Anna von Sprewitz (1847-1923)

Mit der Unterzeichnung der Urkunde zur Errichtung der „Stiftung Kinderheim Wieseneck“ am 30. Dezember 1913 erhielt die Gemeinde Jebenhausen ihren ersten Kindergarten - eine moderne Einrichtung, die sich zu dieser Zeit in den Städten gerade erst durchzusetzen begann. Hier wurden die Kinder nicht nur ganztägig betreut, sondern auch mit Essen versorgt und im Sinne der christlichen Nächstenliebe erzogen. Neben den beiden Stiftern, der Diakonissin Anna von Sprewitz und dem Pfarrer Christoph Blumhardt, setzten auch Schultheiß Adam Failenschmid und der Gemeindepfleger Jakob Finsterle ihre Unterschrift unter die Urkunde. Der feierliche Akt fand in der von dem Opernstar Heinrich Sontheim (1820-1912) erbauten Villa Wieseneck statt, in der Christoph Blumhardt uns Anna von Sprewitz ihren gemeinsamen Lebensabend verbrachte.

Es bedurfte jedoch des Zufalls, dass Anna von Sprewitz nach Jebenhausen kam. Nachdem sie schwer an Typhus erkrankt war und in Depressionen verfiel, begab sie sich 1889 in das Kurhaus in Bad Boll, wo sie Pfarrer Blumhardt zum ersten Mal begegnete. Da sich die beiden in ihrem religiösen Glauben sowie in ihrer Lebenshaltung sehr nahe standen und beide die sozialen Verhältnisse der Zeit anprangerten, übernahm Anna von Sprewitz nach ihrer Heilung 1895 zunächst die Betreuung zahlreicher Kranker. Anschließend nahm sie die wirtschaftliche Leitung des Kurhauses wahr, die sie mit großem Geschick und umsichtig betrieb. Zudem führte sie den Haushalt von Pfarrer Blumhardt und stand ihm in vielen Alltagsgeschäften zur Seite.

Da ihr Vater als Offizier, der 43 Jahre lang eine Resozialisierungsanstalt für Heimatlose, Bettler und Verbrecher betreute, ihre Kindheit stark prägte, war schon es sehr früh ihr Berufswunsch, als Diakonisse hilfsbedürftigen Menschen unter die Arme greifen zu können. Schon in der Anstalt des Vaters lernte das junge Mädchen, das als eigensinnig und kontaktarm galt, viele praktische Arbeiten im Haushalt sowie in der Landwirtschaft und bei der Gartenbetreuung. Nach ihrer Ausbildung fand Anna von Sprewitz eine Anstellung als Gemeindeschwester in Güstrow, eine Arbeit, die sie mit großer Freude und in Liebe zu Gott ausübte. Wenig später war Anna von Sprewitz selbst Ausbilderin von Diakonissen. Nach einiger Zeit zog sie es aber nach Hamburg, wo sie die Betreuung „gefallener und gefährdeter Mädchen“ auf der Reeperbahn übernahm.

In der eingangs genannten Stiftungsurkunde wurden bereits die Ziele der Einrichtung genannt. Neben dem Betrieb eines Kindergartens in direkter Nachbarschaft zur Villa Wieseneck gab es eine Kinderschule, in der die Kinder mit Basteln und Stricken an drei Tagen die Woche beschäftigt waren. Zudem wollte man in einem Pensionat den bedürftigen älteren Menschen aus gebildetem Stand die Möglichkeit bieten „einige Zeit zur Erholung in der Villa Wieseneck zu verweilen“.

Nach dem Tod Christoph Blumhardts am 2. August 1919 in Jebenhausen, führte Anna von Sprewitz sein Lebenswerk weiter und gab zugleich seine Predigen und Abendgebete als eigene Schriften heraus. Zudem setzte sie sich dafür ein, dass die Herrnhuter Brüdergemeine – der sie selbst angehörte - die Bad Boller Kureinrichtung übernahm und sie im Sinne Blumhardts weiterführte.
Bereits am 23. Juni 1913 ernannte die Gemeinde Jebenhausen Anna von Sprewitz gemeinsam mit Christoph Blumhardt zur Ehrenbürgerin. Zehn Jahre später, am 26. Januar 1923, verstarb die Stifterin in Jebenhausen. Noch heute ist sie durch die Benennung der Von-Sprewitz-Straße im Göppinger Ortsteil allgegenwärtig.