Dr. Aron Tänzer (1871-1937)

Dr. Aron Tänzer entstammte einer traditionsreichen Rabbinerfamilie. Im ungarischen Pressburg (heute Bratislava) war er am 30. Januar 187 zur Welt gekommen. In dieser Stadt verbrachte er seine Kindheit und besuchte die renommierte Rabbinerhochschule. Sein Studium der Philosophie, Germanistik, Geschichte und Semitischen Philologie absolvierte er erfolgreich in Berlin. Über die Religionsphilosophie Josef Albos promovierte er an der Universität Bern. Die erste feste Anstellung fand der Fünfundzwanzigjährige 1896 im österreichischen Hohenems als Rabbiner für Tirol und Voralrberg. Nach einer kurzen Tätigkeit in Meran als Rabbiner für Südtirol von 1905 bis 1907 kam Dr. Tänzer nach Württemberg. Er hatte sich erfolgreich auf die freie Rabbinerstelle in Göppingen beworben. Mit seiner Familie bezog er das Haus Freihofstraße 46 direkt neben der Synagoge, das die jüdische Gemeinde kurz zuvor zur Einrichtung von Diesntwohnungen für den Rabbiner und den Vorsänger und für die Verwaltung des Bezirksrabbinats käuflich erworben hatte.

Hier verbrachte Dr. Aron Tänzer 30 schaffensreiche Jahre. Er schrieb Beiträge für das Israelitische Familienblatt und die Allgemeine Zeitung des Judentums, arbeitete 1910 bis 1914 als Redakteur für die Straßburger Israelitische Wochenschrift, recherchierte und publizierte 1927 die umfassende Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen, bereitete seine Vorträge für den Verein für Kunst und Wissenschaft vor und sammelte und katalogisierte die für die städtische Leihbibliothek gespendeten Bücher, deren Initiator und Mitbegründer er im Jahr 1909 war.

Für seinen Lebensweg wurde der Erste Weltkrieg prägend. Von patriotischen Gefühlen tief bewegt, meldete sich Dr. Tänzer freiwillig für den Militärdienst. Er wollte, wie er in seinem Tagebuch notiert, "aktiv teilnehmen an diesem großartigen Ringen des deutschen Volkes um Fortbestand und Weiterentwicklung." Als Feldrabbiner diente er von 1915 bis Kriegsende in Polen und Russland und wurde für seinen Einsatz mit hohen Kriegsorden ausgezeichnet. Nach Kriegsende zum Ehrenvorsitzenden des Göppinger Militärvereins ernannt, musste sich Rabbiner Dr. Tänzer wie viele andere bald gegen die antisemitische Hetze zur Wehr setzen. 

Es kursierten Parolen, welche die Juden als "Drückeberger" diffamierten und zu den Schuldigen an der Kriegsniederlage abstempelten. Noch setzte Dr. Tänzer in den Jahren der Weimarer Republik auf die Kraft von Vernunft und Argumentation. Mit einer Vortragsreise "Über die seelischen Wirkungen des deutschen Judenhasses" wollte er vor allem auf die drohenden Verluste für das Gemeinwohl hinweisen, falls sich die Situation der Juden in Deutschland weiter verschlechtern sollte. Nach Hitlers Machtübernahme musste er seinen Rauswurf aus dem Göppinger Militärverein, dessen Ehrenvorsitzender er seit 1921 war, erleben. "Des Vaterlandes Dank" lautete die nüchterne Bilanz die er über die kurze und unpersönliche Mitteilung schrieb. Diese Entwicklung schmerzte ihn persönlich sehr, stellte sie doch seine ganz auf Integration und Verständigung angelegte Lebenseistung in Frage. Auch unter zunehmender Entrechtung und Diffamierung der Juden gab Rabbiner Tänzer seine Hoffnung auf eine erträgliche Gestaltung der Zukunft nicht auf. 

In dem kurz vor seinem Tod vollendeten Buch "Die Geschichte der Juden in Württemberg" sah er nach dem Verlust der Errungenschaften eines Jahrhunderts zumindest den "Fortbestand einer in sich geschlossenen jüdischen Gemeinschaft", die neben der Religionsgemeinschaft zur Lebensgemeinschaft mutierte, als gesichert an. Diese Annahme war zu optimistisch, wie sich nach der Zerstörung der jüdsichen Gotteshäuser und der systematischen Deportation und Ermordung der Juden bald zeigen sollte. Auch Dr. Tänzers Witwe musste dieses Schicksal erleiden. Sie kam am 25. September 1943 im KZ Theresienstadt ums Leben.

Rabbiner Dr. Aron Tänzer fand seine letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhof in Göppingen. Sein Grabstein träfgt eine Inschrift, die Dr. Tänzer in seinem Testament festgelegt hatte. Sie lautet: "... Rabbiner in Hohenems, Meran, Göppingen, Feldrabbiner im Weltkriege 1915-1918, Ritter Hoher Orden, Verfasser wissenschaftlicher Werke ...". Die selbstbewusste Auflistung der eigenen Lebensleistung macht das Grabmal zum immerwährenden Denk-mal!

Als Rabbiner Dr. Tänzer am 26. Februar 1937 in Göppingen verstarb, blieben seine Verdienste für die jüdische Gemeinde und das Gemeinwohl der Stadt weitgehend unbeachtet, wurden sogar missachtet. Nur zwei Christen, darunter Hotelier Friedrich Pfeifle, erwiesen dem einst geschätzten Bürger die letzte Ehre. Dafür mussten sie für die demonstrierte "Judenfreundschaft" einen schlimmen und geschäftsschädigenden Hetzartikel in der NS-Zeitung "Flammenzeichen" ertragen. Im Jahr 1984 ehrte die Stadt Göppingen Rabbiner Dr. Aron Tänzer posthum für seine Verdiesnte um die Stadtbibiothek. 75 Jahre nach der Veröffentlichung des Werks "Die Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen", das 1988 im Zusammenwirken von Stadt und Anton H. Konrad Verlag neu und in erweiterter Form wieder aufgelegt wurde, beschloss der Göppinger Gemeinderat im Juli 2002, dem Wohnhaus des Rabbiners an der Freihofstraße den Namen "Rabbiner-Tänzer-Haus zu geben und damit die Erinnerung an den Wirkungsort des Gelehrten und Menschenfreundes lebendig zu halten.