Verwaltungsgebäude am Bahnhof

Grafik: Ackermann & Raff, Stuttgart

Unorthodoxer Schritt pro Wirtschaft

Bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung (alle aus der SPD-Fraktion) billigte der Gemeinderat mit deutlicher Mehrheit den Verkauf des geplanten, im Bau befindlichen Städtischen Verwaltungszentrums (SVZ) an eine Tochter der Kreissparkasse. Diese will das Gebäude für zehn Jahre an die Firma TeamViewer vermieten. Fast wäre es beim nächsten Maientag zu einer Premiere gekommen: Bei einem Pressegespräch im Vorfeld der GR-Sitzung hielt es KSK-Vorstandsvorsitzender Dr. Hariolf Teufel für angemessen, den Oberbürgermeister und seinen Gemeinderat in Sänften durch die Stadt zu tragen, sollten sie dem Verkauf zustimmen. Angesichts der Vielzahl an GR-Mitgliedern nahm Dr. Teufel von diesem Vorschlag in der Sitzung zwar wieder Abstand, würdigte aber umso deutlicher diesen sehr außergewöhnlichen Schritt der Stadt. Die KSK-Tochter „Fachpartner Gewerbe-Immobilien GmbH“ betreut die Firma TeamViewer schon lange, und so kennt fgi-Geschäftsführer Tobias Kocherscheidt die Raumenge, die der Software-Entwickler im Dienstleistungszentrum in der Jahnstraße hat – die KSK hatte dort während der Sanierung ihres Turms 250 Arbeitsplätze untergebracht, TeamViewer beschäftigt dort rund 400 Mitarbeiter/-innen. Da der Bau eines neuen Gebäudes auf dem Müller-Areal/Staufen Pharmazie zu lange dauern würde, fragten fgi und KSK bei der Stadt nach, ob sie das im Bau befindliche SVZ erwerben könne – zum marktüblichen Preis, ohne Sonderkonditionen, wie alle Beteiligten versicherten. Mit dem 95 Meter langen sowie gut 19 Meter breiten und ebenso hohen Gebäude würde sich die Quadratmeterzahl auf 10.600 knapp verdoppeln, was die TeamViewer-Vorstände Oliver Steil (Chief Executive Officer) und Stefan Gaiser (Chief Financial Office) beruhigter in die Zukunft blicken lässt; immerhin wächst das TeamViewer-Team jährlich um fünf bis 15 Prozent.


Für Oberbürgermeister Guido Till war die positive Antwort schnell klar: Das 2005 von Dr. Thilo Rossmanith gegründete, im April 2009 ins Gewerbegebiet Göppingen-Voralb umgezogene und seit einigen Jahren im DLZ an der Jahnstraße ansässige Unternehmen ist als „Hidden Champion“ am Bahnhof bestens angesiedelt. Schließlich entwickelt sich der Bereich zu einer hoch attraktiven Lage. Und für Göppingen werden nicht nur 400 qualifizierte Arbeitsplätze und die Gewerbesteuereinnahmen gesichert, sondern auch ein weltweit bekanntes, imageträchtiges Unternehmen. Und noch etwas machte OB Till deutlich: „Unsere extrem teure Infrastruktur ist gewollt, muss aber auch finanziert werden.“ Deshalb ist eine die Wirtschaft unterstützende Politik für ihn selbstverständlich. So konnte die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 26.187 (2005) auf 31.542 (2017) gesteigert werden. „Seit 2005 haben wir über 5.300 neue Arbeitsplätze geschaffen“, bilanzierte das Stadtoberhaupt. Entsprechend ging die Arbeitslosenzahl von 2.217 (31.12.2005) auf 1.406 (31.12.2018) zurück. Viele Firmen haben sich in Göppingen angesiedelt; und in den letzten 14 Jahren wurden fast 420.000 Quadratmeter Gewerbeflächen an rund 60 Firmen verkauft. Bei gleichbleibenden Hebesätzen stiegen die gewerbesteuereinnahmen von 23.577.363 Euro in 2005 auf 44.377.670 Euro in 2015 an. Und dieses Geld wird benötigt, wie Till mit wenigen Zahlen unterstrich: Die Stadt zahlt für die Kindertagesstätten 20 Millionen Euro drauf, 30 Millionen Euro verschlingt die Kreisumlage. Und auch die Gewerbesteuer muss per Umlage zu drei Vierteln wieder abgeführt werden. „Wir müssen uns nach der Decke strecken und auf jeden Cent achten“, untermauerte OB Till. „Uns schenkt keiner etwas!“

„Die CDU steht absolut hinter der Idee“, versicherte Fraktionsvorsitzender Felix Gerber und sprach von einer „win-win-Situation für alle Beteiligten“. Für die Stadt sah Gerber jetzt eine gute Chance zur Sanierung des Müller-Areals. Auch für Fraktionsvorsitzenden Armin Roos war klar: „Die SPD steht eindeutig zu TeamViewer.“ Der Verkauf tut trotzdem etwas weh, da der Gemeinderat hart um das SVZ gerungen hat. Sein Fraktionskollege Klaus Wiesenborn widersprach den Plänen, da der neue TeamViewer-Eigentümer Permira, ein englisches Unternehmen, das den Software-Entwickler 2014 übernommen hat, laut Wikipedia eine „Finanzheuschrecke“ ist. Auch SPD-Stadträtin Christine Schlenker votierte mit Blick auf die Berechenbarkeit und Glaubwürdigkeit der Stadt gegen den Verkauf. Grünen-Fraktionsvorsitzender Christoph Weber sprach von einer „Riesenchance, Bahnhofareal und Müllerareal zu entwickeln“ und freute sich über die Zusicherung, dass das Äußere des Gebäudes erhalten bleibt. FWG-Fraktionschef Dr. Emil Frick wollte mit der gelungenen Sache „zu neuen Ufern“ aufbrechen. Auch Klaus Rollmann, Vorsitzender der FDP+FW-Fraktion, unterstützte das Vorhaben: „TeamViewer zu halten ist eine wichtige Chance.“ Für Linke und Piraten, so ihr Fraktionsvorsitzender Christian Stähle, geht ein Wunsch in Erfüllung; LiPi hat schon immer das SVZ auf dem Müller-Areal bevorzugt.

Oberbürgermeister Guido Till dankte den Mitarbeiter/-innen der Stadtverwaltung für ihr Verständnis und ihre Geduld, auf ein neues Verwaltungszentrum noch etwas länger warten zu müssen. Finanziell wird die Stadt „auf Null“ rauskommen; mit dem Regierungspräsident hat Till bereits wegen der Fördermittel gesprochen. Schließlich handelt es sich um ein und dasselbe Sanierungsgebiet. Und viele Vorarbeiten für das aktuell in bau befindliche SVZ sind auch für die Neuplanung verwertbar. Für das „immer noch sehr zentral gelegene“ Müller-/Staufen-Phamarzie-Areal kündigte der Rathauschef einen städtebaulichen Wettbewerb an. „Die Stadt setzt nun alle Kraft dafür ein, das Sanierungsgebiet auf dem ehemaligen Staufen-Pharmazie-/Müller-Areal zu beplanen und zu entwickeln“, blickte Oberbürgermeister Guido Till abschließend in die Zukunft. „Dort sollen, in Zusammenarbeit mit der Wohnbau Göppingen, das Verwaltungszentrum sowie weitere Büro- und Wohnungsflächen in Form eines kleinen Stadtquartiers entstehen.“

  

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