurde dann von Jugendlichen barfüßig in runde, hutförmig aussehende Formen gestampft. Die festen, käslaibförmigen Räder wurden dann aus der Form genommen und in der Lohkäsdörre zum Trocknen aufgeschichtet. Den Lohkäs brauchten damals die Metzger zum Räuchern der Wurstwaren, die Göppinger Familien aber auch zum Heizen der Wohnung.

Heute ist im Schwäbischen vom "Lohkäs" allenfalls dann noch die Rede, wenn damit die Aufforderung verbunden ist, keinen Unsinn zu erzählen.

 

Die Göppinger Jugend beim Lohkässtampfen im Jahr 1909.

 

1909: Streit um das Stadtbachwasser

Der über 4 km lange, nach dem ersten Stadtbrand 1425 für die Löschwasserversorgung angelegte Stadtbach zweigte auf Eislinger Markung von der Krumm ab und wurde bis zum Göppinger Schloss geführt. Der in Fronarbeit erbaute Stadtbach war eine technische Meisterleistung, lagen zwischen Entnahmestelle und dem Endpunkt beim Schloss nur 10 Meter Höhenunterschied. Wegen der Göppinger Wasserentnahme auf Eislinger Markung gab es seit dem 16. Jahrhundert immer wieder Streitigkeiten zwischen den beiden Gemeinden. Doch aufgrund eines 1523 geschlossenen Vertrages bekamen immer die Göppinger Recht.

Sogar noch im Jahre 1909 wollten sich die Eislinger das Wasserentnahmerecht aus dem Göppinger Stadtbach erstreiten, allerdings vergebens. Aus Gerichtsgutachten geht hervor, dass 170 bis 250 Liter Wasser pro Sekunde in den Stadtbach flossen. 156 l/sec wurden als Brauchwasser von 24 Göppinger Firmen genutzt, 35 l/sec dienten als Kondenswasser für Dampfmaschinen. Für Straßenbesprengung und Kandelspülung brauchte man 29 l/sec und der Rest wurde für die Spülung der Stadtkanalisation genutzt. Diese sinnvolle Trennung von Brauch- und Trinkwasser wurde bis in die 1970er Jahre praktiziert.

 

Die "Mechanische Buntweberei" (ihr Standort war nördlich dem heutigen Haus der Familie, der damals zugehörigen Fabrikantenvilla), gegründet von der Unternehmerfamilie Gutmann, später Butz & Söhne, hatte ihren Standort direkt am Stadtbach.

 

1909: Aus dem Kampf gegen Schmutz und Schund entsteht die Stadtbibliothek

Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in vielen Städten Aktivitäten bildungsprivilegierter Schichten zur "Hebung von Sitte und Moral", wie man damals sagte. Unter den dazu angedachten volkserzieherischen Maßnahmen spielte vor allem der Kampf gegen billige Groschenromane und das Werben für gute Literatur eine zentrale Rolle. In Göppingen bildete sich vor diesem Hintergrund 1909 ein "Komittee zur Bekämpfung der Schundliteratur und zur Errichtung einer freien öffentlichen Bibliothek". Mit der Institution Leihbibliothek wollte die Bürgerinitiative auch den unteren Schichten den Zugang zu Bildung und Kultur ermöglichen. Im Göppinger Komitee hatten sich vor allem Lehrer, Fabrikanten und höhere Verwaltungsbeamte zusammengefunden. Mit dabei war auch Rabbiner Dr. Aron Tänzer. Er formulierte in den öffentlichen Veranstaltungen des Komitees die theoretischen Grundlagen der Volksbildungsidee. Er erledigte auch im wesentlichen die anstehenden praktischen Arbeiten – von der Katalogi-sierung der aus der Bürgerschaft gespendeten 1000 Bücher bis hin zur Ausformulierung der Ausleihordnung. Am 16. September 1912 erlebte die Städtische Bibliothek – wie sie jetzt offiziell hieß – ihre erste Ausleihstunde in einem Erdgeschosszimmer des Rathauses.

Der Kampf gegen Schmutz und Schund hat auch nach 100 Jahren noch nicht an Aktualität verloren. Wir sprechen heute vielleicht von "Schrott" und "Mist", und die Diskussion erstreckt sich auf das weite Feld der Medien – vom Fernsehen bis zum Internet – und hier vor allem auf den Bereich der Unterhaltungssendungen.

 

Anzeige in der Göppinger Zeitung von 1910

 

1909: Die Göppinger Zeppelintage

An Pfingsten 1909 waren die Blicke Hunderttausender zum Himmel gerichtet, um den Z II bei seiner Deutschlandfahrt zu entdecken. Dieses Luftschiff war nach der Katastrophe von Echterdingen mit Hilfe vieler Volksspenden gebaut worden, weshalb es bei seiner ersten großen Fahrt alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Reiseroute führte zunächst über Nürnberg und Leipzig bis nach Bitterfeld. Auf dem Rückweg kam der Zeppelin über Heilbronn und Stuttgart ins Filstal. Hier endete die bis dahin glanzvoll verlaufene Fahrt überraschend nach 37 Stunden und 39 Minuten. Auf der Höhe zwischen Göppingen und Jebenhausen oberhalb des Waldeckhofs war das Luftschiff beim Landemanöver in einen Birnbaum gerast. Zu dem Halt hatte sich die Mannschaft, darunter Graf Zeppelin und Ingenieur Dürr, entschieden, um vor dem Albübergang nochmals aufzutanken.

Bei dem Unfall kam niemand zu Schaden, aber die vorderen Abteilungen des Luftschiffs waren zerstört. Mit Hilfe Göppinger Firmen konnte allerdings das Luftschiff um die vorderen Abteilungen verkürzt und die Hülle wieder zusammengebunden werden, so dass der reparierte Zeppelin weniger einer Zigarre als vielmehr einer abgebundenen Blutwurst glich. Nach einem Tag unfreiwilligen Aufenthalts konnte der Zeppelin unter den Hurrarufen tausender Schaulustiger, die "zeppelfrei" machten, am 1. Juni wieder aufsteigen und seine Fahrt über die Alb zum Bodensee fortsetzen. Graf Zeppelin folgte dabei seinem Luftschiff im Wagen des Fabrikanten Boehringer.


1909: Ein Villenviertel entsteht

Die erste Generation der Göppinger Fabrikanten wohnte noch direkt beim Fabrikgelände – die alte Villa Schuler an der Bahnhofstraße, die Villa Butz an der Mörikestraße oder die Villa Schmohl an der Poststraße geben davon heute noch Zeugnis –, um stets ein wachsames Auge auf den Betrieb werfen zu können. Noch vor der Jahrhundertwende entwickelte sich die stadtnahe und neu angelegte Burgstraße zu einer vornehmen Wohnstraße am Schlossgarten. Ein Villenviertel ganz im Grünen und in etwas erhöhter Lage wurde in Göppingen im Jahr 1909 erschlossen. Die ersten Einfamilienhäuser dieser Kolonie entstanden an der Wolfstraße, wo dann die Villen der Fabrikanten Boehringer, Zeller, Kübler, Schuler und Klotz in architektonischer wie gartenkünstlerischer Hinsicht die Glanzpunkte setzten.

 

Die Bildpostkarte von 1912 zeigt die ersten Villen im Landhausstil an der Wolfstraße.

 

im 20. Jahrhundert: Göppingen wächst durch Zusammenschlüsse mit den Nachbargemeinden

Während Göppingen im 19. Jahrhundert angetrieben von der Industrialisierung stark in seiner Einwohnerzahl wuchs, bewirkten im 20. Jahrhundert mehrere Eingemeindungen die Zunahme der Einwohner und Vergrößerung der Markungsfläche.

Die ersten Diskussionen über einen kommunalen Zusammenschluss datieren ins Jahr 1909. Damals beschloss der Bartenbacher Gemeinderat, mit der Stadt Göppingen Verhandlungen über eine Eingliederung des vom Bauern- zum Arbeiterdorf gewandelten Ortes aufzunehmen. Die Bartenbacher erhofften sich damals eine bessere Bewältigung anstehender Infrastrukturmaßnahmen, wie z. B. die Schaffung einer sicheren Wasserversorgung. Göppingen wies damals den "Heiratsantrag" ab, die finanziellen Belastungen wurden höher bewertet als der Zugewinn an Markungsfläche. Doch 30 Jahre später wurde der gleiche Vorschlag, diesmal aber von Seiten Göppingens, präsentiert. Die Stadt war jetzt um die räumliche Erweiterung ihrer Markung bemüht. Nun drängten aber die Bartenbacher auf die Erhaltung ihrer Selbständigkeit. Im Rahmen der NS-Gemeindereform wurden aber in dieser Zeit die Dörfer Holzheim und Jebenhausen 1939 nach Göppingen eingegliedert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg folgten weitere Zusammenschlüsse: 1955 wurde abermals von Bartenbacher Seite der ganz konkrete Wunsch auf einen Zusammenschluss mit der Nachbargemeinde vorgetragen. Obwohl sich bei einer ersten Bürgerbefragung eine knappe Mehrheit der Bartenbacher für die Beibehaltung der Selbständigkeit aussprach, fasste der zuständige Gemeinderat den Beschluss, die Eingemeindung zu verwirklichen und darüber zu verhandeln. Die Vereinbarung darüber trat am 1. Juli 1956 in Kraft.

Am 1. Oktober 1957 wurde die Eingemeindung von Bezgenriet vom Regierungspräsidium genehmigt. Zu dieser Zeit war auch schon die Eingliederung Hohenstaufens im Gespräch, verwirklicht wurde diese dann 1971. Im folgenden Jahr kam Maitis nach Göppingen. Im Rahmen einer Vereinbarung über Gebietsänderungen zwischen den Städten Schwäbisch Gmünd und Göppingen konnte zum 1. Januar 1973 der Weiler Lenglingen nach Göppingen eingegliedert werden.

Der letzte Zusammenschluss im Rahmen der Gemeindereform erfolgte mit Faurndau. Nachdem die dortige Einwohnerschaft in den Bürgeranhörungen sich ganz überwiegend für die Beibehaltung der Selbständigkeit ausgesprochen hatte und der Faurndauer Gemeinderat gegen die durch ein vom Landtag beschlossenes Gesetz bestimmte Eingemeindung Klage erhoben hatte, musste am Ende der Staatsgerichtshof entscheiden. Es blieb bei der im Gesetz verankerten Festlegung und Faurndau wurde rückwirkend zum 1. Januar 1975 nach Göppingen eingegliedert.

Schlüsselübergabe im alten Rathaus in Hohenstaufen. OBM Dr. Herbert König überträgt am 1.9.1971 die Amtsgewalt an Bezirksamtsleiter Ernst Wittlinger.

 

1911: Der erste Internationale Frauentag

Seit dem Jahr 1911 gehen die Frauen alljährlich auf die Straße, um für ihre Rechte zu kämpfen. Der 1. Intern-ationale Frauentag fand am 19. März 1911 in Dänemark, Österreich, Schweden, Deutschland, der Schweiz und den USA statt. 1921 wurde dann der 8. März als Aktionstag festgelegt.

Im arbeiterbewegten Göppingen organisierten die Vereinigten Gewerkschaften und die Sozialdemokratische Partei bzw. deren Frauengruppe den ersten Frauentag. Wie andernorts stand vor allem die Forderung des Wahl- und Stimmrechts für Frauen im Mittelpunkt der Aktionen. In Göppingen machten allerdings die VeranstalterInnen mit einer besonderen Idee landesweit auf sich aufmerksam. Sie riefen dazu auf, am 19. März als Symbol der Gleichheit eine rote Nelke zu kaufen und diese an der Kleidung zu tragen. Damit setzte man eine Kontrapunkt zum gleichzeitig im Land stattfindenden Verkauf der "Blume der Barmherzigkeit", ebenfalls eine Nelke, die an-lässlich der Silberhochzeit des Königspaares verkauft wurde und deren Erlös wohltätigen Zwecken dienen sollte. Die bürgerliche Presse im Königreich wertete die Göppinger Aktion als "Geschmacklosigkeit".

In Göppingen waren am 19. März die Straßen überfüllt, ebenso der Dreikönigssaal in der Oberen Marktstraße, in dem die Sozialdemokratin Käthe Duncker zum Thema "Heraus mit dem Frauenwahlrecht" sprach. An diesem Tag wurde nicht nur die Lage der Frau nachhaltig ins Bewusstsein gerückt, vermutlich wurde in Göppingen auch ein Rekord im Blumenverkauf erzielt, nachdem sich viele sowohl für das Symbol der Gleichheit als auch für die könig-liche Barmherzigkeit entschieden. Die Blumen waren jedenfalls schon am frühen Nachmittag vergriffen, erst der 3-Uhr-Schnellzug brachte wieder Nachschub.

 

Anzeige zum Frauentag in der in Göppingen erscheinenden Freien Volkszeitung.

 

1911: Bürgerinitiative rettet Schlosswäldchen

Schon vor knapp 100 Jahren setzten sich Bürger gegen die Zerstörung von innerstädtischen Grünflächen zur Wehr.

Zum Göppinger Schloss gehörte damals noch ein über 250 Ar großer Schlosspark, den der niederländische Gartengestalter Gratien de Widt im 16. Jahrhundert angelegt hatte. Noch zu Beginn des 20 Jahrhunderts führte kein öffentlicher Weg durch den Park. Deshalb forderten die Bewohner der neuen Wohnquartiere in der Nordstadt eine Verlängerung der Oberen Marstallstraße durch den Park bis zur Hauptstraße. Die königliche Domänenverwaltung schlug darauf den Bau einer 11 Meter breiten Straße und den Verkauf eines Teils des Schlosswäldchens, in dem einige 500-jährige Eichen standen, vor. Ein Sturm der Entrüstung setzte ein. Zahllose Leserbriefe in den drei Göppinger Tageszeitungen, Petitionen, Unterschriftensammlungen wurden von Göppinger Bürgern pro und contra verfasst. Während die einen meinten, dass "der Moloch Verkehr, dem schon so viel Schönheit geopfert wurde, wieder einmal ein in Jahrhunderten gewachsenes Stück Natur verschlingt", warnten die anderen die Stadtverwaltung "von einseitigen Ausführungen einiger sauerstoffbedürftiger Herren Notiz zu nehmen". Doch die "altmodischen Walderhalter" konnten sich durchsetzen, nachdem sie Unterstützung von überregionalen Organisationen erhalten hatten. Die Göppinger Bürgerinitiative für Heimat- und Naturschutz, die erste ihrer Art im ganzen Land, hatte 1911 das Schlosswäldchen gerettet.

In den Jahren 1959/60 war der Schlossgarten, die Brücken und der Graben wieder in der öffentlichen Diskussion, von 1986 bis 1992 erhitzte das Thema Schlosswald-Tiefgarage die Gemüter.

 

1911: "Asche zu Asche ..." – in Göppingen wird ein Krematorium gebaut

Zu vielen Friedhöfen gehört heute ein Krematorium. Die moderne Feuerbestattung wurde im späten 19. Jahrhundert eingeführt, entstammt somit dem bürgerlichen Industriezeitalter. Rapides Bevölkerungswachstum und enorme hygienische Probleme in den Städten, verbunden mit einer pragmatisch-rationaleren Einstellung zum Tod im aufgeklärten Bürgertum und wachsendem Bedeutungsverlust der Kirchen - all diese Faktoren förderten das Interesse an einer Platz sparenden und "sauberen" Bestattungsart. So entfaltete sich die Feuerbestattungsbewegung zunächst in bürgerlichen Vereinen. Göppingen verdankt den Bau seines Krematoriums den Aktivitäten des seit 1894 bestehenden "Vereins für fakultative Feuerbestattung". Nachdem der Verein zunächst den Krematoriumsbau in Stuttgart unterstützt hatte, stellte er 1909 bei der Göppinger Stadtverwaltung den Antrag zum Bau eines Krematoriums in Göppingen. Schon ein Jahr später wurde vom Gemeinderat der Bau des Krematoriums beschlossen. Im Oktober 1911 wurde die Anlage des Architekten Herzer auf dem seit 1903 bestehenden Friedhof an der Hohenstaufenstraße feierlich eingeweiht.

Bis heute hat der Anteil der Feuerbestattung in Göppingen stetig zugenommen. Zurzeit liegt er bei etwa 60%.

 

1912: Die Göppinger Affäre

Seit 1910 erschien in Göppingen eine sozialdemokratische Zeitung – die "Freie Volkszeitung", ein deutliches Zeichen für das starke Selbstbewusstsein der Göppinger Arbeiterschaft.

Vor dem Hintergrund stagnierender Reallöhne, dem Anwachsen des Proletariats, zeitweiliger Arbeitslosigkeit und höheren Anforderungen an die Produktivität der Arbeiter nahmen radikale Töne auf der Straße und in der Freien Volkszeitung zu. Letztere sah sich zunehmend als überregionales Sprachrohr der linken Kräfte. Die Profilierung der Freien Volkszeitung als linksradikales Organ war endgültig vollzogen, als im Juli 1911 August Thalheimer Chefredakteur wurde und dieser sich zeitweilig von dem Journalisten Karl Radek vertreten ließ, den damals der Ruf des unbeliebtesten Radikalen in Deutschland begleitete.

Beide schlugen harte Töne gegen die sog. Reformisten und Revisionisten innerhalb der Sozialdemokratie an. Am 30. Dezember 1911 veröffentlichte Thalheimer einen Artikel mit der Überschrift "Der Revolution entgegen", in dem er analysiert, wie die internationale Krise des Kapitalismus zu einem Krieg führen kann, der seinerseits dann die Revolution einleiten werde und dabei die sozialistische Presse das ‚Leuchtfeuer auf der Straße der Revolution‘ sein müsse. Damit war für die gemäßigten Sozialdemokraten das Fass endgültig übergelaufen. Sie sahen in Thalheimer und Radek notorische Unruhestifter, welche die Wahlchancen der Partei und nicht zuletzt die wirtschaftliche Basis der Freien Volkszeitung zunehmend ruinierten. Im Juni 1912 musste Thalheimer seinen Redakteursposten aufgeben – das Druckmittel: die Vereinsdruckerei steckte bereits in finanziellen Schwierigkeiten, die nur mit Finanzspritzen des Landesvorstandes überwunden werden konnten.

Die Auseinandersetzung zwischen dem konservativen und linken Flügel innerhalb der Sozialdemokratie blieb allerdings nicht auf das Göppinger Kreisgebiet beschränkt. Als "Göppinger Affäre" wurde der Streit, der letztendlich in der Spaltung der Sozialdemokratie endete, reichsweit ein Begriff.

 

Dr. August Thalheimer war 1911/12 Chefredakteur der Freien Volkszeitung in Göppingen und innerhalb der linken Sozialdemokratie ein Warner vor dem drohenden Krieg

 

1912: Gegen Mietskaserne – für Eigenheim

Mit der Industrialisierung wuchsen die Städte und damit die Wohnungsnot. Als eine der wenigen Städte Württembergs entschloss sich Göppingen vor dem Ersten Weltkrieg zu einem kommunalen Engagement im Wohnungsbau für "minderbemittelte Kreise" – wie man damals sagte. Aus moralisch-sittlichen Gründen stand eine Mehrheit des Gemeinderats der Mietskaserne ablehnend gegenüber und favorisierte das freilich teurere Zweifamilienhaus. Dieses sollte von der Stadt gebaut und dann in das Eigentum der Bewohner übergehen – auf diese Weise wollte man bei den Arbeitern "das Interesse an der bestehenden Staats- und Steuerordnung wecken" und einen guten Arbeiterstamm an den Industriestandort binden.

Um die gesellschaftspolitischen Vorstellungen vom richtigen Wohnen umzusetzen, wurden 1911 Architekten und Werkmeister zu einem Ideenwettbewerb aufgerufen. Karl Kübler legte dabei den überzeugendsten Entwurf zur Bebauung des Gebiets westlich der Reuschstraße zwischen Mozart- und Eugenstraße vor.

Bei der Bonnetshöhe entstanden 1912 16 Zweifamilienhäuser im Landhausstil mit Garten. Zur Standard-ausstattung gehörten ein Gas- und Wasseranschluss, ein kupferner Waschkessel mit Eisengestell und ein elektrisches Läutewerk. Für 158 Personen hatte sich damit die Wohnsituation deutlich verbessert. Der Fortführung der kommunalen Wohnungsfürsorge machte dann aber der Erste Weltkrieg ein baldiges Ende.

 

Entwurf für Eigenheim im Landhausstil

 

1912: Göppingens erste Tourist Information

Wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg gründete sich in Göppingen ein Fremdenverkehrsverein. Er wollte in Zeiten aufkommender Reiselust bevorzugt die Norddeutschen, die es nach Süden und in die Alpenländer zog, zum Verweilen in der schönen Gegend um den Hohenstaufen verleiten. Die Spitze des Vereins bildeten der Redakteur und spätere Inhaber der "Göppinger Zeitung" Julius Kirchner als 1. Vorsitzender und Dr. Heinrich Landerer als sein Stellvertreter.

Nach der zwangsweise verordneten Ruhepause in den Kriegsjahren kehrte der Verkehrsverein erst wieder 1928 richtig ins Leben zurück, als er sich mit dem älteren Verschönerungsverein zusammenschloss. Jetzt hatte man sich die Verschönerung des Stadtbildes, die Verbesserung der Verkehrsanbindung zu den Nachbarstädten und die Ausweisung von Wanderwegen zum Ziel gesetzt. Unter dem neu gewählten Vorsitzenden Carl Hermann Gaiser konnte noch im Gründungsjahr 1928 eine erfolgreiche "Göppinger Werbewoche" durchgeführt werden. 30000 Gäste soll es in dieser Woche nach Göppingen gezogen haben, wo die Geschäfte ihre Schaufenster besonders herausgeputzt hatten und bei Dunkelheit die Oberhofenkirche und das Rathaus illuminiert wurden.

Nach erfolgreichem Start wurde schon zu Beginn der 1930er Jahre im Verein über den fehlenden Bürgerstolz der Göppinger geklagt, der das gewünschte Engagement und die nötige Anzahl Mitstreiter vermissen ließ.

 

Mit dieser Reklamemarke warb der Fremdenverkehrsverein mit Kaiserberg und Barbarossa für die Stadt an der Hauptbahn Stuttgart-Ulm.

 

1912: Das größte Göppinger Sportereignis

Das 39. Schwäbische Kreisturnfest, das vom 3. bis 6. August 1912 in Göppingen stattfand, war wohl die größte Sportveranstaltung, die Göppingen je gesehen hatte. Aus ganz Schwaben reisten 266 Turnvereine an, am sonntäglichen Festumzug waren 15 000 Turner beteiligt und mehrere Tausend Zuschauer verfolgten den Umzug und die vielen Wettkämpfe. In der Unteren Marktstraße war ein Ehrentor aufgebaut, alle Häuser waren festlich geschmückt. Doch wo konnte eine derartige Massenveranstaltung durchgeführt werden, es gab ja noch keine Hohenstaufenhalle.

Das Gelände des Schockensees war zum Festgelände ausgebaut worden, Tribünen und Zelte wurden extra auf dem 70 000 qm großen Gelände errichtet. Ein Höhepunkt des Festes war das "Synchronturnen" von 5500 Turnern. Zwei Vorturner zeigten die Übungen an und dann wurden "10 000 Arme gleichzeitig geschwenkt". Am Montag standen die eigentlichen Wettkämpfe an, die in den verschiedenen Disziplinen, wie Zwölf- und Sechskampf, Ringen aber auch im Schwimmen durchgeführt wurden. Nach der Preisverleihung defilierten alle Vereine an der Ehrentribüne vorbei. Anschließend "verteilte sich das Publikum auf die verschiedenen Zelte, die alle gut gefüllt waren. Alle machten die besten Geschäfte." Zum Abschluss gab es am Dienstag noch Sonderaufführungen, der Göppinger Schwimmverein machte einen Lampionreigen, auf dem Schockensee gab es ein bengalisches Feuer und zum Schluss noch ein Feuerwerk.

 

Der Schockensee mit Ehrentribüne beim Turnfest.

 

1913: Das Kirch- oder Schulergärtle

Eine der kleinen grünen Ruhe-Oasen in der Göppinger Innenstadt ist das Kirchgärtle. Abgeschirmt durch einen Zaun von der Hauptstraße und an der Ostseite begrenzt von der Stadtkirche und vom Evangelischen Pfarramt lädt die kleine Anlage zum Verweilen und Ausruhen ein. Ihre Existenz verdankt sie Kommerzienrat Louis Schuler, der die Grünanlage 1913 den älteren Göppinger Bürgern als Ort der Ruhe und Erholung stiftete. Der Mäzen selbst hat im Ensemble eine persönliche Erinnerungsstätte gefunden, die den Besucher direkt ins Auge fällt, wenn er die Stadtkirche bzw. den kleinen Park durch das Portal im Turm betritt.

Kommerzienrat Louis Schuler war der Sohn des Firmengründers. Für sein gesellschaftliches Engagement als Gemeinderat und Förderer der Vereine, insbesondere des Liederkranzes, dessen Ehrenmitglied er war, stand der Unternehmer in hohem Ansehen in der Bürgerschaft. Er verstarb am 8. Februar 1913 und erlebte selbst die Fertigstellung des Kirch- oder Schulergärtles nicht mehr.

 

1914: Karnevalsumzug in Göppingen

Dass es im protestantisch gesinnten Göppingen, in dem man auch heute noch die närrische Zeit so gut wie gar nicht spürt, sogar einmal einen Karnevalsverein gegeben hat, mag man kaum glauben. Um 1860 gründete sich in der Stadt ein Geselligkeitsverein "Storchiana". Zur Namensfindung hatte die Tatsache beigetragen, dass als Vereinslokal das "Hotel Storch", der Wein- und Mostschank von Georg Bantel im Liebensteinschen Stadtschloss oder besser: dem Storchen, auserkoren war. Als "Storchenvater" Bantel 1875 seine Wirtschaft aufgab, mussten die Mitglieder der Storchiana ein neues Nest suchen. Sie fanden es mal im Apostel-Hotel, mal in der Post beim Bahnhof.

Neben Ausflügen im Sommer, Theaterabenden und Weihnachtsfeiern entfaltete die Storchiana vor allem in der Fasnachtszeit allerlei Aktivitäten: Man gab eine Narren-Zeitung heraus, lud zum Masken-Ball und organisierte später auch einen Karnevalsumzug mit gestalteten Wagen durchs Göppinger Stadtzentrum. Der Verein mit Unterhaltungswert war bis in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg aktiv.

 

Umzug der Storchiana in der Hauptstraße vor dem Ersten Weltkrieg.

 

1914: Spione, Mobilmachung und Verlustlisten – Der Beginn des 1. Weltkriegs in Göppingen

Am 28. Juni 1914, am Tag des Attentats von Sarajewo, fand im Dreikönigssaal in Göppingen eine Anti-Kriegsdemonstration der SPD statt. Einen Monat später meldet ein Extra-Blatt der Göppinger Zeitung "Jetzt ist der Krieg da, der Weltkrieg!". Die Mobilmachung begann. Eine Kommission wurde von Oberbürgermeister Dr. Keck eingesetzt, die die laufenden Geschäfte der Stadtverwaltung übernahm. In der Stadt gingen wilde Gerüchte um angebliche Kriegserfolge und Spione um. So sollte die Göppinger Wasserleitung im Nassachtal vergiftet worden sein, nachdem man dort ein fremdes Auto gesehen hatte. Die Lebensmittelpreise stiegen an, für die Ernte wurden Helfer als Ersatz für die Eingezogenen gesucht. Die beiden ersten Toten waren zu beklagen, es waren zwei Landwehrleute, die bei der Bewachung der Eisenbahnlinie bei Faurndau von einem Zug erfasst wurden. Am 15. August erschienen die ersten – noch euphorischen – Feldpostbriefe in der Zeitung, die von heroischen Kämpfen berichteten.

In Göppingen vermeldete die WMF, dass sie ihr Werk schließen müsse, da ihre Waren nicht mehr exportiert werden könnten. Am Schockensee saßen 1700 Italiener aus Baden, dem Elsass und Rheinland fest, die auf die Ausreise in ihre Heimat warteten. Am 26. August war die Stadt beflaggt, die Gemeinde versammelte sich anlässlich des Sieges von Kronprinz Rupprecht von Bayern gegen die Franzosen bei Metz. Doch schon bald erschienen immer länger werdende Verlustberichte württembergischer Soldaten in der Göppinger Zeitung. Über 800 Göppinger Soldaten sind im Verlaufe des Krieges gefallen.

 

Mit 15 Jahren zog Reinhard Clauß in den Krieg. Sein Bruder zählte auch erst 17 Jahre.

 

1915: Nageln für einen sozialen Zweck

Die Staufergestalt Friedrich Barbarossa musste in seinem über 800-jährigen Nachleben schon für vieles seinen Namen hergeben. Als man in Göppingen im Spätjahr 1915 zur Errichtung einer Stiftung für Kriegsinvaliden und Hinterbliebene von im Weltkrieg Gefallenen aufrief, erinnerte man sich wieder der "starken" historischen Figur. Am Rathaus stellte man in einem beheizten Häuschen eine Holztafel mit einem in Umrissen überlebensgroß aufgemalten Barbarossa auf. Die Einwohnerschaft Göppingens und der Umgebung hatte nun die Möglichkeit, täglich von 10 bis 17 Uhr die Figur innerhalb vorgegebener Felder zu benageln und damit auszugestalten. Für das Einschlagen eines schwarzen Nagels musste man 50 Pfennig, für einen silbernen 2 Mark und für einen goldenen 10 Mark spenden. Die 11 Emailschilder, welche die Scheide des Schwerts zieren sollten, wurden für je 50 Mark abgegeben.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es Überlegungen, den "Nagelbarbarossa" in einem kapellenartigen Raum in den Ludwigsanlagen (heute Mörikeanlagen) aufzustellen, was jedoch unterblieb.

 

Der Nagel-Barbarossa, hier als Spendenbescheinigung, war ein Entwurf der Göppinger Zeichenlehrer Kolb und Gmelich.

 

1916: Pläne für eine Hafenstadt Göppingen

Der Süddeutsche Kanalverein gab 1916 eine "Machbarkeitsstudie" für einen Neckar-Donau-Kanal in Auftrag. Mitglieder des Vereins waren auch die Städte Göppingen und Geislingen sowie die Firmen Böhringer und WMF. Die Wasserstraße war als Wirtschaftsförderungsmaßnahme für die Ansiedlung von Großbetrieben der Schwerindustrie gedacht. Die Studie rief bei den Anliegergemeinden keine Freude hervor. In Göppingen sollte der Kanal dicht am Stadtzentrum vorbei laufen, Altenstadt wäre mit einer Kanalbrücke überquert worden und in Geislingen hätte man mehr als 50 Häuser abreißen müssen. Zunächst begnügte man sich deshalb mit dem Ausbau des Neckars von Mannheim bis Plochingen.

1925 wurde ein erneuter Versuch mit mehreren Tunnellösungen gemacht, doch diese erwiesen sich als zu teuer. Die Nationalsozialisten bevorzugten eine Wasserstraßenverbindung über den Main zur Donau, doch der Süddeutsche Kanalverein ließ nicht locker und präsentierte 1940 eine neue Planung, die zwei 100 Meter hohe Schiffshebewerke bei Plochingen und Schlat sowie einen Tunnel durch die Alb vorsah, die aber ohne zeitraubende Schleusen ausgekommen wäre. Der Fortgang des Zweiten Weltkriegs verhinderte die Umsetzung der Pläne. Danach konnte sich der Rhein-Main-Donau-Kanal dank bayrischer Fürsprache politisch endgültig durchsetzen.

Dennoch hielt die Stadt bis 1978 Geländeflächen für einen Hafen Holzheim frei, ehe sie auf Anordnung des Regierungspräsidiums endgültig Abstand von ihren Hafenplänen nehmen musste.

 

Mitgliedskarte der Stadt Göppingen für den Süddeutschen Kanalverein.

 

Die Planung von 1940 sah einen Hafen bei Holzheim vor. Von da sollte ein Hebewerk die Schiffe auf die Alb bringen.

 

1918: In Göppingen wird die Revolution ausgerufen

Der November 1918 war in ganz Deutschland vom politischen Umsturz geprägt. In Göppingen bildete sich in der Nacht vom 8. auf den 9. November ein provisorischer Arbeiterrat, dessen Hauptziel "die Herbeiführung der republikanischen Staatsverfassung" war. Er rief für den nächsten Tag zum Generalstreik in Göppingen auf. Schon früh am Morgen versammelten sich die Arbeiter vor dem Rathaus. Redner forderten die Einführung der republikanischen Staatsverfassung und des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts. Eine Abordnung des Arbeiterrats übergab Oberbürgermeister Dr. Keck eine Forderungsliste. In der noch am gleichen Tag einberufenen Sitzung von Gemeinderat und Bürgerausschuss im Rathaus drehte es sich unter anderem um die Frage, welche Kompetenzen der Arbeiterrat bei der Kontrolle der Verwaltung habe, bis eine neue Regierung gebildet und eine republikanische Verfassung verabschiedet sei. Die Verwaltung überließ dem Arbeitergremium die Mitverantwortung an den Problemfeldern Lebensmittelversorgung, Arbeitslosenfürsorge und Wohnraumbeschaffung.

 

Gottfried Kinkel am 9. November 1918 auf dem Göppinger Marktplatz. Der Vertreter der USPD saß 1910-1912 und 1920-1932 im Landtag.

 

1919: Der "hohe Steg" über Fils und Bahngleise

Seit vergangenem Jahr kann man von dem Wohngebiet südlich der Fils das Zentrum der Stadt über den neuen Bahnhofssteg erreichen. Eine solch hoch gelegene Fußgängerverbindung gab es auch schon zu früherer Zeit. Im Jahr 1919 wurde in Verlängerung der Schützenstraße ein in Eisenkonstruktion errichteter Steg hinüber ans südliche Filsufer errichtet. Diese Verbindung hieß im Volksmund "der hohe Steg" oder "der lange Steg". Als der alte Bahnhof durch das 1964 fertiggestellte neue Bahnhofsgebäude ersetzt war, wurde direkt vom Bahnhof aus eine Fußgängerunterführung unter dem Gleiskörper hindurch mit kleiner Brücke über die Fils hinweg geschaffen. Der verkehrstechnisch etwas abgelegene und auch betagte "hohe Steg" hatte ausgedient und wurde abgerissen.

 

Der "hohe Steg" vor dem Abriss im Jahr 1964.

 

1919: Sauerwasser gegen Alkohol

Noch heute dürfen die Jebenhäuser Bürger ihr Sauerwasser kostenlos abfüllen. Im Jahr 1762 hat der Ortsherr und Schlossquellenbesitzer von Liebenstein dieses Recht besiegelt. Die gewerbsmäßige Nutzung des Jebenhäuser Sauerwassers begann am 12. Oktober 1919. Damals schlossen die liebensteinische Herrschaft mit der "Süddeutschen Genossenschaft für alkoholfreie Industrie" in Stuttgart einen Nutzungsvertrag. Zweck der Genossenschaft, die im Firmenemblem sinnigerweise Herkules im Kampf mit der Hydra führte, war es, alkoholfreie Getränke zu möglichst billigen Preisen herzustellen, zu vertreiben und so im Interesse der Allgemeinheit den Alkoholkonsum zu bekämpfen. Doch die Idealisten waren keine guten Geschäftsleute. Bereits 1921 übernahm die Firma Bosch in Stuttgart die Abfüllrechte, Gotthilf Häberle füllte das Wasser für die Belegschaft ab. Später übernahm er den Betrieb in Eigenregie.

 

     

 

 

1920: Zwei vergebliche Anläufe für einen Holzheimer Ölboom

Im so genannten Posidonienschiefer, einem Juragestein im Albvorland, das auch schöne Fossilien liefert, stecken im Durchschnitt 5% Bitumen. Aus einem Quadratkilometer Schiefer könnte man theoretisch über eine Million Tonnen Rohöl gewinnen. 1860 hat dies die Firma Zeller & Gmelin in Eislingen bereits versucht. Und als in der Inflationszeit amerikanisches Rohöl in Dollar bezahlt werden musste, wurden 1920 in Holzheim unter Beteiligung des württembergischen Staates die Jura-Ölschieferwerke gegründet. Man erwartete sich ein lukratives Geschäft, zumal man aus den Rückstandsprodukten noch Baustoffe herstellen konnte. In Holzheim freute man sich schon auf die Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Das Verfahren der Verschwelung, bei dem aus einer Tonne Schiefer ca. 70 Kilogramm Öl und 40 Kubikmeter Gas gewonnen wurden, war nicht ausgereift und mit üblen Emissionen verbunden. Bald stieg man auf die Gewinnung von Zement um, doch 1931 kam auch hierfür das Aus.

Während des Zweiten Weltkriegs fanden in Holzheim 1943 Versuche zur Untertageverschwelung des Schiefers statt. 1946 versuchte der Ingenieur Dr. Schneiders das Bitumen unterirdisch mittels Zufuhr von heißem Gas aus dem Ölschiefer auszukochen. Den entstandenen Ölnebel saugte er in eine Kondensationsanlage ab. In der von Rohstoffknappheit geprägten direkten Nachkriegszeit fand er auch Abnehmer für sein aufwändig gewonnenes Schieferöl.

 

Bildpostkarte des Jura Ölschieferwerks in Holzheim aus den 1925er Jahren.

 

1922: "Schlacht am Walfischkeller"

Am Abend des 11. Dezember 1922 sollte im Göppinger Hotel zu den Aposteln eine öffentliche Versammlung der gerade gegründeten Göppinger Ortsgruppe der NSDAP stattfinden. Am Nachmittag traf ein bewaffneter SA-Verband mit Krankenschwester aus München ein. Schon der provozierende Marsch der etwa 90 Personen in Formation vom Bahnhof zum Hotel bewies, dass die SA nicht nur nach Göppingen gekommen war, um den "Saalschutz" für die Veranstaltung zu übernehmen. Bei Ankunft am Hotel erwartete sie eine kleine Schar politischer Gegner und ein vom Hotelbesitzer angebrachtes Plakat, nach dem die Veranstaltung nicht statt-findet. Nachdem sich Oesterreicher, der Führer der Göppinger NSDAP, vergeblich um einen Saal in einer anderen Gaststätte bemüht hatte, dirigierte er seine Anhänger und die Münchner SA ohne Vorabsprache mit dem Wirt zum Walfischkeller (an seiner Stelle steht heute das WHG). Auf der Jebenhäuser Brücke wurden sie von demons-trierenden Arbeitern erreicht. Die Polizei versuchte erfolglos, die Lager zu trennen. Das Ergebnis eines Schuss-wechsels zwischen SA-Leuten und Arbeitern waren vier verletzte Arbeiter und fünf verletzte SA-Männer. Als um 21 Uhr die aus Geislingen angeforderte Schutzpolizei, deren Führer Leutnant Schneider "zufällig" auf der Fils-brücke anwesend war, eintraf, entschärfte sich die Situation. Nachdem die SA-Leute zum Zug geleitet worden waren, löste sich die Arbeiterdemonstration auf.

Der Vorfall fand in der Presse ein starkes Echo und führte im Württembergischen Landtag zu einer Debatte über die von der nationalsozialistischen Bewegung ausgehenden Gefahr für das Wohl der Bürger und die Freiheit des Staates.

22 Arbeiter wurden kurz darauf des Landfriedensbruchs angeklagt. Knapp die Hälfte erhielt Gefängnisstrafen bis zu 3 Monaten. Die Nationalsozialisten hatten sich nur wegen des "minder schweren Vergehens der Bildung eines bewaffneten Haufens" zu verantworten. Sie wurden freigesprochen. Die nationalsozialistische Propaganda bauschte dieses Ereignis später als "Schlacht am Walfischkeller" auf und sah darin ihre Geburtsstunde wie Feuertaufe für den württembergischen Raum.

 

Schauplatz der "Schlacht" aus der Beilage des "Hohenstaufen" vom 11. Dezember 1937

 

1922: Die erste Frau im Gemeinderat

1873 forderte die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm als erste Frau in Deutschland das Frauenwahlrecht, 1891 nach Aufhebung des Sozialistengesetzes übernahm die Sozialdemokratie als erste deutsche Partei dieses Ziel in ihr Programm. Als 1917 der Sozialdemokrat Eduard Bernstein im Reichstag einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorlegte, war dieser noch nicht mehrheitsfähig. Auch wenn die Frauen in der Kriegszeit längst ihren "Mann" stehen mussten, sah die bürgerliche Mehrheit ihren Platz immer noch in Heim und Herd. Die Revolution am Kriegsende brachte dann die einschneidende und nachhaltige Veränderung: Frauen erhielten am 30. November 1918 das aktive und passive Wahlrecht. In der Verfassung der Weimarer Republik vom 1. August 1919 heißt es dann: "Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben Rechte und Pflichten".

Als im Mai 1919 in Württemberg Gemeinderatswahlen stattfanden, war auf den Listen der in Göppingen antretenden Parteien noch keine Frau zu finden. Dies änderte sich 1922, als bis auf die Deutschnationale Volkspartei alle anderen Parteien jeweils zwei Frauen auf ihren Wählerlisten stehen hatten. In der Tageszeitung erschienen Aufrufe mit der Parole: Frauen wählen Frauen ins Kommunalparlament. Nach der Auszählung der Wahl vom 10. Dezember 1922 stand fest, dass mit der Hausfrau Mathilde Brückner für die Vereinigte Sozialdemokratische Partei (Zusammenschluss von der Sozialdemokratischen Mehrheitspartei und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei) erstmals eine Frau die Gemeindepolitik mitbestimmte. Weil Frau Brückner überdies eine überdurchschnittlich gute Stimmenzahl erreicht hatte, war sie für 6 Jahre gewählt. Die Hälfte der Räte mit der niedrigsten Stimmenzahl musste damals bereits nach 3 Jahren ausscheiden bzw. sich erneut zur Wahl stellen.

Nach Ablauf ihrer Amtszeit im Dezember 1928 kandidierte Mathilde Brückner abermals für den Gemeinderat und wurde mit der höchsten Stimmenzahl gewählt. 1932 zog sie als Abgeordnete in den Württembergischen Landtag ein. Mit der Zerstörung der Demokratie durch die Nationalsozialisten war die politische Laufbahn der Politikerin beendet, deren Handeln von religiösen wie sozialdemokratischen Überzeugungen geprägt war.

 

Porträtbild Mathilde Brückner

 

1923: Als jeder Millionär war

Als jeder Millionär war, waren die Zeiten besonders bitter. Für all das viele Geld konnte man sich in der Wirtschaftskrise des Jahres 1923 so gut wie nichts kaufen. Im September 1923 kostete beispielsweise die Kilowattstunde Strom 3,5 Mio., der Zentner Kartoffeln 60 Mio. Mark. Im Oktober waren die Preise schon in höhere Regionen enteilt. Nachdem nicht nur die Versorgungslage ernst war, sondern auch das Geld so knapp wurde, dass beispielsweise die Unternehmen Leute los schicken mussten, um das Geld für die damals noch wöchentlich erfolgende Ausbezahlung der Löhne zusammenzusuchen, schritt die Verwaltung zur Herausgabe von sog. Notgeld. Dies war ein Ersatzzahlungsmittel und wurde in Göppingen von der Amtskörperschaft genehmigt und in deren Auftrag gedruckt.

Die erste Auflage waren Notgeldscheine im Wert von 1000 Mark. Im August 1923 wurden bereits Scheine im Wert von 1 Million, im Oktober 1923 dann im Wert von 5 Milliarden herausgegeben. Im November markierte der 500 Milliarden-Schein das Ende der Inflationsspirale.

Die Notgeldscheine sind heute ein beliebtes Sammelobjekt. Die in Göppingen herausgegebenen Scheine zieren lokale Bildmotive – die Oberhofenkirche, das Schloss und der Sauerbrunnen. Die Gestaltung der Geldscheine lag in den Händen des Studienrats und Künstlers Carl Gmelich.

 

Notgeldschein der Göppinger Amtskörperschaft, ausgegeben im Oktober 1923

 

1924: Gründung des Maitiser Darlehenskassenvereins

Der heutige Göppinger Stadtteil Maitis verfügt mit der im Ort ansässigen selbstständigen Raiffeisenbank über die kleinste Bank Baden-Württembergs. Ihren Ausgangspunkt hat die Bank, die von manchen rekordverdächtig auch als kleinste Bank Europas bezeichnet wird, in dem 1924 gegründeten Darlehenskassenverein. Dieser Verein wurde vom damaligen Schultheißen Leonhard Boxriker ins Leben gerufen. Unter dem Leitgedanken des Sozial-reformers Friedrich Wilhelm Raiffeisen "Einer für alle – alle für einen" fanden sich damals 50 Bürger aus Maitis sowie aus den Nachbarorten Lenglingen und Radelstetten zu einer für die Bedürfnisse der ländlichen Bevölkerung zugeschnittenen Genossenschaftsbank zusammen. Die Bank war im Laufe der Jahre entsprechend der Änderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einer ganzen Reihe von Wandlungen unterworfen. So wurde der Verein 1935 umfirmiert zur Spar- und Darlehenskasse und 1969 zur Raiffeisenbank. An die Stelle von Schultheiß oder Hauptlehrer als Vorstandsvorsitzende traten in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Bankfachkräfte.

 

Das 1958 eingeweihte Maitiser Bankgebäude mit Lagerhaus

 

1926: Der erste Weltrekord für Göppingen

Zu dem Ruf Göppingens als Sportstadt trugen nicht zuletzt die Erfolge der Schwimmvereine bei. Der Schwimmverein Göppingen 04, der dieses Jahr sein 100-jähriges Jubiläum feiert, schaffte es sogar, den ersten Weltrekord in die Stadt unterm Hohenstaufen zu holen. Am 5. Dezember 1926 waren die Göppinger Schwimmer zum Wettkampf nach Straßburg gereist. Dort stellte Heinz Faust den neuen Weltrekord über 100 Meter im Brustschwimmen auf. Die 100 Meter schaffte er in 1:15,6. Seine Vereinskameraden waren auch erfolgreich: Günther gewann im Freistil- und Rückenschwimmen. Die Göppinger Staffeln siegten überdies im Lagen- und Freistil über 3 Mal 50 bzw. 5 Mal 50 Yards. Das abschließende Wasserballspiel gewann die Göppinger Mannschaft 6:4. Dazu kommentierte die Tageszeitung: "Das Torverhältnis entspricht jedoch nicht dem Spielverlauf, das Göppingen überlegen spielte. Die Kommandos wurden alle auf französisch gegeben, wurden aber allgemein sehr gut verstanden."

1926 verzeichnete der Schwimmverein 04 über 100 Siege im Jahresrückblick. Damit sah sich der Göppinger Verein zurecht als der führende Schwimmverein Süddeutschlands bestätigt.

 

Der erfolgreiche Schwimmer und Weltrekordler Heinz Faust. Auf der Badehose prangt das Abzeichen des Schwimmvereins Göppingen 04

 

1926: Jugendherberge und Altenheim unter einem Dach

Aus der Not geboren wurde die Idee, Jung und Alt in einer städtischen Einrichtung zusammenzubringen. Im Jahre 1924 kaufte die Stadt Göppingen den Dreikönigskeller, eine Höhengaststätte am heutigen Dreikönigsweg beim Oberholz. Wegen der großen Anzahl von Gaststätten in Göppingen entschloss sich die Stadt, den Wirtschaftsbetrieb aufzugeben und beauftragte 1926 Stadtbaumeister Eckle mit der Erstellung von Plänen für den Umbau des Dreikönigskellers zu einem Altenheim und einer Jugendherberge. Zudem sollte das ehemalige Gaststättengebäude wieder einen ca. 20 Meter hohen Aussichtsturm erhalten – der alte sollte abgebrochen werden. Im ehemaligen Saalgebäude sahen die Pläne im Erd- und Dachgeschoss 32 Schlafplätze für Jungen und Mädchen vor, die Jugendherberge bekam natürlich auch einen eigenen Eingang. Im Erdgeschoss des Altenheims waren Küche und Speisesaal, Büro und Aufenthaltsräume untergebracht, in den beiden oberen Stockwerken 18 Zimmer.

Bis 1970 bestand das Altenheim, die Jugendherberge war zuvor schon nach Hohenstaufen verlegt worden. Der Gebäudekomplex wurde anschließend abgerissen.

 

Foto: Altenheim und Jugendherberge an der Olgastraße 72 beim Oberholz (heute Dreikönigsweg).

 

1926: Vom ersten Linienbus bis zum ZOB

Die erste regelmäßig verkehrende Omnibuslinie in Göppingen führte von Uhingen über Göppingen und Holzheim nach Eislingen und zurück. Am 13. November 1926 lud der Unternehmer Carl Hommel Vertreter der Stadt, der Gemeinden und der Presse zu einer Probefahrt. Die private Omnibusgesellschaft wollte ihre zwei Busse halbstündig auf der Strecke verkehren lassen. Ziel war es, zur Eisenbahn, die ja nur wenige Orte direkt anfuhr, möglichst viele Gemeinden an ein Liniennetz zu binden. Nach einem Jahr konnte das Unternehmen eine zufriedenstellende Bilanz präsentieren. Auf nun vier Linien fuhren zwölf Busse, täglich nutzten über 3000 Fahrgäste den Bus. Neben dem Linienverkehr bot das Unternehmen auch Tagesfahrten, z. B. zur Zugspitze oder zum Ebnisee.

Und nicht nur Busse kamen zum Einsatz: Von 1929 bis 1933 brachte ein Leichtflugzeug vom neuen Flugplatz an der Viehweide aus Passagiere im Zubringerdienst zum Flughafen München.

Nach dem II. Weltkrieg gestaltete sich die Wiedereinführung des dringend benötigten Linien-Busverkehrs als schwierig, da einige Busse beim Bombenangriff auf Göppingen zerstört worden waren, und es an Holz für die Holzgas-Busse und Reifen mangelte. Doch bereits 1949 waren wieder 10, 1962 schon 30 Busse im Einsatz.

In den 1970er Jahren wurden Überlegungen und Planungen zum Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) intensiviert. Neben einem innerstädtischen Verkehrskonzept wurden auch Alternativen zu einem Zentralen Omnibus Bahnhof (ZOB) und einem innerstädtischen Busring erarbeitet. Doch es dauerte noch bis 1994, ehe Oberbürgermeister Hans Haller den "ZOB" einweihen konnte.

 

 

Auf dem Schillerplatz hat der gesamte Fuhrpark der Omnibusgesellschaft Göppingen Aufstellung genommen (um 1930).

 

1926: Ende der Postkutschenzeit

"Hoch auf dem gelben Wagen" – das galt in Göppingen zum letzten Mal 1926 auf der Strecke Göppingen - Boll. Der Ausbau des Bahnnetzes nach Boll machte die seit 1860 regelmäßig verkehrende Postkutsche zwischen Göppingen und Boll überflüssig. Am 29. Juni 1926 fuhr sie festlich geschmückt zum letzten Mal zwischen beiden Orten. Zuvor war sie täglich auf dieser Strecke verkehrt.

Der damalige Posthalter war der Wirt des Gasthauses "Neue Post" Georg Geiger, der einstmals 20 Pferde in seinem Stall stehen hatte. Sie befuhren die Strecken nach Boll, Hohenstaufen, Lorch und Gruibingen.

Zwei Tage nach der Fahrt der letzten Postkutsche verkehrte das Boller Bähnle zum ersten Mal.

 

Abfahrt der letzten Postkutsche nach Boll in der Göppinger Bahnhofstraße.

 

1926: Einweihung der Eisenbahnlinie Göppingen-Boll

Ein großer Festtag für Göppingen und seine Umlandgemeinden im Voralbbereich war die Einweihung der Nebenbahnlinie von Göppingen nach Boll am 30. Juni 1926. In einem zeitgenössischen Pressebericht wird geschildert, dass sich in Holzheim bereits eine Stunde vor Einfahrt des ersten Zuges um 12 Uhr eine große Menschenmenge auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt hatte. Die festlich gekleideten Schulkinder, die Girlanden und Kränze geflochten hatten, jubelten dem einfahrenden Zug, der liebevoll "Boller Mariele" als Pendant zum "Gmünder Josefle" genannt wurde, entgegen.

Dem Wortlaut dieses Berichts folgend, dampfte der Weihezug nach kurzen Begrüßungsansprachen mit Schultheiß Bühlmaier und den Gemeinderäten an Bord weiter nach Boll. Abgerundet wurde der Tag mit Freibier in sämtlichen Wirtschaften des Ortes. Vorausgegangen waren der Anbindung des Voralblandes an das Eisenbahnnetz jahrzehntelange Verhandlungen. Um 1900 bildete sich auf Betreiben der Gemeinde Boll eine Initiative zur Einrichtung einer Privatbahn. 1904 geriet der Göppinger Landtagsabgeordnete Pfarrer Blumhardt wegen dieser Initiative ins Kreuzfeuer der Kritik. Er rechtfertigte sich in der Frage des "Boller Marieles" mit den Worten: "Ich bin mir keiner Sünde bewusst in dieser Beziehung". Von Erfolg gekrönt war schließlich die politische "Weichenstellung" zum Nebenbahnbau unter staatlicher Regie mit dem Göppinger Oberbürgermeister Dr. Julius Keck und den Oberamtsvorstand Dr. Schönmann im Jahr 1919. Nach siebenjähriger Bauzeit konnte das Projekt erfolgreich abgeschlossen werden.

 

Der Holzheimer Bahnhof bei den Einweihungsfeierlichkeiten

 

1928: Das Brunnenhaus in den Mörike-Anlagen

Grüne Inseln für die Naherholung in der Industriestadt Göppingen zu schaffen, war ein Ziel der Göppinger Stadtentwicklungspolitik. Neben dem Kauf von Waldflächen im Oberholz wurden auch im heutigen Stadtgebiet kleinere grüne Areale wie zum Beispiel die Ludwigs-Anlagen geschaffen. So hießen zunächst die heutigen Mörike-Anlagen im Bereich zwischen Oberhofenkirche und Mörike-Gymnasium. Damit die Bürger dort nicht nur spazieren gehen konnten, wurde 1928 ein Brunnenhaus gebaut. Ausgeschenkt wurde gegen ein kleines Entgelt Sauerwasser vom Christophsbad und vom Staufenbrunnen an der Ulmer Straße, das in so genannten thermophorartigen Behältern mehrmals am Tag frisch angeliefert wurde. Außerdem gab es auch frische Milch.

Erst 1952 bekam das mit Cannstatter Travertin verkleidete Brunnenhaus einen eigenen Brunnenanschluss. Leider lieferte und liefert die über 50 Meter tiefe Bohrung nicht das erhoffte Sauerwasser, der Mineralstoff- und Kohlensäuregehalt ist zu gering.

 

Brunnenhäuschen mit Oberhofenkirche

 

1929: Großes Theater in Göppingen

Am 23. Januar 1929 erteilte die Göppinger Stadtverwaltung auf Ansuchen der Turngemeinde die Genehmigung für ein Theater unter freiem Himmel. Im damaligen Stadion im Reusch wurde daraufhin eine überdachte Tribüne errichtet. In der ersten Saison wurde im Sommer an jedem Wochende "D´r Sonnenwirtle von Ebersbach" aufgeführt. Insgesamt 25 000 Besucher aus nah und fern sahen das Stück. Hunderte von Darstellern, allesamt Laienschauspieler, agierten in aufwändigen, selbstgebauten Kulissen. Ihre Gage bestand aus einer Wurst und einem Bier.

Nach dem Krieg gab es eine kurze Spielpause bis 1948. Das Freilichttheater bestand bis 1955. Der Spielbetrieb endete ein Jahr zuvor mit den "Weibern von Schorndorf". Andere Unterhaltungsmedien wie Kino und Fernsehen, notorischer Geldmangel sowie Nachwuchssorgen und geringer werdendes Engagement der Mitwirkenden hatten zum Ende des Theaters geführt. Die Bühnengemeinschaft Göppingen löste sich 1959 auf.

 

Die Aufführung des "Wilhelm Tell" 1932.

 

1930: Für die vollendete Schönheit der Figur

Wer an der Östlichen Ringstraße an dem Gebäude gegenüber der Gaststätte Wilder Mann das schöne Rundportal mit dem oben sitzenden Ziehharmonika-Spieler betrachtet, der könnte das Gebäude leicht für ein Musikerheim halten. Weit gefehlt, der lang gestreckte Bau ist eines der letzten baulichen Zeugnisse der einst blühenden Göppinger Korsett- und Miederindustrie. Die Ziehharmonika, die der Junge spielt, ist hierbei ein sprechendes Sinnbild für das Firmenprodukt "Pulmonet" – ein Mieder, das seinen Trägerinnen volle Atmungs- und Bewegungsfreiheit garantierte (lat. pulmo = Lunge). Hergestellt wurde das Produkt von der 1922 gegründeten und von 1925 an von Wilhelm Blank allein geführten Miederfabrik, die mit der Erfindung der elastischen Bruststütze die in den 1920er Jahren aufgetretene "Krise der korsettlosen Zeit" erfolgreich überstehen konnte.

Andere Göppinger Korsett- und Miederfabriken brachten ihre Waren unter ebenso einprägsamen und anmutenden Namen auf den Markt, um sie auf diese Weise aus der anonymen Gattung der "Kleidung" oder "Korsette" herauszuheben und ihnen die Aura der Marke zu verleihen. So verkaufte die Göppinger Firma Bergmann & Sohn ihre Waren unter dem Namen "Marie Antoinette" und "Iris", die Miederfabrik J. J. Unfried verwendete die Markenbezeichnungen "Perfectana" und "Gala", Paul Mitter umwarb die Kundinnen mit "Formfroh" und "Elise".

 

Pulmonet-Werbung von 1950.

 

1930: Der Privatflugplatz auf der "Großen Viehweide"

Göppingen gehörte im Jahr 1930 zu den wenigen deutschen Städten, die auf ihrem Markungsgebiet einen Flugplatz besaßen. Dieser war aufgrund privater Initiative des Unternehmers Carl Hommel entstanden, der zuvor schon mit der Gründung einer Omnibusverkehrsgesellschaft die Zeichen der Zeit erkannt hatte. Carl Hommel hatte auf dem rund 10 Hektar großen, von der Stadt gepachteten Areal auf der Flur "Große Viehweide" (heute Stauferpark) einen Flugplatz errichtet, um von hier aus Zubringerdienste per Luftweg und Rundflüge anzubieten. Von Seiten der Kommune wurde die Anlage der Stadt- und Landebahn bezuschusst, weil man sich von dieser innovativen Idee positive Impulse für die städtische Wirtschaft und den Fremdenverkehr erhoffte. Zur Infra-struktur der Anlage gehörte außerdem eine einfache aus Wellblechtafeln errichtete Flugzeughalle und ein Flugplatz-Restaurant "Zur Lerche", für das die Göppinger Rad-Brauerei verantwortlich war. Um die Flugzeuge kümmerten sich Göppinger Bürger, die sich um den flugbegeisterten Eugen Kopp, verheiratet mit einer Schwester von Carl Hommel, scharten und bereits 1929 eine Flug- und Arbeitsgruppe Göppingen im Deutschen Luftfahrt-verband gegründet hatten. Sie bauten in Eigenarbeit zwei Gleitflugzeuge, die Firma Hommel kaufte ein Klemm-Sportflugzeug. Bereits im April 1930 konnte Eugen Kopp mit der Klemm zu den ersten Rundflügen starten. Am 29. Juni 1930 wurde der Göppinger Flugplatz in Anwesenheit vieler prominenter Gäste und einer großen Besucher-schar offiziell eingeweiht.

Dem Privatflugplatz war jedoch keine lange Lebensdauer beschieden. Im Zuge des Ausbaus der geheimen Flie-gertruppe der Reichswehr wurde das Flugplatzgelände 1933 bis 1935 für militärische Zwecke erheblich ausge-baut. Am 28. September 1935 erfolgte der öffentliche Einzug einer Aufklärungseinheit der Luftwaffe.

 

Der Göppinger Flugplatz mit dem Restaurant im Jahr 1932.

 

1930: Eine alte Fabrik wird zur neuen Gewerbeschule

Mit der Errichtung der Fachhochschule wurde in Göppingen nicht zum ersten Mal der Versuch gemacht, eine ehemalige Fabrik zur Bildungsanstalt umzugestalten. Auf diesem Weg entstand in den Jahren 1929/30 auch Göppingens neue Gewerbeschule, deren Räumlichkeiten heute das Technische Rathaus der Stadt nutzt.

Die Anfänge der Gewerbeschule reichen in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Am Anfang standen Zeichenunterricht und Sonntagsschule, deren Besuch freiwillig war. Eine erste feste Heimstatt fand der neue Schultyp, der auf die veränderten Anforderungen in Handwerk und Industrie vorbereiten sollte, in dem ehemaligen Spitalgebäude, wo Gewerbe- und Handelsschule unter den immer enger werdenden Raumverhältnissen litten. Abhilfe brachte der vom Gemeinderat beschlossene Umbau der ehemaligen Korsettfabrik von Rosenthal & Fleischer am Nordring, die nach Westen hin noch einen großzügigen Erweiterungsbau erhielt. Bei der Einweihungsfeier der Gewerblichen Berufs- und Meisterschule im April 1930 feierten alle Redner – von Oberbürgermeister Hartmann über Landrat Feurer bis zu Gewerbeschuldirektor Grüninger den Umbau der alten Fabrik in ein neues Schulgebäude als "glänzend gelöst".

 

Das zur Gewerbeschule umgebaute Fabrikgebäude von Rosenthal & Fleischer im Jahr 1950.

 

1930: Als es Schokolade regnete: Werbung für Göppingens erstes modernes Kaufhaus

Vielleicht wäre die IKEA-Eröffnung in Moskau ein passender Vergleich aus der Neuzeit: Als in Göppingen am 11. April 1930, Schlag 10 Uhr, sich die Türen am neu eröffneten Warenhaus Wohlwert in der Hauptstraße öffneten, warteten die ersten Neugierigen schon auf der Straße. Während des ersten Öffnungstages sollen über 6.000 Kunden durch das neuartige Kaufhaus geströmt sein, das als sog. "Einheitspreis-Geschäft" firmierte. Die Kunden konnten sich hier die Waren ungeniert selbst ansehen und auswählen. Überdies waren billige und einheitliche Preise wie in allen anderen Wohlwert-Geschäften garantiert.

Zu dem Andrang trug nicht nur das neue Verkaufssystem bei, sondern auch die kreative Bewerbung der Eröffnung. In großformatigen Anzeigen in der Tagespresse wurde das Kaufhaus mit dem neuen Postbau und dem Flughafen auf der Viehweide als der Eintritt Göppingens ins Großstadtzeitalter gefeiert, und das Kaufhaus wurde mit dem Sauerwasser, dem Hohenstaufen und dem Oberholz als die "neue Liebe" der Göppinger präsentiert.

Für den Eröffnungstag selbst hatte der Geschäftsinhaber Julius Guggenheim (1882-1960) eine Aktion vorbereitet, die besonders angenehm auf das Warenhaus aufmerksam machte: Das auf dem Göppinger Flugplatz stationierte Flugzeug flog in geringer Höhe über die Stadt und warf Schokoladentafeln ab, die – wie die Tageszeitung unter der Überschrift "Eine Sensation für Göppingen" berichtete – zum Leidwesen der "kleinen Schlecker " oft auf Dächer und in Gärten fielen, wo sie auch die sehnsüchtigsten Blicke nicht herbeiwünschen konnten.

 

Das Warenhaus Wohlwert am Eröffnungstag (heute Neubau Woolworth).

 

1930: Das neue Postgebäude

Über 150 Jahre lang hatte die Post in Göppingen mit Raumnot zu kämpfen. Immer neue Postdienste verlangten nach größeren Räumen. 1852 fand das Postgebäude noch im neuen Bahnhof Platz, 1876 wurde es ins Rathaus verlegt, 1893 schließlich kam die Post in die Bahnhofstraße 1, heute Kreissparkasse. Doch auch hier wurde es bald zu eng, vervierfachte sich doch von 1900 bis 1925 das Briefaufkommen auf 11.000 Briefe pro Tag, 1.100 Pakete galt es zu verteilen sowie 200 Telegramme zu bearbeiten und zahlreiche Telefongespräche der 1.200 Göppinger Telefonbesitzer zu vermitteln. So entschloss sich die Deutsche Reichspost, am östlichen Bahnhofsplatz einen Neubau zu errichten. Oberpostbaurat Schwab fertigte den Bauplan, die Göppinger Baufirma Karl Kübler errichtete 1929/30 das Backsteingebäude, dessen unteres Stockwerk mit dunklen Klinkern verblendet wurde. Am 14. November 1930 konnte das zum Bahnhofsvorplatz viergeschossige Gebäude feierlich eröffnet werden.

Im Jahre 1941 kam das Göppinger Postamt zu "hohen" Ehren. Rudolf Heß verlieh ihm die Goldene Fahne als erstem nationalsozialistischen Musterbetrieb in Göppingen. "Innen hell und luftig, so ist das Haus eine schöne Arbeitsstätte für die Gefolgschaft. Im Innern grüßen in allen Arbeitsräumen grüne und farbige Pflanzen. Einfache Bilder schmücken die Wände und regen gute Gedanken an Führer und Volk, Arbeitstreue und Arbeitsstolz an", so hieß es in der Laudatio.

Heute benötigt das "Post-Center" nur noch einen kleinen Teil des Postgebäudes.

 

Das Postgebäude Ende der 1930er Jahre.

 

1931: Die Stadtrandsiedlung Bodenfeld entsteht

Die Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre war begleitet von einer hohen Arbeitslosigkeit und einer starken Verarmung vieler Bürger. Die Gemeindepolitik unter Oberbürgermeister Dr. Hartmann versuchte die Krise mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und der Organisation eines Freiwilligen Arbeitsdienstes zu bekämpfen. In diesem Konzept spielte die Errichtung einer neuen Stadtrandsiedlung eine wichtige Rolle, bei der im Hausbau viele Arbeiten in Gemeinschafts- und Selbsthilfe erledigt werden sollten.

Als Baugelände für dieses Projekt wurde das Areal zwischen der Ulmer Straße und der Nachbargemeinde Holzheim ausgewählt. Auf dem freien Feld entstand dort ab 1931 die Stadtrandsiedlung Bodenfeld. Ihr Charakter war durch die einstöckigen Einfamilienhäuser mit Garten stark ländlich geprägt. Tatsächlich waren die ersten Siedler dazu aufgefordert, ihren Garten intensiv zu bebauen und auch Kleintiere zu halten. Auf diese Weise sollte die angespannte Versorgungssituation entlastet und erforderliche Geldausgaben für den Lebensunterhalt reduziert werden.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Ankunft vieler Vertriebener und Flüchtlinge in Göppingen eine große Wohnungsnot herrschte, wurde die Siedlung Bodenfeld wesentlich erweitert. In dieser Zeit entstanden die mehrstöckigen Häuser, die heute den alten Siedlungskern einrahmen.

 

1931: Großbrand bei Bellino

Gegen fünf Uhr in der Früh läuteten am 23. Dezember 1931 alle Kirchenglocken, Feueralarm! Mancher Göppinger hatte wohl noch die Berichte über den verheerenden Brand des Stuttgarter Schlosses zwei Tage zuvor im Kopf, und dachte daran, dass die Göppinger Feuerwehr nach Stuttgart gerufen wird. Doch der Blick zum nächtlichen Himmel zeigte, es war ein Großfeuer in Göppingen, das Lager und der Stall des Emaillier-, Stanz- und Metallwerks Bellino in der Fabrikstraße brannte. "Die Flammen brannten hoch und blank, vereinigten sich zu einem Feuermeer, das die dicken Rauchschwaden prachtvoll färbte." So "schwärmte" der Berichterstatter der Göppinger Zeitung angesichts des Infernos. Und selbstverständlich fanden sich Hunderte von gaffenden Zuschauern bei der Sonnenbrücke ein. Der Brand breitete sich Gott sei Dank nicht weiter aus, der Funkenregen erstickte auf den schneebedeckten Dächern der Umgebung. Der größte Teil der "feinen" Emailgeschirre mit dem Bellino-Bären als Markenzeichen wurden durch den Brand zerstört oder angeschmolzen.

 

Das zerstörte Lagerhaus der Emailfabrik Bellino am Tag nach dem Brand.

 

1931: Mit der Wünschelrute auf Mineralwassersuche

Auf der Suche nach neuen Mineralwasservorkommen im Stadtgebiet bediente man sich Anfang der 1930er Jahre "moderner Hilfsmittel". War man 1898 noch per Zufall bei der Suche nach Trinkwasser auf die so genannte Stauferquelle beim Wasserwerk gestoßen, beauftragte die Stadt für die Suche eines neuen Brunnens Wünschel-rutengänger.

Der Direktor des Göppinger Wasserwerks, Richard Jokisch, und sein Obermeister Johannes Schwille, ein beson-ders auf Mineralwasser ansprechender Wünschelrutengänger, vermuteten im Gebiet zwischen Fils, Boller Bahn und Alexanderstraße Mineralwasser. Zur Absicherung zog man noch einen Stuttgarter Experten hinzu. Der Bohrpunkt wurde ohne Rücksprache mit der geologischen Fachbehörde in Stuttgart festgelegt. Am 18. Oktober 1931 stieß der Bohrer in 28 Meter Tiefe auf Mineralwasser, das mit einer Schüttung von beachtlichen 23 Liter pro Minute gefördert werden konnte. 1932 wurde der "Neue Brunnen" eingeweiht. Beim Bau des Freibades wenige Jahre später bezog man den "Freibad-Brunnen" – wie er von nun an hieß – in die Außenanlagen ein. Im Freibad floss das begehrte Nass aus zwei "Brunnen-Buben"-Figuren. 1949 wurde für die Mineralwasser zapfenden Göppinger Betriebe ein eigener "Industriebrunnen" abgezweigt, der sich heute in der Maybachstraße befindet.

 

Ansichtskarte des neuen Brunnens aus den 1930er Jahren .

 

1932: Das Ende einer Donaufahrt

Im Sommer 1932 hatte in Deutschland die Wirtschaftskrise ein solches Ausmaß erreicht, dass nicht wenige ihre Zukunft in einem anderen Land suchten. Fünf junge arbeitslose Göppinger Handwerker entschlossen sich damals zur Auswanderung in die Türkei. Für die Reise dahin hatten sie sich ein Motorboot gebaut. Das "Barbarossa" getaufte Schiff konnte im städtischen Bauhof an zwei Wochenenden bestaunt werden, die erlösten Eintritte dienten zur Finanzierung der Reise.

 

Am 5. Juni lief die "Barbarossa" in Ulm vom Stapel. Die Lokalzeitung hielt ihre Leser über die Fahrt auf der Donau auf dem Laufenden. Bei Donauwörth war noch "an Bord alles wohl", auf der Höhe von Linz hieß es "die Zuversicht ist nicht mehr so gut" – das Geld war ausgegangen. Am 22. Juli schipperte die Schicksalgemeinschaft an Wien vorbei, um dann mit dem ungarischen Zoll unliebsame Bekanntschaft zu machen, der für jeden Tag auf der Donau Geld sehen wollte. Ende Juli machten die ungarischen Beamten Ernst: der Zündapparat des Motors wurde beschlagnahmt. Die Göppinger lasen in ihrer Zeitung: "Barbarossa: Zahlungsunfähig!". Das war das Ende der Donaufahrt, die fast so tragisch scheiterte, wie der Kreuzzug Barbarossas 742 Jahre zuvor.

 

1933: Der Dichter Jakob van Hoddis lebte im Christophsbad

Berlin-Touristen, welche die Hackeschen Höfe im Zentrum der Hauptstadt besuchen, finden dort eine Gedenktafel, deren Inschrift daran erinnert, dass Jakob van Hoddis am 8. November 1909 an diesem Ort Mitbegründer des "Expressionistischen Neuen Club" war. Wie kaum ein anderer hat er mit seinem 1911 geschriebenen Gedicht "Weltende" das Gefühl und die Stimmung der damaligen Zeit eingefangen, wenn es heißt: "Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut / In allen Lüften hallt es wie Geschrei / Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei / Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut /..."

Die Buchstaben seines bürgerlichen Namens Davidsohn hatte der Literat zu dem Künstlernamen van Hoddis zusammengefügt. Als junger Dichter und in einer kurzen Schaffenszeit wurde er zum Begründer des literarischen Expressionismus. Schon von 1912 an durchlitt Jakob van Hoddis schwere seelische Krisen und lebte als Pflegling in Familien. 1927 wurde er als Patient in die Heilanstalt Christophsbad aufgenommen. Er lebte in Göppingen bis 1933. Danach wurde er in die Israelitische Heil- und Pflegeanstalt in Bergdorf-Sayn verlegt und von dort 1942 deportiert und ermordet.

Im Park des Christophsbads erinnert heute ein Denkmal an den Schriftsteller und das Holocaust-Opfer Jakob van Hoddis (1887–1942) und seinen Aufenthalt in Göppingen.

 

1936: Die Flakkaserne

Die heutige Unterkunft der Bereitschaftspolizei in Göppingen hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 1936 war sie als Kaserne der Flakartillerie der Deutschen Luftwaffe am Fuße des heutigen Rigi errichtet worden. Die Schießübungen fanden im Stadtwald "Eichert" statt. Da die in Göppingen stationierten Flakabteilungen während des Krieges in ganz Europa eingebunden waren und nicht in die Kaserne zurückkehrten, zog dann eine Schule für den Offiziersnachwuchs der Luftwaffe ein.

 

Der Einmarsch der amerikanischen Truppen am 20. April 1945 bedeutete auch das Ende der Flakkaserne. Die amerikanische Besatzungsmacht errichtete auf dem Gelände ein Lazarett für Kriegsgefangene, das bis 1947 bestand und zeitweise 10.000 Personen beherbergte. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Krankenhaus für Kriegsversehrte und kranke Wehrmachtsangehörige und einem längeren als Zentralklinikum, dem damals größten Krankenhaus Südwestdeutschlands, zog 1951 die Bereitschaftspolizei Baden-Württemberg in die Kasernengebäude ein.

 

1936: Neue Kreissparkasse und "Regierungsviertel" beim Bahnhof

Am 13. November 1936 wurde in einem großen Festakt das neue Gebäude der Kreissparkasse eröffnet. Zusammen mit dem Neubau des Kreisverwaltungsgebäudes und dem NSDAP-Haus, das im umgestalteten alten Postamt an der Ecke Bahnof-/Marktstraße untergebracht war, war das Bankgebäude ein typisches Beispiel für den "neuen" Baustil im Nationalsozialismus. "Da, wo früher die mehr oder weniger idyllische, jedenfalls abbruchreife Atmosphäre des alten Gerberviertels herrschte, ist in unverhältnismäßiger Kürze ein stattliches "Regierungsviertel" entstanden, einfach und in schöner Zweckmäßigkeit, ein Wandel, der symbolisch ist für den Umschwung im neuen Reich und in der Stadt Göppingen im einzelnen", so leitete die Göppinger Zeitung ihren Bericht von der Eröffnung ein.

Das Gebäude und die neu gestaltete Umgebung strahlten Ordnung aus, der Mühlkanal wurde in eine Betonrinne gefasst. Der von der Stuttgarter Architektenschule geprägte "Heimatstil" zeigte sich nicht nur in den Walmdächern. Die wuchtige Massivität der z. T. mit Muschelkalk verblendeten Außenwände, die großen, mit glatten Steinlaibungen eingefassten Fensterfronten vermittelten den "Geist der neuen Zeit". Das Chaos der Vergangenheit, hier das winklige Gerberviertel, war der strengen und glatten Ordnung, die sich vor allem in der Fassade zeigte, gewichen. Passend dazu wurde am Kreissparkassengebäude ein Brunnen mit der Bronzefigur "Mägdlein mit der Opferschale", die der Stuttgarter Künstler Fritz von Graevenitz geschaffen hatte, aufgestellt.

Ein Großteil der Gebäude ist abgerissen, an der Ecke Gerber-/Freihofstraße ist ein Teil des Kreisverwaltungsgebäudes erhalten.

 

Das Kreisverwaltungsgebäude an der Ecke Gerber-/Freihofstraße, im Hintergrund das Kreissparkassengebäude, vorne der Mühlkanal.

 

1937: "So schön wie im Berliner Olympiastadion" – Das Göppinger Freibad

Bei der Einweihung der 1936 bis 1937 errichteten Freibadanlage mit einem Wettkampf unter Beteiligung zahlreicher Vereine aus ganz Deutschland und Kopenhagen, verglich eine Kunstspringerin das Göppinger Freibad mit den ihr von der Olympiade 1936 in Berlin bekannten dortigen Anlagen. Oberbürgermeister Dr. Pack bezeichnete in seiner Eröffnungsrede das Bad zeitgemäß als "Kulturstätte" und "Kampfforum".

Der Bau eines städtischen Freibades wurde in den 1930ern erforderlich. Der 20 000 Einwohner zählenden Stadt Göppingen stand bis dahin nur der Barbarossasee zur Verfügung. So war die Spendenbereitschaft der Göppinger für den Bau recht groß. Die Anlage umfasste neben Schwimm-, Sprung- und Nichtschwimmerbecken ein Planschbecken, Umkleideräume, Spielflächen und große Liegewiesen.Bis heute wurden am Freibad verschiedene kleine und größere Umbauten vorgenommen.

 

Das Freibad in der Ulmer Straße.

 

1938: Das abgeschobene Denkmal

Wenn Denkmäler gestürzt werden, dann stehen die Zeichen der Zeit auf Sturm. Schon bevor 1933 die Nationalsozialisten in Göppingen das Sagen hatten, entzündete sich deren Unmut an dem Göppinger Kriegerdenkmal beim alten Oberhofenfriedhof. Dort stand seit 1930 ein von dem Schwäbisch Gmünder Bildhauer Jakob Fehrle geschaffenes Kriegerdenkmal, das die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Gefallenenschicksale mit dem christlichen Motiv der Trauer zum Ausdruck brachte. Fehrle hatte eine Steinskulptur in Form einer Pietà geschaffen - eine Mutter betrauert den toten Sohn, der sich geopfert hat. Den Nationalsozialisten war ein solches Denkmal zu wenig heldenhaft, es wurde von ihnen als pazifistisches Machwerk und als "entartet" beschimpft.

Erst in einem zweiten Anlauf gelang den neuen Machthabern, das Denkmal zu beseitigen, an dem sie am jährlichen Heldengedenktag Aufstellung nehmen mussten, um den Treueschwur für Führer und Volk zu leisten. Im Spätjahr 1938 wurde die Fehrle’sche Skulptur abgebaut und an abgelegener Stelle seitlich des Eingangs zum neuen Friedhof wieder aufgestellt. Vor der Zerstörung des Denkmals war man doch zurückgeschreckt.

 

Das Göppinger Kriegerdenkmal am Oberhofenfriedhof

 

1938: Als die Synagoge brannte

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Deutschland mehrere hundert Synagogen angezündet und zerstört, tausende Geschäfte und Wohnungen jüdischgläubiger Bürger demoliert und geplündert und über 90 Menschen bei den Gewalttätigkeiten getötet. Weil soviel Glas zersplitterte, erhielt die Nacht der gewaltsamen Ausschreitungen die volkstümliche Bezeichnung "Kristallnacht".

Die NS-Propaganda gab das Pogrom gegen die Juden als Ergebnis eines spontanen "Volkszorns" aus. Tatsächlich hatte aber Propagandaminister Joseph Goebbels bei einer NSDAP-Funktionärsversammlung in München am 9. November 1938 das Signal zum Losschlagen gegen die Juden gegeben. So kam die Weisung über den SA-Stabsführer der Gruppe Süd-West an den Führer der SA-Brigade Ulm, von ihm an die SA-Standarte Geislingen. Ihr Führer gab den in einem Wirtshaus versammelten SA-Leuten und Parteigenossen den Befehl, "daß alles, was an SA-Männern zu erreichen war, zu alarmieren sei, um sich nach Göppingen zu begeben, um dort die Synagoge niederzubrennen". Der Geislinger SA-Trupp brach nach der Ankunft in Göppingen die Tür zum Synagogenraum auf, schaffte das auf Lastwagen mitgebrachte Stroh hinein, legte die in der Synagoge liegenden Teppiche dazu, schüttete Benzin darüber und legte Feuer. Die Synagoge brannte völlig aus, die Backsteinmauern blieben als Ruine stehen. Die automatische Weckerlinie zum Feuerwehrkommandanten hatte der NSDAP-Kreisleiter zuvor abschalten lassen, den Feuerwehrleuten, die vor Ort waren, wurde das Löschen der Synagoge untersagt.

Zu fortgeschrittener Nachtstunde zerstörten SA- und NSDAP-Leute die Schaufenster des Warenhauses Lendt in der Marktstraße und demolierten das Hotel Dettelbacher an der Bahnhofstraße. Und noch in der Nacht begann die Verhaftung der männlichen Juden im Alter ab 16 Jahren. In den folgenden Tagen wurden diese in das KZ Dachau gebracht und in einer mehrwöchigen Haft so eingeschüchtert und bedroht, dass ihnen die – nicht mehr freiwillige – Entscheidung zur Auswanderung leicht fiel.

Nach Kriegsende begann die Suche nach den Tätern und die juristische Aufarbeitung des Verbrechens. Die Große Strafkammer des Landgerichts Ulm fällte im Juni 1949 das Urteil. Von zehn Angeklagten wurden zwei freigesprochen. Die höchste Strafe erhielt der ehemalige Kreisleiter. Wegen Landfriedensbruch in Tateinheit mit gemeinschaftlich begangener Brandstiftung wurde er zu zwei Jahren Zuchthaus und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für drei Jahre verurteilt.

Die Justiz hatte sich zuerst der Aufklärung der NS-Verbrechen angenommen. Bis die Bürgerschaft offen über die Gewalttaten diskutierte und der Opfer gedachte, vergingen noch Jahrzehnte: 1971 wurde am Platz der zerstörten Synagoge eine Gedenktafel errichtet, 1978 fand die erste öffentliche Gedenkveranstaltung statt.

 

Die ausgebrannte Synagoge im November 1938

 

1940: Theodor Heinrich K., ein Opfer unter Zehntausenden der "Aktion T4"

Theodor Heinrich K. war mit der Diagnose Schizophrenie Patient der privaten Heil- und Pflegeanstalt Christophsbad in Göppingen, als er am 14. Oktober 1940 mit 74 weiteren männlichen sog. Staatspfleglingen, d. h. auf öffentliche Kosten dort untergebrachten Patienten, auf Anordnung des württembergischen Innenministeriums in die württembergische Heilanstalt Winnental verlegt wurde. Dies war allerdings nur ein Zwischenschritt auf dem Weg in die Gaskammer der Vernichtungsanstalt Grafeneck bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb. Dorthin wurde der 36-Jährige am 29. November 1940 verlegt und noch am gleichen Tag ermordet. Die Todesursache wurde allerdings verschleiert. In seinem Nachlass, der nach seinem Tod an die Eltern in Göppingen ging, befand sich ein Keks, in den er das Wort "Mörder" eingeritzt hatte – ein letzter verzweifelter Hilfeschrei.

Theodor Heinrich K. war einer von 168 Patienten des Christophsbades, die in den Vernichtungslagern der sog. "Euthanasie"-Aktion T4 getötet wurden. Die einzige "Rechtsgrundlage" dieser geheimen Reichssache war eine Ermächtigung Hitlers aus dem Jahr 1939, nach der unheilbar Kranken der "Gnadentod" gewährt werden könne. Anstaltspatienten wurden von nationalsozialistischen Rassehygienikern als erbbiologisch und gesellschaftlich "minderwertig" angesehen, nationalsozialistische Ökonomen sahen in ihnen eine finanzielle Belastung, unnütze Esser und Nutzer von Krankenbetten und medizinischem Personal, das für die Wehrmacht benötigt wurde.

 

In grau lackierten Bussen mit Milchglasscheiben wurden die Pfleglinge in die Tötungsanstalt nach Grafeneck bei Münsingen gebracht.

 

1940: Zur Arbeit für die Kriegswirtschaft verschleppt

1 500 "Fremdvölkische" waren im Zweiten Weltkrieg in Industrie, aber auch in Handwerk und Landwirtschaft in Göppingen im Einsatz. Die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen waren zum einen in Kriegsgefangenschaft geratene Soldaten, zum andern wurden aus den besetzten Ländern Arbeitskräfte nach Deutschland verschleppt. Auch arbeitsfähige jüdische KZ-Häftlinge wurden eingesetzt. Die meisten der in Göppingen beschäftigten Zwangsarbeiter stammten aus Russland, Polen und Frankreich. Für Kriegsgefangene und "Ostarbeiter" aus der damaligen Sowjetunion war die Unterbringung in gut zu bewachenden Barackenlager vorgeschrieben. Die Zwangsarbeiter in Landwirtschaft und Handwerk lebten in der Regel im Haushalt ihrer Arbeitgeber. Dort wurden sie zumeist auch besser mit Nahrungsmitteln versorgt. Wie wichtig die Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegswirtschaft waren – in ganz Deutschland mussten 7,6 Millionen arbeiten – zeigt auch das Beispiel der Firma Boehringer: Dort bestand zeitweise ein Drittel der Belegschaft aus ausländischen Zwangsarbeitern.

Den Einheimischen war privater Kontakt mit den Ausländern untersagt. Wer sich nicht daran hielt, dem drohten harte Strafen. So wurde eine Göppingerin, die von einem polnischen Arbeiter ein Kind erwartete, am Bahnhofsplatz öffentlich gedemütigt. Ihr wurden vor zahlreichem Publikum die Haare geschnitten. Dabei musste sich die so genannte "ehrvergessene Frau" mit einem Plakat mit der Aufschrift "Ich habe mich mit einem Polen eingelassen und das deutsche Blut geschändet" zur Schau stellen. Für diesen "verbotenen Umgang" wurde sie anschließend mit Zuchthaus bestraft und schließlich ein Jahr lang im KZ-Ravensbrück inhaftiert.

Auf dem Hauptfriedhof erinnern die Grabsteine der hier verstorbenen Zwangsarbeiter in einer eigenen Abteilung an dieses unrühmliche Kapitel unserer Geschichte.

 

Zwangsarbeiter in der Ulmer Straße beim Abmarsch 1945.

 

1941: Die Deportation der Göppinger Juden

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, trafen sie vielerlei Maßnahmen, um Deutschland "judenfrei" zu machen. Zu ihren Methoden zählten Diffamierung, zunehmende Entrechtung und offene Gewalt – so vollzog sich die Entwicklung vom Boykott jüdischer Geschäfte 1933 über den Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935 bis hin zur Reichspogromnacht 1938.

Im Sommer 1941 gab es in der Politik der Nationalsozialisten eine Wende in der sog. Judenpolitik, die nicht mehr auf die Vertreibung der Menschen jüdischen Glaubens, sondern fortan auf deren Vernichtung zielte. Die sog. "Umsiedlungsaktion" der Juden in den Osten wurde im November 1941 eingeleitet. Von Stuttgart sollte am 1. Dezember 1941 ein erster Transport von 1.000 Juden ins "Reichskommissariat Ostland" erfolgen. Darunter waren mindestens 40 Juden aus Göppingen. Sie hatten sich zuvor im Turnsaal der Göppinger Schillerschule einfinden müssen. Dort wurden sie visitiert, Wertgegenstände und Bargeld wurden ihnen abgenommen und den Beamten des Finanzamts übergeben. Das Inventar ihrer zurückgelassenen Wohnungen wurde in Listen erfasst und später öffentlich versteigert.

Die zuerst verschleppten jüdischen Bürgerinnen und Bürger wurden nach Riga gebracht. Eine zweite Gruppe wurde im April 1942 nach Izbica bei Lublin deportiert. Im August 1942 wurden vor allem ältere Personen nach Theresienstadt verschleppt. Noch am 12. Februar 1945 erhielten die beiden letzten in Göppingen lebenden Juden den Befehl, sich abreisefertig zu machen. Sie lebten in sog. Mischehe und waren deshalb bis dahin verschont worden. Der Sonderzug mit für sie unbekanntem Ziel hielt im KZ Theresienstadt – das KZ Auschwitz war schon seit dem 27. Januar befreit!

Aus Göppingen wurden 100 jüdische Bürger direkt oder indirekt über Zwangsaufenthalte in jüdischen Altersheimen deportiert, 91 von ihnen wurden in den Lagern ermordet.

 

Überlebte: Inge Auerbacher

 

1943: Pläne für ein neues Stadtzentrum nach dem "Siegfrieden"

Mit den ersten Erfolgen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg begannen in Groß- und Mittelstädten intensive Planungen für neue Stadtzentren mit Gauforen und großen Aufmarschplätzen. Für Göppingen hat der bekannte Stuttgarter Architekt Paul Bonatz ein neues Zentrum um ein neues Rathaus, das zwischen Markt-, Friedrich- und Schützenstraße entstehen sollte, geplant. Zur Marktstraße sollte ein vorgestellter Rathausturm und ein vierflügeliges Rathaus um einen Ehrenhof die Stirnfront eines Aufmarschplatzes sein, der sich nach Westen bis zum Schloss auf einer Länge von 250 Metern und 50 Metern Breite erstreckte. An der nördlichen Front des neuen Platzes sollten Amts- und Parteigebäude gebaut werden. Dazu hätte man neben dem heutigen Freihof-Gymnasium und der Lateinschule alle Gebäude entlang der Pfarrstraße abreißen müssen. Entlang der Schützenstraße sollte bis zur Poststraße das neue Technische Rathaus errichtet werden, auf dem entstehenden Platz wäre das Adelberger Kornhaus als Baudenkmal erhalten geblieben und eine große Brunnenanlage angelegt worden.

Der Fortgang des Zweiten Weltkrieges verhinderte die Verwirklichung der Pläne für diese ideologische geprägte "Neue Mitte".

 

Das von Paul Bonatz geplante Rathaus sollte als Pendant zum alten Schloss den neu geschaffenen Aufmarschplatz auf der Ostseite fassen.

 

1944: Pfarrer Palmer rettet Jüdin

Im April 1945 endete mit dem Einmarsch der Amerikaner für aus Berlin stammende jüdische Ehepaar Krakauer in Stetten im Remstal die Flucht vor Polizei und Gestapo. Zwei Jahre lebten beide untergetaucht in verschiedenen Orten Deutschlands, meistens versteckt in Pfarrhäusern. 1944 bot das Pfarrhaus der Oberhofenkirche Karoline Krakauer für zwei Wochen Unterschlupf. Um nicht den Argwohn der Nachbarn zu erwecken, wurde sie als Bekannte aus Berlin ausgegeben.

Den Kontakt zu den Krakauers hatte Pfarrer Erwin Palmer über Pfarrer Dipper aus Reichenbach an der Fils geknüpft. Dieser war ein einflussreicher Mann innerhalb der Bekennenden Kirche.

Erwin Palmer, seit 1936 Pfarrer an der Oberhofenkirche in Göppingen, handelte zwar nicht offen gegen die Nationalsozialisten, aber auch seine Aktivitäten im Verborgenen lassen seine Einstellung und mutige Haltung erkennen.

 

Pfarrer Erwin Palmer 1945 vor der Oberhofenkirche

 

1. März 1945: Bomben auf die Göppinger Nordstadt

Bis zum Jahre 1944 war Göppingen – trotz kriegswichtiger Betriebe und Einrichtungen – von Luftangriffen verschont geblieben.

Der verheerendste Bombenangriff erfolgte am 1. März vor nunmehr 59 Jahren. Von England aus flogen an diesem Tag 1219 Bomber nach Deutschland, um 11 Ziele anzufliegen. Die Group 45 der 1. Luftdivision mit 36 B-17-Bombern hatte den Auftrag, den Göppinger Verschiebebahnhof und weitere bahnnahe Betriebe zu bombardieren.

Um 14.28 Uhr warfen die Bomber aus ca. 7000 Meter Höhe ihre Last, 269 Fünfzenter Sprengbomben und 136 Fünfzenter Brandbomben, ab. Das Ergebnis der Operation war aus Sicht der Angreifer enttäuschend. Technische Mängel und unzureichende Bedienung der Instrumente ließen sie das anvisierte Ziel verfehlen. Für die Nordstadt Göppingens, wo der Bombenhagel niederging, waren die Folgen katastrophal: 293 Menschen starben, 470 Gebäude wurden zerstört oder stark beschädigt. Und die Angriffe aus der Luft waren noch nicht zu Ende. Insgesamt kamen bis April 1945 im Luftkrieg in Göppingen 334 Menschen ums Leben, 1033 Häuser wurden zerstört oder in unterschiedlichen Graden beschädigt.

 

Die zerstörte chemische Fabrik Müller an der Gablesbergstraße. Im Hintergrund die Oberhofenkirche.

 

1945: Der Einmarsch der Amerikaner

Im Frühjahr 1945 neigte sich der Zweite Weltkrieg seinem Ende zu. Letzte Reserven wurden noch einmal aufgeboten, um den Einmarsch von alliierten Truppen in Deutschland zu verhindern. An den Einfallstraßen der Ortschaften wurden Schützengräben und Barrikaden errichtet. Doch der Einmarsch der Alliierten war nicht mehr aufzuhalten.

Mitte April waren die Amerikaner schon weit in den Südwesten vorgedrungen. Am 19. April brannte Wäschenbeuren und fuhren amerikanische Panzer durch Faurndau, am Morgen des 20. April dann auch durch Göppingen. Die Stadt wurde kampflos eingenommen. In der Nacht stand der Ort noch unter Artilleriefeuer, vom Flugplatz waren Detonationen zu hören, die Einwohner suchten in Kellern, in Wäldern oder in Nachbarorten Zuflucht. Wichtiges Hab und Gut hatten sie bereits seit längerem versteckt oder vergraben. Am 20. April war der Spuk vorbei. Doch Angst, Unsicherheit und die bange Frage nach dem Kommenden beschäftigten nun die Göppinger.

Captain John A. Holbrook übernahm als Militärgouverneur die Leitung der Militärregierung im Kreis Göppingen. Er war zuvor speziell auf diese Aufgabe vorbereitet worden. Der bisherige Stadtamtmann Christian Eberhard wurde zum Kommissarischen Bürgermeister ernannt. Die Bevölkerung empfand zunächst ein gewisses Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den Besatzern, da diese nach Belieben über Lebensmittelrationierungen, Wohnraumbeschlagnahmungen und Entlassungen auf Grund des Entnazifizierungsgesetzes entscheiden konnten.

 

Soldaten des 397. Infanterieregiments am 4. Juli 1945 auf dem Schillerplatz.

 

1946: Zwangseinquartierungen und Wohnraumverteilung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs herrschten nicht nur Versorgungsengpässe, sondern auch eine große Wohnungsnot. Beim Luftangriff zerstörte Häuser, beschlagnahmte Wohnungen für amerikanische Offiziere, die Unterbringung sog. Evakuierter und der im Februar 1946 einsetzende Strom zuziehender Flüchtlinge und Vertriebener stellte die Verwaltung vor nahezu unlösbare Aufgaben. Bevor ein Bauprogramm überhaupt greifen konnte – an Material fehlte es obendrein -, mussten die vorhandenen Wohnräume besser verteilt werden. Dazu wurden in den privaten Häusern Räume beschlagnahmt und darin Obdachlose zwangsweise einquartiert. Die städtische Wohnungskommission, die den Mangel gerecht verteilen sollte, war um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Laut Vorgaben der amerikanischen Militärbehörde sollten nämlich 2 bis 2,5 Personen in einem Raum zusammenleben. Die auf diese Weise erzwungene Nähe führte oft mehr zur Entfremdung von Alt- und Neubürgern, als dass sie die erhoffte Integration rasch voranbrachte.

 

Demonstration für gerechte Wohnraumzuweisung in der Unteren Marktstraße.

 

1946: Schwäbisch für Flüchtlinge und Evakuierte

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es neben aller materiellen Not auch Sprach- und Verständigungsprobleme. Die Amerikaner verteilten in allen von ihnen besetzten Gebieten die einzig deutschsprachige Presse "Die Neue Zeitung". In ihr erschienen unter der Rubrik "Jeder lernt Englisch" die wichtigsten Artikel – in drei Spalten nebeneinander gestellt – in Deutsch, in Englisch und in englischer Aussprache. Letztere Rubrik konnte wohl nur verstehen, wer laut vorlas: "Uörld Wiuh: Diklehring President Rohswelt ä frend of ohl pihpls ... "World View: Declaring President Roosevelt a friend of all peoples ... – dies war gemeint.

Verständigungsschwierigkeiten gab es aber nicht nur zwischen Amerikanern und Deutschen. Die in Göppingen angekommenen Flüchtlinge und Vertriebenen verstanden auch nicht auf Anhieb die einheimischen Schwaben. Um den Neubürgern den Alltag zu erleichtern, verfasste Margarete Stauss (1905-1988), die aus Ostpreußen vertrieben mit drei kleinen Kindern in Hohenstaufen gestrandet war, einen Kurzführer "Schwäbische Mundart – Die gebräuchlichsten Ausdrücke aus der Schwäbischen Sprache". Mit Genehmigung der Publication-Control-Information konnte das Faltblatt gedruckt und an Flüchtlinge und Evakuierte verteilt werden, empfohlen von einem anhängenden Werbezettel: "In wenigen Tagen versteht ihr die gebräuchlichsten Redewendungen Eurer neuen Heimat!"

In der Handreichung konnte man nachschlagen, was man sich unter "Babba", "sprenga", "nastracke" oder "Guetsle" vorzustellen hatte. Manche der dort erklärten Alltagsbegriffe wie "Häddl" (schwaches Mädchen) oder "Glufa" (Stecknadel) sind so außer Gebrauch gekommen, dass sie heute wohl auch den Einheimischen erklärt werden müssten.

 

Seite aus dem schwäbisch-deutschen Wörterheft von Margarete Stauss.

 

1946: "Ein Bildungswerk für Jugend und Volk" - Gründung der VHS Göppingen

Ewald Mallmann, Buchhändler und Kommunalpolitiker in Göppingen, war 1946 der Meinung, dass "unter Förderung der Stadtverwaltung ein Bildungswerk für Jugend und Volk dringend notwendig ist – im Gegensatz zu den vielen Veranstaltungen rein unterhaltender Art, mit denen Göppingen zur Zeit überschwemmt wird ...".

Der Gemeinderat griff Mallmanns Vorschlag auf. Im August 1946 verabschiedeten die Gemeindevertreter den Gründungsbeschluss für die Volkshochschule Göppingen. Mallmann sollte die Einrichtung leiten. Nach Zustimmung der amerikanischen Militärregierung wurde die VHS am 6. Oktober feierlich eingeweiht. Für das 1. Trimester schrieben sich 1256 Personen ein. Die Volkshochschule besaß zu dieser Zeit noch keine eigenen Veranstal-tungsräume. Vorträge und Kurse fanden in der Regel in der Hohenstaufen-Oberschule (heute Freihof-Gymna-sium) und im benachbarten Spritzenhaus sowie im Evangelischen Gemeindehaus in der Kellereistraße statt. Von Anfang an bildeten Sprachkurse einen der Schwerpunkte des Programms. Großen Zuspruch fanden aber auch die Vortragsreihen mit Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik. Neben praktischen Kursen wie Physik und Chemie enthielt das Programm auch klassische Bildungsangebote, wie zum Beispiel Diskurse über Goethe und Beethovens Sinfonien.

 

Recht eng ging es bei den ersten Kursen und Seminaren der VHS zu. Aufnahme 1950.

 

1946: Der erste Serien-UNIMOG wurde bei Boehringer gebaut

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnten viele metallverarbeitende Betriebe, die in der Kriegszeit für die Rüstung produzierten, nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Militärregierung ihren Geschäftsbetrieb wieder aufnehmen. Das Interesse galt nun ‚friedlichen‘ Produkten – zwischen Spätzlesmaschine und landwirtschaftlichem Arbeitsgerät musste die neue Ausrichtung liegen. Da im Falle einer Verwirklichung des Morgenthau-Planes Deutschland ein Agrarland werden sollte, galten gerade Maschinen für den landwirtschaftlichen Bereich als zukunftsfähige Erzeugnisse.

Nach einer Idee des ehemaligen Leiters der Flugmotoren-Konstruktion der Daimler-Benz AG, Albert Friedrich, wurde vor diesem Hintergrund ein Ackerschlepper mit vier gleich großen Rädern, einer Kabine und hinten liegendem Motor entwickelt. Der Prototyp wurde 1946 in Schwäbisch Gmünd zusammengeschraubt, die Serienproduktion erfolgte dann in der Werkzeugmaschinenfabrik Gebr. Boehringer in Göppingen. Bis 1950 wurden 600 Exemplare des neu und bis heute weiterentwickelten UNIMOG (Abkürzung für Universal-Motorgerät) gebaut. Bei Boehringer waren in der sog. UNIMOG-Halle rund 50 Mitarbeiter beschäftigt. 1951 wurde die UNIMOG-Produktion nach Gaggenau verlagert, nachdem damals die Daimler-Benz AG das Vielzweckfahrzeug, das in der Landwirtschaft, im Straßenbau und bei Post und Bahn eingesetzt werden konnte, übernommen hatte.

 

Bei Boehringer gebaute UNIMOG vor der sog. UNIMOG-Halle im Jahr 1949.

 

1946: Von der "Altenspeisung" zur "Altenehrung"

761 Männer und 1.064 Frauen aus Göppingen und den Teilorten, alle über 70 Jahre alt, kamen am 12., 13. und 14. Dezember 1955 in die neu erbaute Stadthalle, um von der Stadt empfangen zu werden: "Im Vordergrund stand das Beisammensein, die familiäre Unterhaltung, das Bewußtsein, Göppinger Bürger zu sein und von der Stadt geehrt zu werden", so war in der Lokalpresse zu lesen. Für Unterhaltung sorgten ein Schülerchor sowie eine Musikkapelle und gemeinsam sang man vorweihnachtliche Lieder. Auch für das leibliche Wohl war gesorgt: "Suppe, Bratwurst mit Salat, dazu ein Glas Rotwein, später Kaffee mit Schneckennudeln, für die Männer zwei Zigarren, für die Frauen eine Tafel Schokolade." Oberbürgermeister Dr. König betonte in seiner Ansprache, dass es für die Stadt Göppingen ein selbstverständliches Anliegen sei, die ältesten Bürger der Stadt einzuladen und ihnen zu zeigen, dass sie nach einem Leben voller Arbeit, Sorge und Freude nicht vergessen seien.

Schon seit 1946 gab es solche Veranstaltungen, die zunächst von der Arbeiterwohlfahrt als "Altenspeisung" durchgeführt worden sind. 1948 feierte man im Schulersaal, der Kantine der Fa. Schuler. Die Lebensmittel wurden von August Fröhlich gespendet, der sich als nach Amerika ausgewanderter Hohenstaufener in der Nachkriegszeit immer wieder als Wohltäter hervorgetan hat. Bis 1954 fanden die Altenehrungen dann im Dreikönigssaal statt, seit 1955 in der Stadthalle.

 

Oberbürgermeister Dr. König begrüßt die Teilnehmer der Altenehrung im Jahr 1957.

 

1947: In Göppingen öffnet ein Haus für die Jugend

Im Rahmen des Umerziehungsprogramms der Amerikaner nach Kriegsende, das vor allem die Jugend für die Demokratie gewinnen wollte, sollte in Göppingen ein Zentrum für Jugendliche geschaffen werden. Im März 1947 teilte der Gouverneur der Militärregierung in Göppingen, Oberst Allan G. Spitz, dem Gemeinderat mit, der Gasthof zum Goldenen Rad sollte in ein Haus der Jugend umgewandelt werden. Die Kosten der Umgestaltung des Gebäudes solle die Stadt tragen. Diese Entscheidung war von Bedenken und vielen Diskussionen in Bezug auf die Dreifachnutzung des Rades begleitet: zur schon bestehenden Bar für amerikanische Soldaten und dem Hotel sollte nun auch noch die Jugend Einzug in den Gebäudekomplex halten.

Am 1. Dezember konnte das Haus der Jugend eröffnet werden. An der Ausstattung waren die Amerikaner maßgeblich beteiligt. Für die damalige Zeit konnte die Einrichtung mit einem sehr reichhaltigen Angebot aufwarten. So gab es Spielräume für Tischtennis und Brettspiele, verschiedene Arbeitsräume, ein Musik- und ein Lesezimmer, verschiedene Arbeitsgemeinschaften, z. B. für Englisch und Schach, die Kinder und Jugendlichen konnten aber auch basteln, sich in Handarbeiten üben, im Orchester oder Kinderchor musizieren und vieles andere mehr.

Schon im August 1948 wurde die Einrichtung wieder geschlossen. Ein Grund waren verschiedene Erziehungsvorstellungen von Deutschen und Amerikanern. Im Mai 1949 wurde wiederum ein Haus der Jugend eröffnet, diesmal in der Schillerstraße 21, der Villa Boehringer. Die Jugendlichen waren sich diesmal nicht weitgehend selbst überlassen, sondern wurden von geschultem Personal betreut.

 

Diskussionsabend zwischen Göppinger Jugendlichen und amerikanischen Soldaten im Haus der Jugend in der Villa Boehringer, 1952.

 

1947: August Fröhlich ist sicher nur noch den älteren Einwohnern bekannt.

Nachdem er als Zwanzigjähriger Göppingen in Richtung USA verlassen hatte, arbeitete er bei seinem Onkel, der eine Metzgerei und Wurstwarenfabrik besaß. Nach drei Jahren machte er sich mit einer eigenen Wurstfabrik in Detroit selbständig. Der Kontakt in die alte Heimat riss währenddessen nie ab. So unterstützte August Fröhlich bereits nach dem Ersten Weltkrieg Bekannte mit Hilfslieferungen. Die Not in seiner alten Heimat war nach dem Zweiten Weltkrieg noch viel größer, so dass er seine Spendentätigkeit ausdehnte. Von 1947 bis 1957 brachte er waggonweise Hilfslieferungen mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten nach Göppingen und Umgebung. Er finanzierte Transport und Verpackung der von der amerikanischen Regierung gespendeten Care-Pakete und stellte privat viele Tausend Pakete zusammen.

1954 zeichnete ihn Bundespräsident Heuss als einen der ersten Amerikaner mit dem Bundesverdienstkreuz aus. August Fröhlich wurde Ehrenbürger von Hohenstaufen, noch zu Lebzeiten wurde eine Straße nach ihm benannt.

Im Alter von 82 Jahren starb August Fröhlich 1965 bei einem Besuch der alten Heimat in seinem Haus in Hohenstaufen. Er wurde in Göppingen begraben.

 

August Fröhlich in Hohenstaufen bei der Abreise nach Detroit, Aufnahme vom September 1950

 

1947: Hoover-Speisung

"Die Kinder bekommen sehr abwechslungsreiche Kost, obwohl derzeit nur Haferflocken, Mehl und Zucker in ausreichender Menge vorhanden sind. Das Speiseprogramm sieht zweimal wöchentlich Haferflockenbrei, einmal Hülsenfrüchte, einmal Nudeln mit Dörrobst, einmal Tomatennudeln und einmal Kakao vor", dies eine Beschreibung der sog. Hoover-Speisung in der NWZ des Jahres 1947.

In der Nachkriegszeit war die Lebensmittelversorgung schwierig. Besondere Notwendigkeit wurde in einer Zusatzversorgung der Kinder gesehen – die Einführung einer Schulspeisung. In Göppingen begann die vom ehemaligen US-Präsidenten Herbert Hoover ins Leben gerufene Aktion am 7. Mai 1947. Ein Teil der Lebensmittel stammte aus den Beständen der US-Armee. Für das Essen bezahlten die Eltern gestaffelt nach ihrem Einkommen ein kleines Entgelt. In Göppingen endete diese Schulspeisung im Januar 1948.

 

Hoover-Speisung an einer Göppinger Schule.

 

1947: "Keiner darf verloren gehen" – Das Christliche Jugenddorfwerk Deutschland

An über 150 Orten unterstützen 8.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschlands (CJD) jährlich mehr als 100.000 Menschen, z. B. durch die Ausbildung Jugendlicher mit Lernbeeinträchtigungen, Schulen für asthmakranke oder hochbegabte junge Menschen, Integrationsberatung für jugendliche Migranten, Werkstätten für behinderte Menschen oder Hilfe für gefährdete Jugendliche.

Der heute europaweit größte freie Träger für Jugendarbeit wurde 1947 von Pastor Arnold Dannenmann gegründet. Arnold Dannenmann wurde am 4. Januar 1907 in Faurndau geboren, studierte Theologie und Philologie, 1931 wurde er ordiniert und von der Landeskirche nach Berlin geschickt, wo er sich um die Arbeit mit Jugendlichen im CVJM kümmerte. 1945 konnte er sich als Sonderbeauftragter für die Kriegsgefangenenhilfe des Weltbundes Christlich Junger Männer (YMCA) um junge deutsche Kriegsgefangene kümmern.

Das erste Jugenddorf gründete er auf Schloss Kaltenstein bei Vaihingen. Nach dem Motto "keiner darf verloren gehen" entstanden verschiedene Einrichtungen, die sich um Jugendliche und junge Erwachsene kümmerten, die am Rande der Gesellschaft standen oder die eine besondere Fürsorge brauchten. Bis 1985 stand Arnold Dannenmann seinen Jugenddörfern als Präsident und bis zu seinem Tode 1993 als Ehrenpräsident vor.

 

Das erste Jugenddorf auf Schloss Kaltenstein.

 

1949: Erstes Bergfest nach dem Zweiten Weltkrieg

Scharenweise strömte an Himmelfahrt vor wenigen Tagen die Bevölkerung auf die Burgruine Hohenstaufen. Dort fand nach einem Vereinsprotokolleintrag vom Mai 1954 mittlerweile zum 50. Mal unter der Federführung der Musikkapelle Hohenstaufen das traditionelle Bergfest statt. Der Boden für dieses Fest wurde bereits fünf Jahre zuvor bereitet, als Bürgermeister Regler ein Bergfest mit geplantem jährlichen Turnus ins Leben rief mit dem Ziel, den Tourismus vor Ort und das Geschichtsbewusstein zu beleben.

Angesichts der finanziell schwierigen Zeiten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurde für dieses erste Bergfest am 9. Oktober 1949 ein bemerkenswert ehrgeiziges Festprogramm aufgestellt. Die Festlichkeiten begannen am Vormittag mit dem Eintreffen der schwäbischen Wandervereine anlässlich einer Sternwanderung. Nach Platzkonzerten begann am Nachmittag der historische Festzug zum Kaiserberg unter dem Motto "Der Kronschatz von Schwaben", darin eingebunden waren eine Reihe von Veranstaltungen auf dem Festplatz "Spielburg". Der Festtag klang mit einem heiteren schwäbischen Abend in der Festhalle aus. Der Zeitzeuge Rolf Bischoff, der damals als Kaiser Barbarossa auf dem Pferd reitend am Festzug teilnahm, erinnert sich, dass weit über 10.000 Personen den Weg zum Hohenstaufen gefunden hatten und bei der Bewirtung der Festgäste Rekordumsätze zu verzeichnen waren.

 

Umzug beim ersten Hohenstaufener Bergfest, vorne der ehemalige Stadtrat Rolf Bischoff als Kaiser Barbarossa zu Pferd.

 

1949: Jebenhäuser Berg wird zur Rennstrecke

Die Jebenhäuser Straße war am 3. Juli 1949 der Schauplatz einer ungewöhnlichen Sportveranstaltung – ein vom Haus der Jugend auf Anregung der Amerikaner organisiertes Seifenkistenrennen. 283 Fahrer zwischen 10 und 15 Jahren stellten sich dem Abenteuer. Der Start der etwa ein Kilometer langen Strecke befand sich am Waldrand auf dem Jebenhäuser Berg. Das Ziel war an der Kreuzung zur Jahnstraße.

Die Göppinger Teilnehmer hatten einige Tage vor dem Rennen die Möglichkeit, sich mit der Strecke vertraut zu machen, die Auswärtigen nutzten die Gelegenheit am Morgen des großen Tages. Nachdem Fahrer und Fahrzeuge abgenommen waren, konnten die Vorläufe um 10 Uhr beginnen. Gegen 18 Uhr waren die Sieger ermittelt. Rund 15.000 Besucher säumten die Strecke, um dem ersten Ereignis dieser Art in Göppingen beizuwohnen. Sogar Radio Stuttgart kam zur Veranstaltung.

Die drei Bestplatzierten qualifizierten sich für ein Rennen in Stuttgart, bei dem sie den Kreis Göppingen vertraten. Natürlich winkten ihnen auch attraktive Preise wie eine Reise, ein Fahrrad, ein Radio und eine Armbanduhr. Die übrigen Teilnehmer erhielten Trostpreise. Der Gewinner des Rennens brauchte für die Strecke 1,24 Minuten und erreichte somit eine Durchschnittsgeschwindigkeit von über 40 Kilometer pro Stunde.

 

Zahlreiche Zuschauer schenkten den schnellen Jungs in ihren tollen Rennkisten ihre Aufmerksamkeit und Bewunderung.

 

1949-55: Bau mit uns – du baust für dich!

Mit bürgerschaftlicher Solidarität gegen die Wohnungsnot

"Wir wollen zueinanderfinden, um gemeinsam den Kampf gegen die drückendste von all unseren Nöten aufzunehmen. Wir wollen dir und mir, jedem seine bescheidene Wohnung und damit sein Familienleben erhalten." Mit einer Plakatserie, die u. a. an ein "Wir-Gefühl" appellierte, versuchte die Gemeinnützige Wohnungshilfe Göppingen alle Göppinger Bürger, Firmen und Verbände zu einer Gemeinschaftsaktion zu bewegen. 1949 zählte Göppingen rund 40.000 Einwohner, 12.000 von ihnen waren Flüchtlinge, die dringend Wohnräume benötigten.

Bürgermeister Dr. Alfred Schwab stellte 1949 Pläne einer gemeinnützigen Wohnungshilfe vor. Mit Spenden und steuerfreien Bauspareinlagen, die in bar oder in Form von zusätzlichen Arbeitsstunden getätigt werden konnten, sollten die Göppinger Bürger und Firmen Kapital für den raschen Bau zweckmäßiger Wohnungen aufbringen. Beauftragte der Stadt sprachen jeden Bürger persönlich an, eine kreative Werbekampagne mit Preisausschreiben, Plakatserien, Broschüren und Zeitungsaufrufen sorgte dafür, dass die Aktion unter dem Motto "Bau mit uns - Du baust für Dich!" rasch im Bewusstsein der Göppinger verankert wurde. Fast 4.000 Göppinger beteiligten sich an der Aktion.

Und als 1953 ein vom Stuttgarter Künstler Prof. Fritz von Graevenitz geschaffenes Denkmal an der Jahnstraße, wo die ersten Wohnblöcke errichtet worden waren, enthüllt wurde, konnte Oberbürgermeister Eberhard stolz verkünden, dass die Bürgerschaft bisher über eine Million Mark aufgebracht habe, 183 Wohnungen bereits bezogen und 210 sich gerade im Bau befänden. In der gemeinnützigen, städtisch initiierten Wohnungshilfe sah der Oberbürgermeister einen "Beweis dafür, was mit kleinen Opfern des Einzelnen geschaffen werden kann, wenn viele zusammenwirken".

 

Werbeplakat für die Wohnhilfe mit OB Eberhard und seinem Aufruf an die Göppinger

 

1950: Lager für "Displaced Persons"

In zahlreichen Städten und Gemeinden, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zur amerikanischen Zone Württembergs gehörten, wurden Lager für sog. Displaced Persons eingerichtet. Zu den "DPs" gehörten unterm Nationalsozialismus und in den Kriegswirren verschleppte und internierte Personen, die jetzt heimatlos, völlig mittellos und oft traumatisiert vor sich hin vegetierten. Dies waren vor allem von den Alliierten befreite Zwangs-arbeiter und Kriegsgefangene, darunter viele Russen, Polen, Balten und Ukrainer, die zunächst aufgrund der unsicheren Situation nicht in ihre Heimatländer zurückkehren wollten. Die meisten von ihnen mussten sich abermals auf ein Leben im Lager einrichten.

Auch in Göppingen wurde im Jahr 1950 ein Barackenlager für rund 400 heimatlos gewordene Personen verschie-dener Nationalitäten, darunter vor allem aus Polen und Russland stammende Menschen, aufgebaut. Die Holz-baracken standen am Roßbach südlich der Zufahrtsstraße zum Flugplatz (dem heutigen Stauferpark). Mit der Schaffung des Lagers entstanden viele soziale Probleme, da die unter dem Nationalsozialismus verfolgten Menschen für sich jetzt die "Freiheiten" gegen die – in ihren Augen – früheren Unterdrücker nahmen.

 

Der Kreisflüchtlingsausschuss besichtigt das Göppinger DP-Lager im März 1951. In der Mitte Landrat Gustav Seebich.

 

1950er Jahre: Stars im Göppinger Staufentheater

Das Staufentheater in der Poststraße war lange Zeit ein kulturelles Zentrum der Stadt. Hier wurden nicht nur Kinofilme gezeigt, sondern auch Musikveranstaltungen durchgeführt, dies vor allem in einer Zeit, als den Göppingern ein geeigneter Saal fehlte. Die Stadthalle war noch nicht gebaut und die größeren Gasthaussäle standen damals nur den Amerikanern offen.

Drei Spiegel im Staufentheater zeugen heute noch von einer großen Zeit des Kinos und Kulturhauses. Schauspieler, Musiker und Tänzer haben sich dort mit Lippenstift verewigt. In dieser Zeit war es üblich, dass die Schauspieler verschiedene Kinos im Land noch persönlich besuchten, um Werbung für neue Filme zu machen. Die Huttenlochers, seit 1908 Kinobesitzer in Göppingen, konnten unter anderem folgende Stars begrüßen: Hans Moser, Greta Garbo, Gunther Philipp, Peter Alexander, Theo Lingen, Conny Froboess, Toni Sailer, Vico Torriani, Zarah Leander, Catharina Valente, Grete Weiser, Heinz Erhardt, die "doppelten Lottchen"-Zwillinge Isa und Jutta Günther und die Wiener Sängerknaben. Die schmale Bühne vor der Leinwand diente dem Auftritt der Künstler, auf ihr wurde getanzt und gesungen.

 

Conny Froboess erfreut im Jahr 1952 das Göppinger Publikum im Staufentheater mit dem Schlager "Pack die Badehose ein".

 

1950: Eine Göppinger Kulturwochenschau

Fünf Jahre nach Kriegsende konnten sich die Göppinger in einer kostenlosen 8-seitigen "Wochenschau" über kulturelle Veranstaltungen in der Stadt informieren. Auf dem Veranstaltungskalender der ersten Juli-Woche 1950 stand ein Handballspiel von Frisch Auf gegen Mühlheim um den 3. Platz der Deutschen Handballmeisterschaft. Im Dreikönigssaal gab die Württembergische Landesbühne den "Egmont" von Johann Wolfgang von Goethe und der Kulturkreis veranstaltete dort einen Tag später einen Tanz-Abend mit Lisa Kretschmar. Samstags und sonntags empfahl der Kalender den Besuch des neuen Heimatmuseums im "Storchen".

Im Staufen-Theater lief "Vagabunden der Liebe" mit Paula Wessely, in den Kammerlichtspielen der neue spannende Wildwestfilm "Schrecken der Prärie" und in den Palast-Lichtspielen der sensationelle Dschungelfilm "Die Braut des Maharadscha".

In der durch Werbeanzeigen finanzierten Wochenschau bot die Vesperstube "Globus" am Marktplatz kalte und warme Wurstspezialitäten an, die Barbarossa-Destillerie empfahl ihre Barbarossa-Liköre und –Schnäpse sowie süßen Beerenmost und den ersten Göppinger Apfelsaft.

 

Titelblatt der Göppinger Wochenschau

 

1950: Der schwäbische Dichter Mörike als Namenspatron

Das Mörike-Gymnasium, das in jüngster Zeit mit der Einrichtung eines Sportzugs ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten ist, hat seine historischen Wurzeln in der Frauenbildung des 19. Jahrhunderts. Das 1861 ins Leben gerufene "Härlinsche Institut", die 1880 geschaffene städtische Töchterschule und die daraus entstandene, 1883 gegründete staatliche "Höhere Töchterschule" waren wichtige Etappen auf dem Weg zu einem verbesserten Bildungsangebot für Mädchen.

Ein besonderer Markstein in der Schulgeschichte war die 1911 erfolgte Einweihung des neuen Schulgebäudes an der Mörikestraße, das von den renommiertem Architekten Scholer und Bonatz geplant worden war.1943 wurde an der mittlerweile in "Oberschule für Mädchen" bezeichneten Bildungseinrichtung über die Mittlere Reife hinausgehend erstmals das Abitur abgenommen. Die schon lange bestehende Bezeichung "Hohenstaufen-Oberschule" für die Oberschule der Jungen gab 1950 bei den Verantwortlichen den Anstoß, auch für das weibliche Pendant eine passende Benennung zu suchen. Der Bezug auf den heuer vor 200 Jahren geborenen schwäbischen Lyriker Eduard Mörike lag im Blick auf die am Schulhaus vorbeiführende Mörikestraße dabei im wahrsten Sinne des Wortes "nahe". Diese Namenswahl wurde ferner durch die Tatsache beeinflusst, dass der Schriftsteller Mörike anlässlich seines 75. Todestags im Jahre 1950 ohnehin in aller Munde war.

 

Das 1911 eingeweihte Schulhaus des Mörike-Gymnasium

 

1950: Als die Kirchtürme stumm blieben

"Gold gab ich zur Wehr - Eisen nahm ich zur Ehr". Dies war eine der eingängigen Parolen, mit denen in der Kriegszeit an den Spenderwillen des Volkes appelliert wurde. Freilich mit dem Fortgang des Krieges genügte nicht mehr das Einsammeln der edlen Metalle, Eisen und jede Form von Altwaren waren jetzt auch erwünscht. An den Sammelstellen stapelten sich Bettflaschen, Vasen, Kaffeekannen und Bowleschüsseln. An den Grabsteinen wurden metallene Buchstaben entfernt und in den Kirchtürmen die Glocken abgehängt – soweit sie nicht von ganz besonderem historischen Wert waren. Nachdem die Stadtkirche bereits 1917 im Ersten Weltkrieg ihre Glocken eingebüßt hatte, musste sie den 1920/21 beschafften Ersatz am 11. Februar 1942 abermals zum Einschmelzen abliefern.

Am 4. November 1950 fuhr vor der Stadtkirche ein festlich geschmückter Lastwagen vor, auf dessen Ladeflächen fünf Glocken standen. Deren Ankunft wurde von mehreren hundert Personen erwartet. Zwei Glocken wurden an den folgenden Tagen im Turm der Stadtkirche aufgehängt, die drei anderen waren für die Oberhofenkirche bestimmt. Ihre dritte neue Glocke, gegossen von der Firma Kurtz in Stuttgart, erhielt die Stadtkirche im Februar 1951. Sie war eine Spende der Familien Schuler, gestiftet im Andenken an den verstorbenen Kommerzienrat Louis Schuler. Ihr war ein Spruch aus Jesaia beigegeben: "Friede, Friede, denen in der Ferne und denen in der Nähe".

 

Foto: Die Ankunft der dritten Glocke für die Stadtkirche im Februar 1951.

 

1952: Die 1. Ampel in Göppingen

Nachdem mit der zunehmenden Motorisierung die Zahl der Unfälle am Marktplatz zugenommen hatte, beschloss man 1945, an dieser Stelle eine Ampel zu errichten. Am 7. April 1952 nahm sie den Betrieb auf. Da dies die erste Anlage in Göppingen war, gab die NWZ den Lesern eine "Gebrauchsanweisung" mit auf den Weg: "In Zukunft wird es sowohl für Fußgänger, als auch für Radfahrer, Motorradfahrer und Autofahrer angebracht sein, sich nach den Verkehrsampeln umzusehen, wenn sie nicht einen Unfall verursachen oder zumindest einen Strafzettel in Empfang nehmen wollen. Rotes Licht bedeutet für alle Verkehrsteilnehmer, ob Fußgänger oder Lastwagenfahrer: Halt! Erst wenn grünes Licht aufleuchtet, darf der Kraftfahrer den Marktplatz überqueren, bzw. der Fußgänger über die Straße gehen. Gelb ist als Ankündigungszeichen gedacht. Wenn z. B. das gelbe und das rote Licht gleichzeitig brennen, so bedeutet das, daß in Kürze grünes Licht aufleuchten wird, das heißt, die Fahrbahn frei wird. Gelbes Licht allein sagt dem Kraftfahrer, daß er langsam fahren muß, da im nächsten Augenblick schon das rote Haltsignal aufleuchten wird. Für Fußgänger gibt es kein gelbes Licht."

Die Ampel war in der Zeit von 7 bis 19 Uhr in Betrieb. Während der Hauptverkehrszeiten steuerte ein Polizist die Rot- und Grünphasen von Hand aus einer kleinen "Schaltzentrale" am Rathaus. In der übrigen Zeit funktionierte die Anlage automatisch.

 

Ampel und "Schaltzentrale" am Rathaus

 

1952: Göppingen erhält ein kulturelles Zentrum

Göppingen war nach dem Zweiten Weltkrieg eine der ersten Städte in Deutschland, die den Bau einer Stadthalle in Angriff nahmen. Im Jahr 1952, noch in der schwierigen Phase des wirtschaftlichen Wiederaufbaus, lobte der Göppinger Gemeinderat einen Wettbewerb für das im Grundsatz beschlossene Projekt aus. Das geplante Kulturzentrum sollte nach der Nazi-Diktatur nicht nur einen kulturellen, sondern auch einen architektonischen Neubeginn im städtischen Leben zum Ausdruck bringen.

Unter dem Vorsitz des Architekten Paul Bonatz sichtete das Gutachtergremium 64 eingegangene Entwürfe. Abweichend vom Jury-Vorschlag beauftragte der Gemeinderat die Architekten Albrecht Ebner und Hans Wolfram Theil mit der Durchführung des Bauprojekts. Baubeginn war am 2. Oktober 1953, die Einweihung erfolgte am 4. November 1955. Ebner und Theil hatten die Schauseite der Stadthalle dem Goetheplatz (heute Theodor-Heuss-Platz), der ehrwürdigen Oberhofenkirche und dem Stadtzentrum zugewandt. Das großzügig verglaste Foyer öffnete den Kulturtempel nach innen wie nach außen und stellte den eigentlichen Repräsentationsraum dar. Der Haupteingang, im traditionellen Bauen bis dahin die eigentliche Repräsentationsseite eines Kulturtempels, wurde von den Architekten funktional und unter Ausnutzung der Höhendifferenz im Gelände ganz unspektakulär an die vom Verkehr erschlossene Südseite gelegt.

 

Die neu erbaute Stadthalle im Jahr 1956. Aus der Vogelschau wird die Öffnung des Kulturzentrums mit dem Foyer zur Stadtseite besonders deutlich.

 

1955: Ein römischer Reiterhelm im Aushub

Im November 1955 fanden sich im Aushub eines Entwässerungskanals am Fuhlbach bei Faurndau Blechfragmente, die der Stadtarchivar Manfred Akermann als neuzeitlich deutete. So unterblieben weitere Untersuchungen. Doch der Leiter der Tiefbauabteilung beim Stadtbauamt, Eduard Scheer, ein versierter Sammler von Artefakten und Fossilien, leitete die Funde an das Amt für Denkmalpflege weiter. Im Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz wurden sie dann präpariert. Die Funde erwiesen sich als Teile eines prachtvollen römischen Reiterhelms aus der Zeit um 200 n. Chr. Das goldfarbene Bronzeblech des Stirnbandes ist mit eingepunzten Eichenblättern verziert und einem Adler, der auf beiden Seiten von der Siegesgöttin Victoria flankiert wird. Der Tragegriff aus Bronze besteht aus zwei stilisierten Delphinen und war mittels Splinten an der sog. Tabula ansata befestigt. Auch diese ist reich verziert mit einem eingepunzten Siegeszeichen und Darstellungen von Gefangenen. Bisher wurden nördlich der Alpen nur wenige vergleichbare Reiterhelme gefunden. Doch wie kam der Helm ins entlegene Fuhlbachtal, zwischen Faurndau und Jebenhausen gelegen? Die Römerstraße von Lorch über Köngen nach Canstatt ist zu weit entfernt. In der Nähe der Fundstelle befindet sich die Faurndauer Sauerwasserquelle, das Gebiet wurde schon vorher als "Römerbad" bezeichnet. Da könnte man schon ins Spekulieren kommen.

 

Reste des bei Faurndau gefundenen Helms eines römischen Reiters.

 

1955: Café Pflugfelder

An das legendäre Tanzlokal Café Pflugfelder in der Göppinger Poststraße erinnern sich noch viele Ältere. 1955 baute Karl Pflugfelder seine Bäckerei in ein Tanzlokal auf zwei Etagen um. Im Keller richtete er eine Weinstube und eine Bar ein.

Die Liste der Stars, die das Café gesehen hat, ist lang – Peter Maffay, Roberto Blanco, René Kollo, Zarah Leander oder Heino, um nur Einige zu nennen.

Im Pflugfelder wurde neben Livemusik auch Erotisches geboten. Sogar Beach-Partys mit Swimmingpool auf der Tanzfläche zogen die Gäste an. Um dem Ansturm der Gäste gerecht zu werden, wurde das Pflugfelder immer wieder erweitert und umgebaut und bot so für jeden etwas.

In den 1970er Jahren wollte die Stadt Vergnügungslokale aus der Innenstadt verbannen. Da passte es gut ins Konzept, dass die Schützenstraße ausgebaut werden sollte. Für den Fall hatte Karl Pflugfelder die Hälfte des Gebäudes geopfert. So schloss das legendäre "Pflugi" 1974, 1976 folgte der Abriss. Die Schützenstraße wurde bis heute nicht ausgebaut. Versuche Karl Pflugfelders, an anderen Orten der Stadt Ähnliches wieder zu eröffnen, scheiterten.

 

Das Café Pflugfelder in der Poststraße, rechts das ehemalige "Goldene Rad"

 

1955: Verbunden mit den Vertriebenen

Am 5. Mai 1955 fasste der Göppinger Gemeinderat einstimmig den Beschluss, "die Patenschaft über die sudetendeutsche Heimatlandschaft Schönhengstgau mit den Kreisstädten Landskron, Mährisch Trübau, Hohenstadt-Müglitz und Zwittau" zu übernehmen. Dies war der Startschuss zu vielfältigen Initiativen, die in den folgenden Jahrzehnten zur Integration der Neubürger und zur Verständigung und Versöhnung in Europa beigetragen haben.

1956 wurde in Göppingen die Geschäftsstelle des Schönhengster Heimatbundes eröffnet, heute befindet sie sich mit Archiv, Bibliothek und Museum im Alten Kasten. Alle zwei Jahre finden in Göppingen unter großer Beteiligung von Gästen aus dem In- und Ausland die traditionsreichen Heimattage statt.

In den Mörike-Anlagen bildet die Glocke aus Kornitz den Mittelpunkt einer Gedenkstätte an die Vertreibung. In direkter Nachbarschaft steht eine markante Freiplastik des Künstlers Ingo Glass, ein Denkmal an die Geschichte der Banater Schwaben, deren Schicksal und deren Toten.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben viele Banater Schwaben in Göppingen und im Filstal eine neue Heimat gefunden. Folgerichtig hat die Stadt Göppingen 1988 auch über die in Baden-Württemberg lebenden Banater Schwaben eine Patenschaft übernommen.

 

Schönhengster Landsleute beim Maibaum-Fällen in Jebenhausen 1952

 

1956: Hochwasserkatastrophe

Göppingen wurde in regelmäßigen Abständen von mehr oder weniger starkem Hochwasser heimgesucht. Das schwerste bekannte in der Geschichte der Stadt war im März 1956.

Nach sehr starkem Regen stieg die Fils innerhalb kürzester Zeit von 80 cm auf eine Höhe von 4,50 m an. Schaden richtete aber nicht nur das Filshochwasser an, sondern auch das gestiegene Grundwasser und zurückdrängendes Wasser aus der völlig überlasteten Kanalisation. Das Hochwasser im Jahre 1956 traf die Stadt allerdings nicht unvorbereitet. Aus schweren Hochwasserschäden des Vorjahrs hatte man die Konsequenzen für künftige Fälle gezogen und einen Alarmplan ausgearbeitet. Am 2. März hatte man für das gesamte Filstal Hochwasseralarm ausgegeben. Ein Tag später war das Gebiet zwischen Großeislinger Straße, Karlstraße und Poststraße ein einziger See. Auch für die Jahnstraße galt "Land unter". Neben Göppingen waren noch weitere Orte im Filstal von der Katastrophe betroffen. Nach einem weiteren Tag sank der Wasserstand der Fils auf 2,50 m. Die Bilanz dieses bislang schlimmsten Hochwassers in der Geschichte der Stadt waren Schäden in Millionenhöhe.

 

Das Bild zeigt die überflutete Karlstraße am 3.3.1956.

 

1956: 25 000 Motorfahrzeuge werden umbeschildert

Das waren noch ruhige Verkehrszeiten, als im ganzen Landkreis Göppingen gerade einmal 25 000 Motorfahrzeuge angemeldet waren. Heute gibt es Durchgangsstraßen, die an einem Tag von so vielen Autos verstopft werden. Dabei waren von den 25 000 Fahrzeugen gerade mal 10 000 Personenwagen.

Im ganzen Bundesgebiet mussten zum 1. Juli 1956 die Kennzeichen aller Motorfahrzeuge nach einem einheitlichen System umgeschildert werden. In Göppingen konnte die Aktion erst am 6. Juli beginnen, da es Probleme mit dem Schilderhersteller gab. An Stelle der Kennzeichenzahlen bekamen die Nummernschilder nun an erster Stelle ein "GP" als Kürzel für den Landkreis, dahinter folgte ein Buchstabe des Alphabets, wobei aus Unterscheidungsgründen die Buchstaben B, F, G, Q, J und O nicht vergeben wurden. Als Gründe für die Aktion führten die Verkehrsexperten an, dass das alte Kennzahlensystem keine Erweiterung mehr zulasse, die neuen Kennzeichen sollten auch einprägsamer sein. Das neue System bot zudem die Möglichkeit, im Landkreis Göppingen eine halbe Million Fahrzeuge übersichtlich zu beschildern. Die Umstellungsaktion zog sich zwei Jahre hin. Seither kann jeder, zum Beispiel im Urlaub schnell sehen, wo die "GP-ler" überall herumkommen.

 

Fahrzeuge mit dem alten, schwarzen Nummernschild in der Poststraße

 

1956: Jungbürgerfeier zum Eintritt in die Volljährigkeit

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Demokratie in Deutschland noch jung war, galt der politischen Bildung und Erziehung der Jugend große Aufmerksamkeit. Deshalb wollte man die Jugendlichen spätestens bei der Erlangung der Volljährigkeit, die damals mit Vollendung des 21. Lebensjahres erreicht wurde, auf ihre Verantwortung bei der Gestaltung des öffentlichen Lebens hinweisen und zum Engagement für das Gemeinwesen ermuntern. So fand in Göppingen jeweils zu Beginn des Jahres eine sog. "Jungbürgerfeier" statt, 1956 erstmals in der neuen Stadthalle. Damals erschienen von den geladenen 750 Personen 400 Jungbürgerinnen und Jungbürger. Die Ansprache hielt stets eine bedeutende Persönlichkeit des politischen Lebens, 1956 war dies Bundestagspräsident Dr. Gerstenmaier. Seine Rede beendete er mit der Aufforderung an die jungen Bürgerinnen und Bürger, den Eintritt in die staatsbürgerlichen Rechte nicht nur als formellen Übergang zu empfinden, sondern "als Ruf in einen Bund von freien Bürgern, die für Ehre und Recht, zum Wohl des Vaterlandes, sich verbinden".

Den Abschluss der Feier bildete die Aushändigung des Jungbürgerbriefs an alle Teilnehmer. Er hatte den Wortlaut: "Die Urkunde, an der Schwelle des für Sie so bedeutungsvollen Lebensabschnittes im Namen des Gemeinderats Ihrer Heimatstadt überreicht, will stets an diese hohe Verpflichtung erinnern und ruft Sie gleichzeitig zu staatsbürgerlicher Mitwirkung im öffentlichen Leben unseres Volkes auf."

 

OBM Dr. König überreicht die Jungbürger-Urkunde bei der Feier in der Stadthalle.

 

1958: Eine Schule für Mütter

Im Oktober 1958 wurde die "Mütterschule" in der Olgastraße 6, der ehemaligen Boehringer-Villa, eingeweiht. Ihre Zielsetzung bestand darin, Mädchen und junge Frauen auf ihre hauswirtschaftlichen Aufgaben und ihre Rolle als Mutter vorzubereiten. So wurden zum Beispiel Näh- und Wickelkurse angeboten.

Die Initiative zur Gründung kam aus der Evangelischen Mütterhilfe in Göppingen.

Noch 1972 konzentrierten sich die Angebote der "Mütterschule" auf die Bereiche Ehe, Heim und Familie.

1975 wurde der Name in "Haus der Familie" geändert. Dies trug einer gewandelten Realität und Konzeption Rechnung. Das breiter gewordene Kursangebot zielte nun nicht mehr nur auf junge Frauen, sondern auf die ganze Familie.

1989 bezog das "Haus der Familie" die innenstadtnähere Villa Butz in der Mörikestraße.

 

Im Wickelkurs in der "Mütterschule" lernten nicht nur zukünftige Mütter den Umgang mit dem Säugling.

 

1959: Der Eintritt Göppingens ins Hochhaus-Zeitalter

Bevor in Göppingen 1959 das erste Hochhaus eingeweiht werden konnte, mussten zwischen Schillerplatz und Bahnhof erst 54 Gebäude "totalsaniert", sprích abgebrochen werden. Dem "Tante" genannten, sechsstöckigen Hochhaus sollten weitere folgen. Ziel der Stadtplanung in den 1950/60er Jahren war es, um den alten Stadtkern "in vertikaler Verdichtung" Wohnraum zu schaffen, um so der Stadtflucht entgegen zu wirken. Das Staufen-Center war ein weiterer Baustein dazu. 1961 folgte mit dem Allianz-Hochhaus ein weiterer Schritt zum angestrebten "Großstadtgesicht" Göppingens, das mit dem Neubau der Kreissparkasse ein modernes Tor in Richtung Stadt bilden und den Bahnofsvorplatz aufwerten sollte. In einer weiteren Zone sollten auf den Anhöhen rund um Göppingen weitere Hochbauten der Stadt eine moderne Silhouette geben, das Panorama-Hochhaus an der Hohenstaufen Straße, das 1968/69 errichtet wurde, und die Klinik am Eichert, 1979 eingeweiht, gehören dazu.

Nicht alle Pläne für ein modernes Stadtbild wurden verwirklicht, die Ansichten über "Betonsilos" am Rand der Städte hat sich Ende der 1970er Jahre stark verändert.

 

Das "Tante" genannte erste Göppinger Hochhaus

 

1960: Frisch Auf gewinnt den Europapokal

Schon der Name ist ein Fingerzeig auf die Heimat: Frisch Auf heißen Vereine in Arbeiterregionen, den Namen Eintracht tragen Vereine in bürgerlichem Milieu. Als selbstständiger Verein entstand in der Fabrikstadt Göppingen der Turnclub Frisch Auf e. V. im Jahr 1896. Fürs Turnen stand dem Verein zunächst die Reithalle hinter der Speiser’schen Fabrik, von 1899 an eine eigene Turnhalle auf dem Maienwasen (dem heutigen Gelände des Städtischen Betriebshofs) zur Verfügung. In dem rasch wachsendem Verein bildeten sich vor dem Ersten Weltkrieg weitere Sektionen wie eine Damen-, Mädchen- und Knabenabteilung im Turnen, eine Wanderabteilung und auch eine Fußballabteilung. Das Handballspiel, das sich heute mit dem Namen Frisch Auf in erster Linie verbindet, wurde von 1921 an in einer eigenen Abteilung ausgeübt.

Einer der ersten Vereine, der nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Spielbetrieb wieder aufnahm, war Frisch Auf mit seiner Handballabteilung. Damals musste unter den Spielern für die Anschaffung eines Balls Geld gesammelt werden. Bereits 1946 gewannen die Frisch Auf-Handballer die Kreis- und Landesmeisterschaft. Eine besondere Verstärkung für die Mannschaft waren die aus Oberschlesien stammenden Brüder Achim, Bernhard und Gerhard Kempa, Bernhard und Achim waren auch erfolgreiche Spieler der Tischtennismannschaft. Den Vereinen kam in der Nachkriegszeit eine besonders integrierende Funktion zwischen Alt- und Neubürgern zu, sportliche Erfolge brachten Anerkennung und schufen ein Wir-Gefühl.

Die meisten Auszeichnungen errangen die Handball-Spieler in den 1950er und 1960er Jahren. Frisch Auf wurde elf Mal Deutscher Meister und zwei Mal, 1960 und 1962, Europapokalsieger. 1989 erfolgte der Abstieg in die 2. Liga, 2001 die erfolgreiche Rückkehr in die 1. Handball-Bundesliga.

 

1963: Das Schiefe Kreuz von Christkönig

Diesen Jahr jährt sich zum 41. Mal der Absturz eines amerikanischen Militärhubschraubers im Göppinger Stadtteil Reusch. Ein Jahr nach dem ersten Spatenstich für die katholische Christkönigskirche sollte eine vergoldetes Stahlkreuz von 400 kg auf dem Turm des Gotteshauses befestigt werden. Dieses Schauspiel zog Hunderte von Schaulustigen an.

Auf Bitte der Bauleitung übernahm eine Hubschrauber-Besatzung der damals in Göppingen stationierten 4. US-Panzerdivision den Transport vom Hersteller des Kreuzes in Donzdorf auf das Dach des Kirchturmes. Das Kreuz war schon am Kampanile befestigt, als eine Windböe den Hubschrauber erfasste. Da noch ein Halteseil die Maschine mit dem Kreuz verband, hatte der Pilot keine Möglichkeit, dieser Bewegung entgegenzusteuern. Das Kreuz bog um, der Hubschrauber kippte vornüber ab und schlug unter einem Aufschrei der Menschenmenge im noch offenen Kirchenraum auf. Die drei Besatzungsmitglieder wurden sofort aus den Trümmern der Maschine geborgen. Der Pilot Captain Samuel D. Delozier war so schwer verletzt, dass er nicht mehr ins Militärhospital nach Bad Cannstatt geflogen werden konnte, er starb kurz nach der Einlieferung im Göppinger Kreiskrankenhaus. Feldwebel Johnny M. Rogers verstarb nur wenige Stunden später in Bad Cannstatt. Der technische Offizier Donald Fentres erlitt wie durch ein Wunder nur einen Beinbruch und zahlreiche Schnittverletzungen.

Heute erinnern das schiefe Kreuz und eine bronzene Gedenktafel am Turm an dieses Unglück.

 

Der Hubschrauber stürzt in den Kirchenraum.

 

1963: Ein neues Stadtbad wird eröffnet

Nach der Eröffnung der Stadthalle im Jahr 1955 beschloss der Göppinger Gemeinderat ein Jahr später die Realisierung eines weiteren großen Bauprojekts: die Errichtung eines neuen Stadtbades. Das alte an der Poststraße war aus hygienischer Sicht unzulänglich, baulich in schlechtem Zustand und auch zu klein.

Aus dem Architektenwettbewerb gingen Wilhelm und Gerhard Keller (Vater und Sohn) aus Süßen als Sieger hervor. Nach ihren Plänen entstand auf dem Gelände der ehemaligen Lehmgrube der Baumann’schen Ziegelei ein modernes Bauwerk. Die Schwimmhalle öffnete sich mit einer wandhohen Verglasung zum grünen Umfeld und ließ Licht und Sonne in das Bad.

Die Freizeiteinrichtung war für die badefreudige Bevölkerung, aber auch für den Schul- und Vereinsschwimmsport und für Schwimmwettkämpfe ausgelegt. Das Sportbecken verfügte mit 25 m Länge über zwei Sprungtürme, daneben lag das Lehrschwimmbecken. Zur Anlage gehörte aber auch ein großzügiger Trakt mit medizinischen Bädern, römisch-irischem Bad und Sauna sowie 23 Wannen- und

16 Brausebäder für die Körperhygiene – damals hatte noch längst nicht jede Wohnung eine Badewanne oder eine Dusche. Zu den kundenfreundlichen Serviceeinrichtungen gehörten die Milchbar und der Friseursalon im Eingangsbereich.

Am 12. Juli 1963 wurde Göppingens neues Stadtbad eingeweiht. Die festliche Stimmung überlagerten kritische Stimmen, welche die Kostensteigerungen und überhaupt die hohen Baukosten monierten.

Von der Göppinger Bevölkerung wurde das Bad sofort angenommen. Zum Ende des Jahres 1963 zählte man nach fünfmonatiger Betriebszeit bereits über 215.000 Besucher. Das alte Hallenbad wurde 1968 abgerissen.

 

Das neu eröffnete Stadtbad

 

1964: Eine neue Visitenkarte für Göppingen – Der Bahnhof

Der heutige Göppinger Bahnhof begrüßt seit Mai 1964 die Reisenden in Göppingen. Der 5,2 Millionen DM teure Bau löste nach vierjähriger Bauzeit den 1847 errichteten und 1894 erweiterten Bahnhof ab. Der alte Bau war bei 30.000 Reisenden täglich aus allen Nähten geplatzt und musste einem Neubau weichen. "Der alte Bahnhof war keine Visitenkarte mehr für die Kreisstadt Göppingen", "Ein eleganter, moderner Bau aus Stahl, Beton und Glas ... lässt kein Heimweh nach dem 113 Jahre alten steinernen Bahnhofsgebäude aufkommen" – so lauteten Stimmen in der NWZ anlässlich der Eröffnung.

Das neue Bahnhofsgebäude war mit 100 Metern doppelt so lang wie das alte. Das Prunkstück des Neubaus war die 40 Meter lange Empfangshalle, die sich zur Stadt hin mit einer großen Glasfront öffnet. Den Reisenden stand nun eine Gaststätte, ein Kiosk und eine Gepäckaufbewahrung zur Verfügung. Sogar ein Wannenbad und zwei Brausebäder konnten genutzt werden. Sieben Künstler halfen bei der Ausgestaltung des neuen Einfalltores nach Göppingen mit. Am augenscheinlichsten ist noch heute die vom Hohenstaufener Künstlerehepaar Hermann und Sybille Schwahn geschaffene Klinkerwand in der Empfangshalle, die das alte Göppingen zeigt.

 

Der neue Bahnhof im Jahr 1964.

 

1964: Ursenwang: Wohngebiet ohne Kamine

Nachdem die dringendsten Wohnungsprobleme der Nachkriegszeit überwunden waren, plante die Stadt Göppingen Anfang der 1960er Jahre sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt in Ursenwang ein familiengerechtes Wohngebiet, das auch eine verbesserte Möglichkeit zum Erwerb von Wohneigentum bot.

Fünf Bauträger, darunter die städtische Wohnbau GmbH, errichteten in zwei Jahren rund 700 Wohneinheiten, Einfamilien-, Reihenhäuser und Mietwohnungen. Die Ursenwang-Siedlung wurde in das Demonstrativ-Wohnungsprogramm des Bundeswohnungsministeriums aufgenommen. Eine Voraussetzung hierfür war die Errichtung eines zentralen Fernheizwerkes, das die Stadt 1,8 Millionen Mark gekostet hatte. Es wurde am 9. Juni 1964 in Betrieb genommen und verpachtet. Heute betreiben die Stadtwerke das Heizwerk. 1963 war in Ursenwang das erste private Wohnhaus errichtet worden, Ende 1964 lebten bereits über 600 Menschen im neuen Wohngebiet, heute sind es über 2000.

 

Das Ladenzentrum mit Wohnungen in Ursenwang wurde von der Stuttgarter Zusatzversorgungskasse 1964 errichtet.

 

1965: Expedition zum Hindukusch

Ist heute vom Hindukusch die Rede, dann wird meist von kriegerischen Handlungen und von Bundeswehreinheiten, die dort für die Sicherheit Europas stationiert sind, berichtet. Vor 40 Jahren war die Hochgebirgsregion im Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan dagegen ein reizvolles Ziel für Expeditionen, deren Teilnehmer, angetrieben vom Forschergeist und auch einer Portion Abenteuerlust, Neues entdecken wollten. Am 2. Juni 1965 verabschiedete Oberbürgermeister Dr. Herbert König in Göppingen eine fünfköpfige Gruppe, die sich mit zwei VW-Bussen auf den weiten Weg zum Hindukusch machte. Nach siebenwöchiger Fahrt traf die Expedition in Kabul ein, von dort ging es nach zwei Wochen Aufenthalt weiter ins Gebirge, jetzt unterstützt von Trägern, Packpferden und Eseln. Der Höhepunkt unter den vom Basislager aus unternommenen Bergtouren war die Erstbesteigung des Kok-i Tundy Shagai Sha. Am 26. Juli 1965 fotografierten sich die Bergsteiger Groß, Hiller und Keierleber mit einer Göppinger Stadtfahne auf seinem Gipfel.

Neben der Bergsteigerei interessierten sich die Expeditionsteilnehmer für die Botanik, Geografie und natürlich die Menschen der fremden und damals kaum erforschten Gegend. Damit standen sie in der Tradition der Naturfreundebewegung, die - aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen - in Göppingen vor dem Ersten Weltkrieg eine Ortsgruppe gegründet hatte. Im Verein schlossen sich Bergfreunde 1953 zu einer Arbeitsgemeinschaft Klettern und Bergsteigen zusammen. Als Übungsfeld für die Lehrgänge dienten Felsen der Alb und der Alpen. Zu den großen Unternehmungen der Naturfreunde-Bergsteigergruppe zählten neben der ersten großen sog. "Kundfahrt" zum Hindukusch die nachfolgenden Expeditionen nach Spitzbergen, Afrika, Südamerika und 1985 zum Himalaya.

 

Am 2. Juni 1965 verabschiedete OBM Dr. König vor der Stadthalle die 5 Teilnehmer der Hindukusch-Expedition. Der Globus war ein Geschenk für eine Schule in Kabul.

 

1965: Ein Kulturpreis wird geschaffen und nach Heinrich Schickhardt benannt

Als die Stadthalle 1965 ihr zehnjähriges Jubiläum feierte, verhalf der stolze Blick auf das blühende Kulturzentrum einer schon lange verfolgten Idee zum Durchbruch: Ein Kulturpreis sollte geschaffen werden, um Persönlichkeiten auszeichnen und würdigen zu können, die dem örtlichen Kulturleben Rang und Gepräge geben und aus dem vielseitigen städtischen Kulturschaffen mit ihren Leistungen herausragen. Der Gemeinderat fasste den Beschluss, einen solchen Kulturpreis zu schaffen und ihm den Namen Heinrich-Schickhardt-Preis zu geben. Auf diese Weise sollte das Andenken an den bedeutenden württembergischen Baumeister Heinrich Schickhardt bewahrt werden, der im beginnenden 17. Jahrhundert in Göppingen mit der Erbauung der Stadtkirche, dem grundlegenden Umbau der Badherberge und dem Bau der ersten Filsbrücke wichtige städtebauliche Akzente gesetzt hatte. Außerdem wurde festgelegt, mit der Verleihung des Heinrich-Schickhardt-Preises die Übergabe eines kunsthandwerklich gearbeiteten silbernen Bechers an den Preisträger zu verbinden. Damit knüpfte man an die Begebenheit an, dass die Göppinger zwei Mal Schickhardt einen silbernen Becher geschenkt hatten als Ausdruck ihrer Zufriedenheit über seine Leistungen.

Der Heinrich-Schickhardt-Becher wurde im Rahmen eines Wettbewerbs unter Studierenden an der Staatlichen Werkkunstschule in Schwäbisch Gmünd kreiert. Im Jahr 2000 wurde die Verleihung des Silberbechers durch die Übergabe eines Geldpreises ersetzt.

Als Erster wurde 1965 der Kunstmaler Helmut Baumann mit dem Heinrich-Schickhardt-Preis geehrt. Bis heute ist der Kulturpreis 13 Mal verliehen worden.

 

Der Künstler Helmut Baumann erhält den Heinrich-Schickhardt-Preis am 30. Oktober 1965.

 

1967: Die Hohenstaufenhalle wird eingeweiht

Nach der Stadthalle und dem Stadtbad wurde im Dezember 1967 nach dreijähriger Bauzeit der dritte große, in städtischer Regie entstandene Neubau der Nachkriegszeit in Göppingen eingeweiht. Architekt der 7,2 Millionen Mark teuren Halle an der Ecke Nordring/Lorcher Straße war Bernhard Winkler, der Drittplatzierte beim zuvor ausgelobten Wettbewerb. Die 28 eingereichten Entwürfe fanden beim Gemeinderat zunächst noch keinen Gefallen. Nach einer Überarbeitungsphase sagte Winklers Entwurf dem Gemeinderat schließlich am besten zu.

Der 12 Meter hohe und 60 mal 60 Meter lange und breite Stahlbetonbau fasst rund 3 000 Zuschauer bei Spielbetrieb und 4 200 bei Mitbestuhlung des Spielfeldes. Die Hohenstaufenhalle war als Mehrzweckgebäude angelegt, sollte vorrangig sportlich genutzt werden, aber auch gelegentlichen Ausstellungen und Messen dienen. Von Frisch Auf wurde die neue Halle besonders begrüßt. Der Verein hatte vorher noch keine eigene Halle, so dass die Heimspiele bis dahin außerhalb Göppingens stattfinden mussten. Mit seinen sportlichen Erfolgen hatte der Verein selbst die nachhaltigsten Argumente für den Neubau einer großen Sporthalle geliefert.

 

Die Hohenstaufenhalle im Jahr 1967.

 

1971: Göppingens Partner in Europa

Der Abschluss von Städtepartnerschaften war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Mittel zur gegenseitigen Begegnung von Menschen unterschiedlicher Völker und zur Stärkung des gegenseitigen Verstehens. Der Abbau von Vorurteilen über Andere sollte zur Sicherung des Friedens beitragen. Hierbei kam den Gemeinden und Städten eine wichtige Aufgabe zu. So hielt auch Göppingen zu Beginn der 1970er Jahren nach Partnern in Europa Ausschau.

Die Wahl fiel auf Foggia und Klosterneuburg. 1971 beschloss der Gemeinderat die Aufnahme einer Städtepartnerschaft mit der italienischen und österreichischen Stadt. Als im Sommer 1971 eine Gemeinderatsdelegation unter Leitung von Oberbürgermeister Dr. Herbert König nach Foggia zur Besiegelung der Partnerschaftsurkunde reiste, befand sich eine Erdscholle vom Hohenstaufen in ihrem Reisegepäck. Mit diesem Gastgeschenk wollten die Göppinger auf die historischen Gemeinsamkeiten beider Städte in staufischer Zeit hinweisen, in der Kaiser Friedrich II. seine Lieblingsresidenz in Foggia hatte.

Im November desselben Jahres wurde dann die Partnerschaft mit der Babenbergerstadt Klosterneuburg bei Wien geschlossen. Für das Zusammenkommen dieser Städte war die jüngere Vergangenheit ausschlaggebend: Beide sind Paten der Vertriebenen aus dem Schönhengstgau.

Fast zwanzig Jahre gingen ins Land, bis eine dritte Städtepartnerschaft geschlossen wurde: Nach dem Mauerfall konnten Göppingen und Sonneberg, zwei Zentren der Spielwarenherstellung, zusammenfinden, nachdem die ersten Bemühungen Göppingens auf Austausch in einer Zeit, in der es noch zwei deutsche Staaten gab, erfolglos geblieben waren. Die Partnerschaft Göppingen–Sonneberg wurde 1990 in der Amtszeit von Oberbürgermeister Hans Haller besiegelt. Die vierte Städtepartnerschaft wurde mit der französischen Stadt Pessac auf den Weg gebracht. Im Rathaus von Pessac unterzeichneten Oberbürgermeister Reinhard Frank und sein Kollege Alain Roussel im Juni 2000 die Partnerschaftsurkunde.

 

OBM Dr. König unterzeichnet 1971 die Partnerschaftsurkunde in Foggia mit Sindaco Salvatori

 

1975: Wasserturm Eichert 

Mit der Erschließung neuer Baugebiete musste auch die Wasserversorgung ausgebaut werden. 1973 nahm die Landeswasserversorgung von Salach bis zum Endbehälter "Schopflenberg" die Zubringerleitung "Göppingen-Süd" in Betrieb. Aus dieser Leitung sollte auch der Wasserturm am Eichert, der das neue Kreiskrankenhaus und das "Bergfeld" versorgen sollte, gespeist werden.

Da das Krankenhaus eine Druckhöhe von 448 m N.N. erforderte, musste ein 52 Meter hoher Turm errichtet werden. Der Turmbehälter in Form eines Kegelstumpfes fasst 500 cbm Wasser, er hat einen Durchmesser von 28 Meter und eine Wasserstandshöhe von 3 Meter.

Die Bemessung des Behälterinhaltes ist auf den maximalen Tagesverbrauch des Versorgungsgebietes ausgelegt. Nach 16-monatiger Bauzeit konnte das als technisch und gestalterisch gelungen bezeichnete Bauwerk am 21. Oktober 1975 in Betrieb genommen werden.

Heute ist der Turm vom Eichertwald fast verdeckt, und von der Stadt aus ist nur noch der Wasserbehälter sichtbar.

 

1975: Aus Müll wird Energie

Der Kreis Göppingen war der erste Landkreis in Baden-Württemberg, der die Müllentsorgung mit einem Müllheizkraftwerk löste. Im Kreis gibt es kaum Plätze, an denen der Untergrund es erlaubt, ohne Gefährdung des Grundwassers Müll abzulagern. So standen weitere Deponien damals nicht zur Disposition. Im 1957 in Betrieb genommenen Müllheizkraftwerk an der Heininger Straße in Göppingen wird nicht nur Haus- und Sperrmüll sowie Industrie- und Gewerbeabfälle und Klärschlamm verbrannt. Das Krankenhaus, die Bereitschaftspolizei und einige Wohngebiete werden mit der beim Verbrennungsvorgang entstehenden Wärme versorgt.

Zusätzlich wird die nicht genutzte Wärme in Elektrizität umgewandelt. Die Baukosten für die Anlage betrugen 52 Millionen Mark. Die Anlage nimmt den Müll des Kreises Göppingen sowie aus Teilen des Kreises Esslingen auf, das sind im Jahr etwa 120.000 Tonnen Müll. Das Müllheizkraftwerk ist rund um die Uhr in Betrieb.

Heute gehört die Anlage zum E.ON Konzern.

 

1976: Der Mühlkanal verschwindet aus dem Stadtbild

"Ein Stück Alt-Göppingen wird zugeschüttet. Der Mühlkanal entlang der Nordverbindung nach Eislingen", so titelte die NWZ am 17.10.1979.

Über Jahrhunderte prägte der Mühlkanal oder die "Mühlfils", wie in der ältesten urkundlichen Erwähnung von 1584 zu lesen ist, das Stadtbild und das Leben in der Stadt.

Der 3 km lange künstliche Wasserlauf, der bei der Einmündung des Roßbaches von der Fils abzweigte und beim heutigen Holzsteg über die Fils unterhalb des Schlachthofs wieder einmündete, war die wichtigste Energiequelle für viele Gewerbe. Sie trieb neben Getreide-, Walk- und Sägemühlen auch Hammer- und Stampfwerke für unterschiedliche Handwerker an. Im 19. Jahrhundert war diese Wasserkraft die Keimzelle der Industrialisierung. Danach verlor der Mühlkanal an Bedeutung, er war der Infrastruktur einer modernen Industriestadt "im Wege". Mehr und mehr wurde der Kanal überbaut, die Wasserräder und Turbinen abmontiert, das alte Gerberviertel verschwand, die Industriebetriebe in der Bleichstraße und auf dem heutigen Speisergelände wurden abgerissen und die Wasserentnahme- und Triebwerksrechte den sechs Anliegerfirmen abgegolten. Heute muss man schon genau hinschauen, um noch Spuren der einstmals wichtigen Lebensader der Stadt zu entdecken.

 

1981: Die Höhle Nr. 7224/13 K

Spielende Kinder entdeckten im Sommer 1981 auf Gemarkung Bartenbach eine Höhle. Das rief bei den Experten zunächst einmal großes Erstaunen hervor, da Höhlen ansonsten bei uns nur von der Alb bekannt sind. Dort entstanden durch die Lösung von Kalk z. T. große Karsthöhlen, oft mit schöner Tropfsteinbildung. Im Landkreis Göppingen sind dies zum Beispiel das Mordloch oder die Kahlenstein-Höhle. Doch hier in Bartenbach war die rund 20 Meter lange und konstant 3 Meter hohe Höhle in Gesteinen des oberen Schwarzen Juras angelegt, dessen Kalkgehalt so gering ist, dass keine Karsterscheinungen entstehen können. Der Geislinger Geologe Dr. Groschopff vermutete, dass entlang einer dort häufig vorkommenden Gesteinsverschiebung Wasser in den Untergrund gedrungen sei und die Höhle ausgewaschen habe.

Die Lösung des Problems fanden Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst. Sie konnten zweifelsfrei klären, dass die "Höhle" künstlich als sog. Kanat angelegt worden ist. Der künstliche Stollen diente als Wasserfassung, er konzentrierte die diffuse Wasserführung im geklüfteten Gestein. Eine Anlage als Erzstollen konnten die Forscher auch ausschließen, da Gesteinsproben kein Erz enthielten. Obwohl von Menschenhand geschaffen, wurde die "Bartenbacher Höhle" unter der Nr. 7224/13 K in das süddeutsche Höhlenkataster aufgenommen.

 

Blick in die Bartenbacher Höhle, fotografiert von Wolfgang Morlock.

 

1981: Der Bürgerverein: das ehrenamtliche Engagement früh entdeckt

Die Förderung ehrenamtlichen bürgerschaftlichen Engagements steht in Zeiten knapper öffentlicher Kassen hoch im Kurs. Lange bevor die Landesregierung hierzu die Stelle eines Beauftragten schuf und die Kommunen derartige Initiativen gezielt förderten und ihre Arbeit öffentlich würdigten, begab sich der "Bürgerverein Göppingen" auf diesen Weg.

1981 entstand der Bürgerverein als Aktion Göppinger Bürger zur Rettung eines historischen Hauses. Folgerichtig engagierte sich der Verein für die Erhaltung des historischen Göppinger Stadtbildes, für die Vermehrung des Grüns in der Stadt oder für die Neugestaltung der Stadteingänge. Die Anstöße und Erfolge der im Verein gebündelten bürgerschaftlichen Aktionen sind bis heute im Stadtbild erlebbar. Dazu zählen beispielsweise die Initiativen zur Schaffung eines Stadtplatzes am Storchen. Eine erfolgreiche Spendenaktion führte zur Aufstellung des Storchen-Brunnens. Die Erhaltung und denkmalgerechte Renovierung der Häuser Pfarrstraße 33 – ehemaliger Betsaal der jüdischen Gemeinde – und der Häuser Nr. 1 und 5 in der Schlossstraße sind der Initiative des Bürgervereins zu verdanken. Die Geschichte dieser Häuser wurde in der vom Verein herausgegebenen Veröffentlichung "Göppinger Hausgeschichten" dokumentiert. Im Haus Schlossstraße 5 wohnte 1912, wie Walter Keller recherchierte, der sozialistisch gesinnte Intellektuelle Karl Radek, ein Weggefährte Wladimir I. Lenins bei der Entfachung der Russischen Revolution.

Die breiteste Aufmerksamkeit erfuhr vermutlich die Aktion "Danksagung" zur 200-jährigen Wiederkehr des Göppinger Stadtbrandes. 1982 reiste eine Delegation des Bürgervereins in 19 Städte und Gemeinden – am weitesten entfernt lag Zürich –, um der dortigen Bürgerschaft mit der Überbringung von Brot und Sauerwasser zu danken, nachdem diese Städte 1782 die notleidende Göppinger Bürgerschaft – bevor ein Befehl des Herzogs dies verlangte – mit Korn, Brot und Geld unterstützt hatten.

 

Den Storchen-Brunnen machte der Bürgerverein 1985 der Bürgerschaft zum Geschenk.

 

1983: Die erste Armenisch-Apostolische Kirche in Deutschland

Nach dem Neubau einer Kirche wurde 1974 im Stadtbezirk Bartenbach die alte 1651 erbaute Evangelische Dorfkirche geräumt und aus dem Landesverzeichnis der Baudenkmale gelöscht. Neun Jahre suchte die Kirchengemeinde einen Mieter, ehe sie ihn 1983 in der Armenischen Gemeinde Göppingens, die seit 1976 als Verein existierte, fand. Die 32 damals im Landkreis Göppingen lebenden armenischen Familien, die alle aus der Türkei stammten, wollten sich einen festen Ort für ihre Gottesdienste schaffen. In rund 3.000 Arbeitsstunden renovierten sie die Kirche und bauten sie für ihre Zwecke aus. Am 9. Oktober 1983 konnte die Armenische Apostolische Kirche Göppingen-Bartenbach als erste ihrer Art in Deutschland mit einem auch von den Bartenbachern besuchten Festgottesdienst eingeweiht werden. Seither feiern dort armenische Christen aus ganz Süddeutschland ihre sonntäglichen Gottesdienste. Einen Höhepunkt im Gemeindeleben stellte 1998 der Besuch des Oberhauptes der armenischen Kirche, Karekin I., dar, der in der kleinen Kirche bei seinem Deutschlandbesuch einen Gottesdienst zelebrierte.

 

Innenansicht der armenischen Kirche mit Altar

 

1984: Abschied vom "Josefle"

Vor 20 Jahren erhitzte eine Entscheidung der Deutschen Bundesbahn die Gemüter im Fils- und Remstal: die Stilllegung der unrentablen Bahnstrecke zwischen Göppingen und Schwäbisch Gmünd. 72 Jahre nach der Eröff-nung der Gesamtstrecke im Jahre 1912 sollte der letzte Zug fahren. Mehrere hundert Fahrgäste nutzten die letzte Möglichkeit, die Strecke mit dem liebevoll "Josefle" genannten Bähnle zu befahren. Die Bahn hatte zu diesem Ereignis einige Wagen mehr auf die Reise geschickt, riet aber dennoch, sich rechtzeitig einen Platz zu sichern.

Tausende von winkenden Menschen mit weißen Bändern und schwarzen Fahnen begleiteten die Abschiedsfahrt. Auf nahezu jeder Station der landschaftlich sehr reizvollen Strecke wurde Abschied gefeiert. Eine Gruppe Eisen-bahner stieg bei jedem Halt aus und trug einen Sarg mit Schienenbusmodell unter Musik und Gesang ums Bahn-hofsgelände. Der Zug, der von Göppingen nach Schwäbisch Gmünd und zurück fuhr, wurde um 14:30 Uhr in der Stadt an der Fils erwartet. Mit anderthalbstündiger Verspätung fuhr er auf dem Bahnhof ein.

Nachdem verschiedene Vorschläge für eine weitere Nutzung der Trasse heftig diskutiert worden waren, ent-stand nach dem Abbau der Gleise ein Radweg.

 

1955 waren noch Dampflokomotiven im Einsatz. Sie wurden durch rote Schienenbusse ersetzt, die bis um Schluss im Einsatz waren.

 

1996: Der Stauferpark – eine Zukunftsaufgabe

Als die US-Streitkräfte 1991 die Aufgabe ihres Standortes in Göppingen einleiteten, gingen die "Housing Area" und die "Cooke Barracks" in das Eigentum der Bundesrepublik Deutschland über. Zunächst gelang es in Verhandlungen, die Wohnanlagen durch die Wohnbau GmbH anzumieten. Der Kaufvertrag konnte Ende 1994 abgeschlossen werden. Den Häusern wurde mit ansprechenden Umbaumaßnahmen die "Uniform" ausgezogen und ein individuelles Aussehen verliehen. Das zunächst "Bürgerhölzle" genannte Gebiet entwickelte sich für rund 1000 Einwohner zu einem modernen Wohngebiet mit Schule.

Das ehemalige Flugplatz- und Militärgelände konnte die Stadt schließlich 1996 erwerben. Das 128 Hektar große Gelände wechselte für nur 8,2 Mio. Mark den Besitzer, nachdem die Stadt Wieder- und Rückkaufsrechte geltend machen konnte, die Bürgermeister Dr. Alfred Schwab weitsichtig 1965 der Stadt von der Bundesrepublik hatte bestätigen lassen, als letztere Eigentümerin des Geländes wurde.

Eine wichtige Weichenstellung für die weiteren Planungen im ehemaligen Militärstandort war der Entschluss, den Flughafen nicht wieder aufleben zu lassen bzw. für moderne Anforderungen weiter auszubauen. Zunächst nutzten Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe die alten Fahrzeughallen. Für die Entwicklung des neuen Stadtteils Stauferpark galt die Leitlinie, dort die Lebensbereiche Wohnen, Arbeiten und Freizeit eng miteinander zu verbinden. Auch der an der Hohenstaufenhalle angesiedelte Messeplatz sollte in den Stauferpark verlegt werden, 2004 erfolgte hierzu der Baubeginn.

Zur Bekanntheit des Stauferparks trugen vor allem die dort vom SWR produzierte Kindersendung Tigerenten-Club und das Talkmagazin "Thema M ... wie Menschen" bei. Zu den markantesten Gebäuden, die an die ehemals militärische Nutzung des Geländes auch in Zukunft noch erinnern werden, gehören die große, sanierungsbedürftige Werfthalle und die Chapel, beides neue Veranstaltungsorte für Kunst und Kultur.

 

Für die Chapel, heute ein Kunst- und Kulturzentrum im Stauferpark, erfolgte 1952 der Spatenstich.

 

1988: Göppingen wird Hochschulstadt

Seit 1988 ist Göppingen Hochschulstadt. Mit der Außenstelle der Fachhochschule für Technik Esslingen wurde eine überregionale und zukunftsorientierte Bildungseinrichtung im Filstal gegründet. Die Ingenieur- und Techni-kerschmiede gehört heute zu den wichtigen Standortfaktoren Göppingens. Die langjährigen Bemühungen der Stadtverwaltung, des Gemeinderats und der Abgeordneten des Landkreises um Ansiedlung einer Hochschule hatten sich gelohnt.

Zum Gelingen des Projekts erbrachte die Stadt eine Vielzahl von Vorleistungen. Sie erwarb zwei ehemalige Industriegebäude und baute diese in mehreren Schritten für die Bedürfnisse der Hochschule um. Dabei wurde sie vom Landkreis, von der Industrie und dem Förderkreis Verein der Freunde der Fachhochschule für Technik Esslingen kräftig unterstützt.

Am 14. März 1988 wurde mit der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts die Fachhochschule für Technik – Außenstelle Esslingen vom damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth eingeweiht. Im Sommersemester selbigen Jahres begann mit dem Studiengang Maschinenbau/Fertigungssysteme der Unterricht. Weitere Studiengänge sind mit den Jahren dazugekommen: Mikroelektronik/Mikromechanik, Mechatronik, Automatisierungstechnik, Mikrosystemtechnik, Wirtschaftsinformatik. 2002 konnte das neue Fachhochschulgebäude eingeweiht werden.

 

Rektor Prof. Dr. Birkle, Ministerpräsident Lothar Späth, Oberbürgermeister Hans Haller und Direktor Kübler (von rechts) bei der Eröffnung der Fachhochschule am 14. 3. 1988.

 

1992: Goodbye Göppingen – Abzug der Amerikaner

Nach 47 Jahren wurde 1992 der Göppinger US-Standort offiziell geschlossen, damit auch der seit 1930 bestehende Flugplatz. Oberstleutnant Jon Goodman übergab als letzter US-Kommandeur das Gelände an die Bundesvermögensverwaltung. Die "Cooke Barracks" waren aufgegeben. Das Ende des Kalten Krieges machte die Anwesenheit von Tausenden von US-Soldaten in Deutschland nicht mehr sinnvoll. Die in Göppingen stationierte 1. US-Infanterie-Division "Forward" gehörte zu den ersten aus Deutschland abziehenden amerikanischen Truppen. Sie kehrte schon 1991 in ihre Heimat zurück.

Seit 1945 waren etwa 80.000 amerikanische Soldaten in Göppingen stationiert. Zusammen mit Angehörigen und anderen Zivilisten beherbergten die "Cooke Barracks" durchschnittlich etwa 3.000 Amerikaner.

Für die deutschen Zivilangestellten bedeutete die Aufgabe des Truppenstandortes den Verlust ihrer Arbeitsplätze. Der Göppinger Einzelhandel verlor Kunden. Dagegen wurden auf dem ehemaligen Militärgelände Flächen und Räume für Gewerbe frei sowie Wohnraum, der dringend benötigt wurde.

 

Oberbürgermeister Hans Haller verabschiedet am 8. März 1991 die 1st Infantry Division "Forward" der US-Streitkräfte auf dem Flugplatz.

 

1994: Naturschutzgebiet Spielburg – Vielfalt durch Bergsturz

31,2 ha groß ist das einzige Naturschutzgebiet der Stadt Göppingen rund um die Spielburg am Fuße des Hohenstaufens. Das Regierungspräsidium hat in einer Verordnung 1994 die vielfältigen, ökologisch wertvollen und vernetzten Biotoptypen, wie z. B. Kalkmagerrasen, Felsen, Schuttfacies, Magerrasen, Felsgehölze, Hecken, Feuchtgebiete, Laubwald, Blockhalden und Streuobstwiesen unter Schutz gestellt. Aus der Biotopvielfalt resultiert eine Vielfalt an Tieren und Pflanzen. Über 320 Pflanzenarten, darunter 14 Rote-Listen-Arten, 65 Vogelarten, darunter Neuntöter, Grasmücken und Spechte, 87 Schmetterlingsarten sowie Reptilien wie Schling- und Ringelnatter wurden beispielsweise nachgewiesen.

Die Biotopvielfalt auf kleinem Raum rührt von einem Bergsturz, der zu Beginn der Eiszeit, vor ca. 2 Millionen Jahren, vom damals noch höheren Hohenstaufen mit großem Getöse abgegangen ist. Die Kalkfelsen der Spielburg und Weißjurablockschutt sind beredte Zeugen dieses Ereignisses. Doch ohne das Zutun des Menschen wäre das Gebiet heute von einem Buchenmischwald bestanden. Durch extensive Nutzung ist eine Kulturlandschaft entstanden, die auch heute einer ständigen Pflege bedarf. Gefährdet wird das Naturschutzgebiet auch durch uneinsichtige Besucher und "Nutzer", denen Naturschutzbelange gleichgültig sind.

 

Als die Spielburg noch nicht geschützt war: Die Bildpostkarte von 1906 zeigt den pittoresken Felsen als gern gewählten Aussichtspunkt.

 

2002: Ein Geschichts-Zeichen für die Staufer

Im Sommer 2002, zum 750. Geburtstag des Stauferherzogs Konradins und zum 50-jährigen Bestehen des Landes Baden-Württemberg, wurde auf dem Hohenstaufen eine achteckige Stele enthüllt, deren Inschriften an die staufischen Herrscher und an den Ausgangspunkt der staufischen Herrschaft erinnert. Die Stele in Schwaben, gefertigt aus apulischem Marmor, steht in gedanklicher Beziehung zu der gleich gestalteten Stele aus schwäbischem Travertin auf Castel Fiorentino in Apulien, dem Sterbeort Kaiser Friedrichs II. Beide Stelen erinnern an die europäische Dimension des Stauferreiches. Die Herausbildung der Nationalstaaten, wie wir sie heute in Europa kennen, erfolgte erst später.

Die Einrichtung eines Geschichts-Zeichens auf dem Hohenstaufen wurde erstmals vor 200 Jahren ins Gespräch gebracht. Damals war die Debatte von nationalen Gefühlen geprägt, der staufischen Vergangenheit wurde eine identitätsstiftende Kraft für die Gegenwart zugeschrieben. Um den Glanz der Vergangenheit auf die eigene Person scheinen zu lassen, begab sich beispielsweise der württembergische Kurfürst und spätere König Friedrich im August 1803 zur Gipfelschau auf den Hohenstaufen. In den folgenden Tagen machten es ihm Hunderte nach und pilgerten an den geschichtsträchtigen Ort. Der Dichter Johann Gottfried Pahl machte daraufhin als erster den Vorschlag, auf dem Gipfel des Hohenstaufen einen Tempel oder ein Pantheon aufzurichten, auf dessen Altar nach seinem Empfinden die Aufschrift stehen sollte: "Den mutigen Verfechtern der teutschen Freyheit und den ersten Aufklärern des westlichen Europa".

 

Am 1. Juni 2002 wurde die Stauferstele enthüllt.