Friedrich Christoph Oetinger (1702-1782)

Bekannt ist Friedrich Christoph Oetinger als schwäbisch-pietistischer "Vater", weitgehend unbekannt ist der Prälat als Philosoph und Universalgelehrter. Seinen 300. Geburtstag am 2. Mai in Göppingen und seinen Tauftag am 6. Mai in der Stadtkirche nahm die Stadt zum Anlass, an ihren großen Sohn zu erinnern.

Er ging als drittes von elf Kindern asu der Ehe von Rosina Dorothea Wölffing (1676-1727) und dem Göppinger Stadt- und Amtsschreiber Johann Christoph Oetinger (1668-1733) hervor. Seine frühe Kindheit verbrachte er bei Verwandten in Schorndorf. Spätestens im Alter von sechs Jahren treffen wir ihn wieder im Elternhaus zu Göppingen an. Der üblichen Schulausbildung in Blaubeuren und Bebenhausen folgte das Studium der Theologie in Tübingen. Nach zehnjährigen Bildungsreisen entschloss er sich trotz großer Bedenken, ein Pfarramt anzunehmen. Pfarrer war er in Hirsau, Schnaitheim und Walddorf, Dekan in Weinsberg und Herrenberg und schließlich Prälat in Murrhardt.

Mi seiner Frau, Dorothea Linsenmann aus Urach, hatte er zehn Kinder, vier von ihnen überlebten die Kindheit. Nach enger Zusammenarbeit mit dem Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, dem Grafen von Zinzendorf, trennten sich deren Wege; Oetinger folgte seiner ganz eigenen Spur "tiefer" Natur- und Gotteserkenntnis. Hierzu half ihm die Abwendung idealistischer, rationalistischer Konzepte (Christian Wolff). Was er suchte, fand er beim "deutschen Philosophen", dem Görlitzer Schuster Jakob Böhme, in jüdischer Philosophie (Kabbala) und in Hermetik und Alchemie. Daraus entwickelte er auf der Grundlage von Johann Albrecht Bengels bibelzentriertem Geschichtsverständnis ein theologisch-philosophisches System, in dem er "Natur" und "Geist", Schöpfung und Erlösung, Zeit und Ewigkeit, Glauben und Denken zu vereinen suchte.d

Rastlos beschäftigte er sich mit verschiedensten Wissenschaften, etwa der Elektrizitätslehre, auch versuchte er sich als Bergwerksbetreiber und Politiker. Als er sich mit dem schwedischen "Geisterseher" Emanuel Swedenborg  und ihn in Deutschland bekannt amchte, bekam er bis zum Lebensende Schwierigkeiten mit der Zensur, die er geschickt zu umgehen wusste.

Oetingers "heilige Philosophie" sucht in der Spannung zwischen lutherischen und pietistischer Theologie einerseits, jüdischen, heidnisch-antiken sowie neuzeitlich- "esoterischen" Einstellungen andererseits einen eigenen Weg zur Überwindung der Herrschaft einseitiger Vernunft wie einseitigen Glaubens.

Über einhundert Bücher verfasste er. Seine Predigtbände werden bis heute aufgelegt und gelesen. Die meisten anderen Schriften sind selten geworden. Oetinger ist in der Vielfältigkeit und seiner Absicht meist missverstanden worden und hat auch keine Schule gebildet. Seine Wirkungen sind aber vielfältig, zum Teil untergründig - der Pietismus, Goethe und Hegel seien erwähnt.

Seit Ende der 1960-er Jahre ist eine gewisse Oetinger-Renaissance in Philosophie und Theologie festzustellen. Das ist nicht verwunderlich, bietet er doch Ansatzpunkte zu einer Revision von Einstellungen, denen wir die schädlichen Folgen einseitiger Naturbemächtigungen verdanken. Oetinger entwarf hierzu ein Konzept des "Einfachsten, Nützlichsten und Notwendigsten", das dem guten Fortschritt der Gesellschaft dienen soll.