Jakob van Hoddis/Hans Davidsohn (1887-1942)

Jakob van Hoddis - wer diesen Namen kennt, verbindet ihn fast immer mit einem Gedicht. "Weltende": Diese acht Zeilen elektrisierten 1911 die Caféhausliteraten in Berlin, beschrieben die Stimmung einer ganzen Generation.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücke.

Jakob van Hoddis hatte in diesem Gedicht der Ahnung vom bevorstehenden Zusammenbruch jeglicher Ordnung eine Sprache gegeben. Sein eigenes Lebensschicksal fasste er 1911 in eine einzige Gedichtzeile: "All meine Pfade rangen mit der Nacht".
Hans Davidsohn, der sich später Jakob van Hoddis nannte, kam als Sohn einer jüdischen Bürgerfamilie 1887 in Berlin zur Welt. Nach einer kurzen Phase der Rebellion und des Erfolges als junger Dichter durchlitt er ab 1912 schwere, seelische Krisen und fiel zu Beginn des Ersten Weltkrieges in einen Zustand, den seine Mitmenschen als "geistige Umnachtung" wahrnahmen.

Jakob van Hoddis gilt heute als ein Begründer des literarischen Expressionismus. Viele Facetten seines Lebensschicksals aber blieben bisher rätselhaft, andere gerieten schnell in Vergessenheit. Von 1915 an lebte er zunächst als Pflegling von Privatleuten in Thüringen, ab 1922 in Tübingen. 1927 wurde er zum dauerhaften Anstaltspatienten, zunächst für sechs Jahre im Christophsbad Göppingen.

1933 wurde Hans Davidsohn von seinen Familienangehörigen in den "Israelitischen Heil- und Pflegeanstalten" in Bendorf-Sayn untergebracht. Die einstmals vornehme Kuranstalt für Nervenkranke entwickelte sich ab 1938 zum Sammelpunkt für jüdische Psychiatriepatienten aus dem ganzen Reichsgebiet; während jüdsiche Ärzte und Pflegepersonal versuchten, die KRanken bis zuletzt vor rassistischen Angriffen zu schützen. Im Laufe des Jahres 1942 jedoch wurde die Anstalt von den Nationalsozialisten aufgelöst. PAtienten und Personal wurden in den Bezirk Lublin deportiert und ermordet, unter ihnen auch Jakob van Hoddis. 1958 erschien in Deutschland erstmals eine Sammlung der Werke von Jakob van Hoddis, die Freudne und Familienangehörige auf der Flucht aus Deutschland gerettet hatten.

Heute gilt sein Werk - von dem etwa 100 Gedichte und Prosatexte erhalten sind - als wegweisend für die deutsche Dichtung des 20. Jahrhunderts und überrascht durch seine Vielfalt und Modernität.