Gustav Kolb (1867-1943) und Karl Gmelich (1875-1955)

Gustav Kolb kam am 13. August 1867 in der kleinen Gemeinde Leidringen bei Sulz am Neckar zur Welt. Sein Vater Konrad Christian Philipp war dort Schulmeister, seit 1863 verheiratet mit der Bauerntochter Luise Barbara Ziegler aus Leonberg. Das Ehepaar hatte fünf Kinder, Anna Wilhelm und die Zwillinge Luise und Gustav sowie den kleinen Franz, der 1870 auf die Welt kam. Im selben Jahr starb der Vater und Ernährer der Familie, die junge Witwe musste mit einer kleinen Pension sich und ihre Kinder durchbringen. Um diese Aufgabe besser zu meistern, zog sie mit den Kindern zu Verwandten nach Leonberg, zeitweise war das Kind Gustav Zögling in einem Waisenhaus. In Leonberg ging Gustav Kolb zur Volksschule und besuchte die Lateinschule. Sein Ziel war, wie der Vater den Beruf des Lehrers zu ergreifen. Beim Abgang von der Lateinschule erhielt er 1882 ein Zeugnis, das seinen beruflichen Werdegang ebnen sollte. Darin heißt es: „Gustav Kolb scheint entschiedene Neigung zum Lehrerberuf zu haben und zeigt Freude am Lernen. Seine Begabung ist keine hervorragende, aber für den erstrebten Beruf ohne Zweifel ganz ausreichend. Er ist ein geordneter Knabe und es ist dem Unterzeichneten bezüglich seines sittlich-religiösen Verhaltens noch nie etwas Unzüchtiges zu Ohren gekommen. Nachdem er früher im Waisenhaus in Stuttgart erzogen worden war, gab seine Neigung zu Augenentzündungen Anlaß, ihn als Landzögling des Waisenhauses seiner Mutter zur Erziehung zu übergeben, die eine religiös gerichtete Frau ist und so auch mit ihrer Erziehung die religiöse Entwicklung ihres Kindes im Auge behält. Zur Beurkundung: Leonberg den 15. Februar 1882, Helfer Öhler.“
 
1883 trat der 16 Jahre alte Knabe, ausgestattet mit einer staatlichen bewilligten Unterstützung, ins Lehrerseminar („Präparandenanstalt“) in Esslingen ein. 1887 absolvierte er dort mit „ziemlich gut“ die 1. Volksschullehrerdienstprüfung, an die sich dann der Weg in die praktische Lehrtätigkeit anschloss. Als sog. Hilfslehrer unterrichtete Gustav Kolb zunächst an der Volksschule in Großaspach bei Backnang, dann in Haiterbach bei Nagold, von 1889 an im heimatlichen Leonberg, dann im Stuttgarter Raum in Gaisburg und schließlich in Zuffenhausen. In Leonberg hatte Kolb z. B. 120 Schüler (65 Knaben, 55 Mädchen) in 34 Wochenstunden zu unterrichten. Kolb wird stets als „streng“ bezeichnet und es wird ihm nachgesagt, er setze oft oder sogar zu oft den Stock zur Züchtigung der Schüler ein.
 
Gustav Kolb war zu dieser Zeit sicher mit seiner Stellung und beruflichen Perspektive völlig unzufrieden. Längst hatte er nicht mehr den Volksschullehrer als lebenserfüllende Aufgabe vor Augen, sondern wollte entsprechend seiner Fähigkeiten sich fachlich spezialisieren und zum Zeichenlehrer weiterbilden. Um eine solche Ausbildung absolvieren zu können, hatte er bereits 1889 an das Kgl. Konsistorium in Stuttgart die Eingabe gerichtet, ihm eine Lehrgehilfenstelle in Stuttgart zuzuweisen, damit ihn die Chance zum Besuch der Kunstgewerbeschule gegeben sei.

Gustav Kolb wird schließlich nach Zuffenhausen versetzt, aber der schlechte Ruf mit „Züchtigungsproblemen“ eilt ihm nach. In der Schulverwaltung ist man jetzt geneigt, ihn nicht mehr im Raum Stuttgart zu verwenden. Diesen Überlegungen kommt Gustav Kolb zuvor, indem er im Oktober 1893 seine Beurlaubung auf unbestimmte Zeit zum Besuch der Kunstgewerbeschule beantragt. Diese wird für die Dauer eines Jahres gewährt, dann 1894, 1895 und 1896 um jeweils ein Jahr verlängert. Im Frühjahr 1897 wird ihm das Diplom für Zeichenlehrer ausgehändigt.
 
Während der Studienzeit lernte Gustav Kolb den Kommilitonen Karl Gmelich kennen. Dieser stammte aus Heilbronn, wo er am 10. Dezember 1875 zur Welt gekommen war. Sein Vater betrieb eine Kunstschreinerei, in der Möbel, Bänke und Ausstattungsstücke für das schöne Heim hergestellt wurden. Der Junge besuchte die Volksschule und Knabenmittelschule in Heilbronn, von 1889 an dann die Fortbildungsschule. Außerdem absolvierte er eine einjährige kunstgewerbliche Ausbildung in einem Heilbronner Atelier. Anregungen und Neigungen hierzu kamen sicher schon aus der Werkstatt des Vaters, wo er schon früh mit Themen wie guter Geschmack, ästhetische Gestaltung und ansprechendes Dekor in Berührung kam.
 
1892 trat Karl Gmelich als 17-Jähriger in die Kunstgewerbeschule Stuttgart ein, hier lernte er alsbald seinen Freund und dann langjährigen Gefährten und Mitstreiter für die Kunst und für die neuen Methoden und Inhalte des Kunstunterrichts kennen.
 
Im Jahr 1896, nach 4 Jahren Studium an der Kunstgewerbeschule, legte er mit guter Note die Diplomprüfung für Zeichenlehrer ab. Danach versuchte er als freier Entwerfer in Dresden, Düsseldorf und Darmstadt seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dann trifft er abermals die Entscheidung für die Kunst: Von 1897 bis 1900 lebt Karl Gmelich in Paris und studiert an der Akademie Colarossi.
 
Das dreijährige Studium in Paris hat zweifelsohne Karl Gmelich geprägt und in seinem künstlerischen Können als Zeichner und als Maler, sei es mit Öl- oder Aquarellfarben, weit voran gebracht. Am Impressionismus steigerte er sein Farbempfinden und erwarb jene Sensibilität für feinste Nuancen, die wir an seinen Bildern bewundern.“
 
Dem Paris-Aufenthalt folgte eine nicht lange währende Anstellung als Lehrer an der Kunstgewerbeschule in Darmstadt. Danach betätigte sich Gmelich 1901 und 1902 als freischaffender Gestalter in der damaligen Hochburg des Jugendstils in Deutschland.
 
Karl Gmelich und Gustav Kolb hatten das ehrgeizige Projekt begonnen, um mit Anschauungsmaterial und Vorlagen („Kopieren der Tafeln unseres Werkes ist nur zu gestatten“), die aus ihrer Sicht zukünftige Ausrichtung des Zeichenunterrichts an den gewerblichen Fortbildungsschulen, den Frauenarbeitsschulen und den allgemein bildenden Schulen aufzuzeigen. Die vier Hauptforderungen der auf Veränderung drängenden Pädagogen lautete:
„Der Zeichenunterricht soll den Schüler
1.    richtig sehen lehren
2.    das Formen- und Farbengedächtnis,
3.    die ästhetische Phantasie und
4.    die technische Geschicklichkeit ausbilden.“
 
Freilich, nicht jeder, der eine Klasse bei Kolb oder Gmelich durchlief, wurde ein begnadeter Künstler.
 
Ein wichtiger Ansatzpunkt zur Neugestaltung des Zeichen- und Kunstunterrichts in Württemberg war die Fortbildung der Lehrer. Für diese wurde 1920 ein mehrtägiger Kurs in Göppingen und Tübingen organisiert. Gustav Kolb wurde vom Ministerium für das Schuljahr 1920/21 von seiner Lehraufgabe frei gestellt, um die Neuordnung des Zeichenunterrichts an den Höheren Schulen in staatlichem Auftrag vorzubereiten. Er wirkte bei den Dienstprüfungen der Zeichenlehrer mit, gab Fortbildungskurse für Zeichenlehrer und galt als Sachverständiger in allen Fragen, die den Zeichnen- und Kunstunterricht an Höheren Schulen betreffen. Jetzt bezieht er eine Wohnung in der Ameisenstraße, das Haus an der Göppinger Wolfstraße bleibt noch für einige Jahre das Zuhause der Familie.
 
Gustav Kolb, der 1931/32 sein Göppinger Haus an der Wolfstraße aufgegeben hatte und mit der Familie nach Stuttgart-Sillenbuch verzogen war, konnte an der Diskussion und Weiterentwicklung seiner Leitlinien für den Kunstunterricht nicht mehr mitwirken. Die politischen Verhältnisse hatten sich 1933 verändert. Gustav Kolb wurde mit Ablauf des Juli 1933 ungefragt in den Ruhestand versetzt. Dem eher parteipolitisch nicht engagierten Beamten gereichte zum Nachteil, dass er nach der Revolution 1918 für kurze Zeit Mitglied der Sozialdemokratischen Partei war und auf deren Liste Mitglied im Göppinger Gemeinderat wurde. 1934 wurde ihm überdies die Schriftleitung der Zeitschrift „Jugend und Kunst“ entzogen, für ihn eine bittere Enttäuschung.
 
Gustav Kolb verstarb an den Folgen einer Lungenentzündung im Alter von 76 Jahren am 3. Mai 1943 in Sillenbuch.
 
Karl Gmelich, 7 Jahre jünger als Kolb, war zu dieser Zeit noch im aktiven Schuldienst. 1925 war er am Göppinger Realgymnasium Studienrat geworden. Im September 1941 sollte er an den Hohenstaufen-Oberschule für Jungen, wie seine Schule jetzt hieß, in Pension gehen. Wegen des Kriegs und des daraus erwachsenen Lehrermangels wurde Gmelich als sog. Widerrufsbeamter als Stellvertreter des eingezogenen Studienrats Reuss wieder zum Dienst verpflichtet. Bis 1944 musste er 28 Stunden in der Woche unterrichten, zuletzt noch 16. Im Juni 1945 konnte er 70-jährig in den Ruhestand gehen, den er noch 10 Jahre in Göppingen genießen durfte. Hier verstarb er vor 50 Jahren am 27. August 1955.