Michael Mästlin (1550-1632)

Michael Mästlin wurde am 30. September 1550 in Göppingen geboren, sodass er sich Zeit seines Lebens "Göppingensis" (d. h. aus Göppingen) nannte. Dies war allerdings eine damals übliche Weise der zusätzlichen Identifikation. 
 
Seine Eltern waren Jakob Mästlin und Dorothea geb. Simon. Michael Mästlin berichtet, der Familienname sei ursprünglich Leckher gewesen; Mästle, vom schwäbischen mast = dick, war zunächst Spitzname, im Sinne von "Dickerle". 
 
Mästlins Familie war eine sehr angesehene im Ort. Es gibt einen Brief von oder an den Vater Jakob Mästlin; dieser konnte also wahrscheinlich lesen und schreiben. Der Göppinger Bürgermeister war Gevatter eines jüngeren Bruders von Michael; die Mutter war vermutlich die Tochter des Pfarrers Sigmund Simon von Bezgenriet. Mästlin selbst sagt 1609 von seinen Eltern, sie seien "ungelehrte Leute, nicht reich, aber mit einem mittleren Vermögen versehen, ehrenhaft und wahrhaft fromm gewesen".

Michael Mästlins Begabung in Mathematik und Astronnomie wurden bereits während seiner Schuljahre an der Göppinger Lateinschule schon früh erkannt. Danach durchlief Mästlin den „klassischen“ Bildungsweg des altwürttembergischen Theologen: durch die Klosterschulen und das Tübinger Stift. 
 
Mästlin besuchte die Klosterschulen in Königsbronn und Herrenalb. Sicher hat er schon dort Bekanntschaft mit den mathematischen Wissenschaften gemacht. Die Beobachtung der Sonnenfinsternis am 9. April 1567 durch den noch nicht Siebzehnjährigen ist in der Historia Coelestis sicher überliefert.
 
Am 3. Dezember 1568 wurde Michael Mästle Göppingensis in die Tübinger Matrikel eingetragen. Er war damit akademischer Bürger und unterstand der Jurisdiktion von Rektor und Senat der Universität. Trotzdem blieb er wahrscheinlich – der Übung der Zeit entsprechend – vorläufig in Herrenalb, bis ein Platz im Stift frei wurde. Den Grad eines Baccalaureus artium erwarb er am 30. März des folgenden Jahres 1569 von Herrenalb aus. 
 
Im April 1569 schließlich wurde Mästlin in das herzogliche Stipendium zu Tübingen aufgenommen und konnte mit dem Universitätsstudium beginnen. Entsprechend den Regeln der Zeit absolvierte Mästlin zunächst eine Art Grundstudium in der „Artistenfakultät“, das zum Magistergrad führte. Erst danach kam das eigentliche Studium der Theologie. Das Studium in der Artistenfakultät umfaßte Philosophie, fortgeschrittene Kurse in Latein, Griechisch, Hebräisch, und eben mathematische Wissenschaften, besonders Geometrie und Astronomie. Die mathematischen Wissenschaften faßte man unter den griechischen Namen „Mathesis“ oder „Mathemata“ zusammen. Wir übersetzen in dieser Arbeit grundsätzlich „Mathesis“ mit „Mathematische Wissenschaften“. Schließlich: Ein Mathematicus im Sinne des 16. und 17. Jahrhunderts ist kein Mathematiker im modernen Sinn, sondern ein Fachmann für die Mathesis.

Am 1. August 1571 erwarb Mästlin den Magistergrad. Damit war das Studium in der Artistenfakultät abgeschlossen; das eigentliche Theologiestudium schloß sich an, das bis etwa 1572 dauerte. Die letzte überlieferte Teilnahme an theologischen Stiftsexamina fällt in den Januar 1573. Aber schon am 28. August 1571 konnte Mästlin eine sehr beachtliche Leistung vorweisen: Die Herausgabe der 2. Auflage der Prutenicae Tabulae. 
Magister Mästlin wurde 1573 Repetent am Stift, und zwar der Repetens Mathematicus, der für das mathematische Begleitstudium zuständige Magister im Repetentenkollegium. Auch nach Abschluß seiner theologischen Studien blieb der junge Gelehrte zunächst in Tübingen. 1575 vertrat er den abwesenden Professor Apian, seinen Lehrer. Und im November 1576 wurde er schließlich zum Diaconus in Backnang ernannt.
 
Ein Diaconus ist nicht ein Diakon im heutigen Sinn, sondern einfach der zweite Pfarrer neben einem ersten Pfarrer oder Dekan. Das Amt eines Diaconus war in der Regel eine Durchgangsstelle für einen besonders qualifizierten jungen Theologen. In der Backnanger Zeit hat sich Mästlin zum ersten Mal verheiratet, mit Margarete Grüninger, der Tochter des Schultheißen Erasmus Grüninger von Winnenden. Michael Mästlin wurde so der Schwager von Erasmus Grüninger d. J., der eine große Karriere machte, als herzoglicher Rat, Abt von Maulbronn, Stiftsprobst und Hofprediger in Stuttgart. Die Pointe: Der jüngere Erasmus Grüninger war innerhalb der altwürttembergischen „Ehrbarkeit" der erbittertste Gegner Johannes Keplers, so daß also der Lehrer, Förderer und väterliche Freund (Michael Mästlin), und einer der erbittertsten Feinde Johannes Keplers (Erasmus Grüninger) verschwägert waren. 
 
Als Mästlins erste Frau 1588 starb, heiratete er im folgenden Jahr Margarete Burgkhart, die Tochter seines Kollegen Georg Burgkhart, der Professor der Logik und Rhetorik war. So wurde Mästlin Schwager der sog. „Schwäbischen Geistesmutter“ Regina Burgkhart-Bardili, die das Entzücken aller Genealogen ist, denn fast alle berühmten Württemberger stammen von ihr ab. Mästlin hatte sechs Kinder aus erster und neun Kinder aus zweiter Ehe, von denen sieben ihn überlebt haben.
 
Von 1580-1584 war Mästlin Professor der Mathesis (der Mathematischen Wissenschaften) in Heidelberg; er ersetzte dort den Calvinisten Johann Jakob Grynaeus. Um überhaupt die Stelle in Heidelberg übernehmen zu können, mußte er von Württemberg beurlaubt werden. 1584 kehrte Michael Mästlin auf Befehl des Herzogs Ludwig nach Tübingen zurück. Er wurde dort Nachfolger seines Lehrers Apian, der wegen Lehrabweichungen – genauer: wegen seiner Weigerung, die Konkordienformel zu unterschreiben - entlassen wurde. Michael Mästlin blieb in Tübingen bis zu seinem Tod.
 
Ein Professor der Mathesis – und das war Mästlin immerhin 51 Jahre lang! – hatte in der Regel je eine große öffentliche Vorlesung über Geometrie und über Astronomie zu halten. Daneben konnte ein solcher Professor Vorlesungen über verschiedene Gebiete der Mathesis halten, zum Beispiel über Theorie der Sonnenuhren.
 
Als Mästlin 1631 starb, wurde sein Tübinger Lehrauftrag geteilt: Der Professor Hebraeus Wilhelm Schickard (1592–1635) übernahm die Astronomie-Vorlesung und nannte sich von da an Professor Hebraeus et Astronomiae; der Professor der Rhetorik Eberhard Schultheis übernahm die Geometrie-Vorlesung und nannte sich danach Professor der Rhetorik und des Euklid.