Daniel Speer

Daniel Speer kam Ende Juni/Anfang Juli 1636 in Breslau zur Welt und wurde dort am 2. Juli 1636 getauft. Seine Eltern Georg und Margarethe Speer gehörten zum Kreis der dort lebenden angesehenen Familien. Bereits 1644 werden Daniel Speer und seine drei Geschwister, darunter ein sechs Wochen altes Brüderchen, Vollwaisen. Zu dieser Zeit war der siebenjährige Daniel gerade mit seinem älteren Bruder am Maria-Magdalena-Gymnasium in Breslau immatrikuliert worden.
In den Wirren des 30-jährigen Kriegs ging die in Breslau alteingesessene Familie Speer unter. Aus dieser Breslauer Zeit ist nur noch ein einziges Schriftdokument überliefert, ein 1647 für Daniel Speer ausgestellter Geburtsbrief.

Als Daniel Speer diesen Geburtsbrief in Empfang nahm, war er elf Jahre alt. Möglicherweise benötigte er das Dokument für einen beabsichtigten Wegzug aus Breslau. Über die bald einsetzende Wanderschaft können wir nur Rückschlüsse aus dem stark autobiografischen Roman „Der Ungarische oder Dacianischer Simplicissmus“ ziehen, der 1683 in Ulm gedruckt und verlegt wurde. Demnach hatte Daniel Speer nach dem Tod seiner Eltern im Waisenhaus gelebt, bis er um 1649/50 zu seinem Bruder zog, der als sog. Sekretär in Diensten eines polnischen Edelmannes stand. Daniel Speer findet am Hofe des Adeligen Aufnahme und erlernt an einer städtischen Schule die polnische Sprache (seine Muttersprache in Schlesien war Deutsch). Im Alter von 18 Jahren schloß sich Daniel Speer einer Gruppe schlesischer Studenten an und wanderte durch die Karparten in die Zips.“ 
 
Ein bewegtes Leben bringt ihn nun in den nächsten Jahren weit herum. Er nimmt als Söldner in ungarischen Diensten am Krieg gegen die Türken teil, wird Heerestrommler und Leibtrompeter, gerät für kurze Zeit in türkische Gefangenschaft und wird schließlich Begleiter eines höheren Herrn bei dessen Reise durch den Balkan nach Konstantinopel. Bei diesen Reisen lernte Speer natürlich auch die türkische Musik und die dort gebräuchlichen Musikinstrumente kennen. 
 
Die zweite Lebensphase Daniel Speers spielte im Württembergischen. Speer fand noch eine feste Anstellung als Musiker und Lehrer, sorgte aber mit seinen publizistischen Arbeiten auch dafür, dass die Zensurbehörde nicht unbeschäftigt blieb und handelte sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere Probleme mit der Obrigkeit ein.

In den Jahren 1665 und 1666 ist Daniel Speer als kirchlicher Vokal- und Instrumentalmusiker in Stuttgart in der Stiftskirchen-Kantorei nachweisbar. 1667 wechselt er nach Tübingen an die Stiftskirche und lässt sich beim Evangelischen Stift als Kirchenmusiker „gebrauchen“, wie es in den schriftlichen Dokumenten heißt. Diese Aufgabe nimmt Daniel Speer allerdings nur kurze Zeit wahr. Noch im selben Jahr (1667) zieht er, damals 31 Jahre alt, nach Göppingen, um die Stelle eines Organisten anzunehmen. Vorausgegangen war ein Gesuch von Vogt, Spezial, Bürgermeister und Rat der Stadt Göppingen an den Regenten Herzog Eberhard III., er möge ihren Wunschkandidaten Daniel Speer als Kirchenmusiker hierher versetzen und ihm später die Stelle des Provisors (Lehrer an der Lateinschule) bewilligen. Der Herzog mochte dem Göppinger Ansinnen nicht ohne weiteres folgen. Er verwies darauf, dass „man einen gantz Fremden, zumal bei den Studiis nicht herkommenen Menschen, wegen vorhandener vieler Landeskinder und Stipendiaten, die Succession nie versprechen könne“. Der Hinweis, dass Speer die Voraussetzungen für das Schulamt fehlten war schwerwiegend. Vorerst konnte er also lediglich als Kantor seine Dienste in Göppingen ausüben. Als im August 1668 der amtierende Provisor nach Spielberg versetzt und befördert wurde, sah Speer abermals seine Chance gekommen, beim Herzog mit einer untertänigsten Eingabe die Übertragung des Schulamts doch zu erlangen. 
 
Speers Wunsch wurde nicht erfüllt. Auf die Stelle des Provisors wurde Johann Conard Kumruck aus Nagold berufen, der auch den Musikunterricht und das Orgelspiel übernahm. Nach gerade 9 Monaten Aufenthalt in Göppingen musste sich Speer abermals nach einer neuen Wirkungsstätte umsehen. Die fand er als Kollaborator (Hilfslehrer) in Großbottwar, dort heiratete er am 11. Mai 1669 die 13 Jahre ältere, aus Göppingen stammende Apollonia Buttersack, Tochter des verstorbenen Göppinger Schullehrers Nikolaus Buttersack. Die Ehe blieb kinderlos, das Paar adoptierte zwei Waisenknaben. Während Speer mittlerweile als Hilfslehrer von Großbottwar nach Leonberg wechseln konnte, litten die Göppinger unter dem ihnen vom Herzog vorgesetzten Lehrer und Musiker Kumruck. 1671 klagten die Stadtväter, Kumruck sei ein „moröser, dissoluter Mann, dem Trunk allzusehr ergeben“. 
 
Nach wiederholten Eingaben und Zureden des Göppinger Bürgermeisters Härlin konnte schließlich 1673 der Schlesier Speer im schwäbischen Göppingen eine dauerhafte Heimat finden. Er erhält eine Anstellung als Kolloborator an der Lateinschule und ist der Verantwortliche für die Kirchenmusik. In Göppingen gelang es Speer, den an ihn gerichteten Erwartungen rasch gerecht zu werden. Die Schulklassen füllten sich wieder, 1676 hatte die 1. Klasse 12, die zweite Klasse 16 Schüler. Speer verbesserte das musikalische Leben in der Stadt, führte unter anderem den Brauch des Weihnachtssingens ein. Überhaupt waren die nächsten Jahre die erfolgreichsten im Schaffen Daniel Speers. Die jetzt entstehenden Romane, kleineren Traktate und Streitschriften und Musikalien haben ihn weit über Württemberg hinaus bekannt gemacht und sie sind heute noch für alle von Bedeutung, die sich mit den Jahrzehnten nach dem 30jährigen Krieg befassen.
 
14 Jahre nach Grimmelshausens Simplicissimus erscheint aus der Feder Daniel Speers der Roman „Ungarischer oder Dacianischer Simplicissimus“. Das Werk wird 1683 in Ulm gedruckt, erscheint bis zuletzt 1978 in Neuauflagen und Neuausgaben und wird auch ins Ungarische und Slowakische übersetzt.

Speer nutzte seine Zeit aber auch für Kompositionen. Ein bereits in Großbottwar begonnenes Werk überarbeitete er und gab es 1684 als ersten Teil unter dem heraus:  „Evangelische Seelen-Gedanken / In lieblichen Arien bestehend / zur Ehre Gottes / auff alle / Fest- und Sonn und Feyertägliche / Evangelien / von Advent biß auff / Trinitatis. Gesetzt von Daniel Speeren, Cantore und Collabaratore in Göppingen“.
 
1687 erschien von Speer „Der Musialische Leuthe-Spiegel“ und 1688 der „Musicalisch-Türkische Eulenspiegel“. Dem Publikum bietet er Kompositionen, die von der Musik- und Liedkultur vieler Völker wie der Polen, Ungarn, Kosaken oder Griechen geprägt sind. 
 
Neben den Kompositionen arbeitete Speer auch an einem Lehrbuch für den Musikunterricht, das 1687 mit dem Titel erschien „Grundrichtiger kurtz leicht und nöthiger Unterricht der musikalischen Kunst. Wie man füglich in kurtzer Zeit Choral und Figural singen, den Generalbaß tractieren und Componieren lernen soll“. Das Fachbuch erschien später als erweiterte Ausgabe unter dem Titel „musikalisches Kleeblatt“.
 
 
Berühmtheit erzielte Daniel Speer mit seiner Dokumentation über den Schorndorfer und Göppinger Weiberaufstand von 1688. Dass wir überhaupt diese Geschichte und auch den etwas anders verlaufenen Frauenprotest in Schorndorf kennen, verdanken wir ausschließlich Daniel Speer. Er schildert die Geschehnisse in der Schrift „Der durch das Schorndorfische und Göppingerische Weiber-Volck Geschichterte Hahn“. Am Schluss des barocken Titels heißt es: „Alles unpartheyisch Sonnen-klar entworffen / und dem geneigten Leser vor Auge gestellet / Durch eine Warheit-liebende Feder“.
 
Für Daniel Speer war das erlebte Beispiel einer verkehrten Welt (die Frauen haben die Hosen an) sicher ein dankbarer Stoff für eine attraktive Geschichte. Inwieweit sich die Ereignisse wirklich so abgespielt haben oder Speer diese für seine Schrift inszenierte und dramatisierte, können wir nicht beurteilen. Ganz sicher ist, dass Speer mit seiner Schrift vor allem auch die unmotivierte und gelähmte Politik der Stuttgarter Regierung benennen und ein Stück weit kritisieren wollte. Um die daraus erwachsende Gefahr wissend, haben er und der Verleger auf die Autorenangabe verzichtet und auf dem Titel der Schrift vom Verfasser anonym als eine Warheit-liebenden Feder gesprochen. Trotz aller Vorsicht war der Autor Speer rasch enttarnt. Für seine offene Rede musste Speer eine mehrmonatige Haft im Kerker auf der Festung Hohenneuffen in Kauf nehmen. Die Strafe war noch glimpflich ausgefallen. 
 
Für eine milde Strafe für Speer setzte sich die Göppinger Bürgerschaft beim Herzog-Administrator Friedrich Karl ein, als dieser 1689 Göppingen besuchte. Und die gesamte Schuljugend trug ein Bittgesuch für ihren inhaftierten Lehrer vor. Speer kam Ende Mai 1689 wieder frei, wurde nun aber nach Waiblingen versetzt. 
 
Fünf Jahre muss Speer diese Strafversetzung ertragen, dann kann er 1694 in sein altes Amt in Göppingen zurückkehren. Er wird mit offenen Armen empfangen, schließlich wussten die Göppinger, welche Kapazität sie mit Speer in ihren Stadtmauern hatten. Er versieht wieder seinen Dienst als Kantor und Kollaborator, bis er am 5. Oktober 1707 in der Stadt im Alter von 71 Jahren verstirbt. Seine Frau war bereits am 10. April 1694, kurz nach der Rückkehr nach Göppingen verstorben. Speer heiratete im August desselben Jahres wieder, seine auserwählte war die Schreinerswitwe Anna Schübel aus Leonberg. Aus dieser zweiten Ehe gingen zwei Söhne hervor, die noch Schüler waren, als der Vater starb. Einer von beiden, Johann Georg Speer, folgte später dem Vater im Beruf nach und wurde Präzeptor in Göppingen.