Mathilde Brückner (1868-1958)

1873 forderte die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm als erste Frau in Deutschland das Frauenwahlrecht, 1891 nach Aufhebung des Sozialistengesetzes übernahm die Sozialdemokratie als erste deutsche Partei dieses Ziel in ihr Programm. Als 1917 der Sozialdemokrat Eduard Bernstein im Reichstag einen entsprechenden Gesetzesentwurf vorlegte, war dieser noch nicht mehrheitsfähig. Auch wenn die Frauen in der Kriegszeit längst ihren "Mann" stehen mussten, sah die bürgerliche Mehrheit ihren Platz immer noch in Heim und Herd. Die Revolution am Kriegsende brachte dann die einschneidende und nachhaltige Veränderung: Frauen erhielten am 30. November 1918 das aktive und passive Wahlrecht. In der Verfassung der Weimarer Republik vom 1. August 1919 heißt es dann: "Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben Rechte und Pflichten".

Als im Mai 1919 in Württemberg Gemeinderatswahlen stattfanden, war auf den Listen der in Göppingen antretenden Parteien noch keine Frau zu finden. Dies änderte sich 1922, als bis auf die Deutschnationale Volkspartei alle anderen Parteien jeweils zwei Frauen auf ihren Wählerlisten stehen hatten. In der Tageszeitung erschienen Aufrufe mit der Parole: Frauen wählen Frauen ins Kommunalparlament. Nach der Auszählung der Wahl vom 10. Dezember 1922 stand fest, dass mit der Hausfrau Mathilde Brückner für die Vereinigte Sozialdemokratische Partei (Zusammenschluss von der Sozialdemokratischen Mehrheitspartei und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei) erstmals eine Frau die Gemeindepolitik mitbestimmte. Weil Frau Brückner überdies eine überdurchschnittlich gute Stimmenzahl erreicht hatte, war sie für 6 Jahre gewählt. Die Hälfte der Räte mit der niedrigsten Stimmenzahl musste damals bereits nach 3 Jahren ausscheiden bzw. sich erneut zur Wahl stellen.

Nach Ablauf ihrer Amtszeit im Dezember 1928 kandidierte Mathilde Brückner abermals für den Gemeinderat und wurde mit der höchsten Stimmenzahl gewählt. 1932 zog sie als Abgeordnete in den Württembergischen Landtag ein. Mit der Zerstörung der Demokratie durch die Nationalsozialisten war die politische Laufbahn der Politikerin beendet, deren Handeln von religiösen wie sozialdemokratischen Überzeugungen geprägt war.