20 Jahre Jugendgemeinderat Göppingen

Demokratie auch durch selbstverschuldete Ohnmacht gefährdet

„Ich bin froh darüber, dass unsere Jugendlichen nach wie vor Engagement zeigen und Interesse daran haben, ihre Heimat mitzugestalten“, begrüßte Oberbürgermeister Guido Till am Freitagabend viele Gäste zum Festakt „20 Jahre Jugendgemeinderat“. Christian Kühn, Mitglied im ersten JGR und heute Abgeordneter im Deutschen Bundestag, unterstrich die Koppelung von Politik und Verantwortung.

„20 Jahre Jugendgemeinderat Göppingen“ wurde vom amtierenden Gremium am Abend des 9. Oktobers 2015 im Göppinger Rathaus mit einem Festakt und einem anschließendem Stehempfang gefeiert. Den Festakt eröffnete Jazzico, das Jazzensemble der Städtischen Jugendmusikschule Göppingen, mit dem Musikstück „All of me“ von Seymour Simons und Gerald Marks, dargeboten von Verena Klein (Gesang), Sebastian Peters (Klavier), Sebastian Nöcker (Bass) und Maximilian Wendlik (Schlagzeug). Oberbürgermeister Guido Till zeigte sich stolz darauf, den inzwischen zehnten Jugendgemeinderat in seinem Amt begleiten zu dürfen: „Seit Herbst 1995 gibt es in unserer Stadt für die Jugendlichen diese parlamentarische Form der Beteiligung, während sich in einigen anderen Kommunen die Jugendgemeinderäte zwischenzeitlich leider wieder aufgelöst haben.“

Teilhabe am politischen Prozess sei das zentrale Thema im Jugendgemeinderat. Sie müsse vermittelt werden, um die 13- bis 18-Jährigen von einer Kandidatur zu überzeugen, aber auch für die anschließende Wahl zu gewinnen. „Es muss immer wieder ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, warum die aktive Beteiligung am demokratischen Prozess so wichtig ist: Wer bei Entscheidungen nicht mitredet, über den wird entschieden. Und wer sich nicht zur Wahl stellt, der kann seine Meinung nicht in den Willensbildungsprozess einbringen“, formulierte OB Till eine eigentliche Selbstverständlichkeit. Und dennoch, zitierte das Stadtoberhaupt: „Auch die Demokratie kennt Ohnmacht, oft ist es selbstverschuldete Ohnmacht, wenn der Einzelne nicht mitredet, nicht mitgestaltet, nicht zur Wahl geht, sich nicht für zuständig erklärt, obwohl über ihn und seine – unsere – Gesellschaft befunden wird.“ Wer das sagte, weiß, was es heißt, nicht mitreden, nicht mitentscheiden zu dürfen: Das Zitat stammt von Bundespräsident Joachim Gauck aus seiner Rede zum Festakt „25 Jahre friedliche Revolution“ am 9. Oktober 2014 in Leipzig: „Wir dürfen niemals vergessen, dass unsere Demokratie nicht nur bedroht ist von Extremisten und von Fanatikern und Ideologen, sondern dass sie ausgehöhlt werden und ausdörren kann, wenn die Bürger im Land sie nicht mit Leben erfüllen. So machen wir uns klar: Von uns allen hängt es ab, ob und wie gut unsere Demokratie funktioniert. Von uns allen hängt es ab, ob und wie gut wir diese Demokratie auch verteidigen“, so der von Guido Till zitierte Bundespräsident.

„Nur durch Mitmachen kann jeder Einzelne unsere Demokratie stärken; lediglich durch Beteiligung kann jeder einzelne gestalten, Ideen einbringen und Impulse setzen“, so OB Till weiter. „Das gilt für die Landes- und Bundespolitik, und das gilt noch viel mehr für die direkteste politische Ebene, die Kommunalpolitik.“ Am 6. April 1995 beschloss der Gemeinderat die Einführung eines Jugendgemeinderats und legte auch gleich die Richtlinien für das neue Jugendgremium fest. Vom 9. bis 15. Oktober jenes Jahres übten 25,9 Prozent der 3.500 Wahlberechtigten ihr Stimmrecht aus und wählten 16 männliche und vier weibliche Mitglieder in den JGR. Dieses Geschlechter-Verhältnis hat sich in den 20 Jahren umgekehrt; bei der letzten Wahl 1994 wurden aus 63 Kandidaten sechs junge Männer und 14 junge Frauen gewählt.
1995 waren die heutigen Mitglieder des Jugendgemeinderats noch gar nicht geboren. 1995 stellte Microsoft ein neues Betriebssystem vor: Windows 95. 1995 griff die Nato in den Bosnienkrieg ein; die Anfang der 1990er Jahre auf Grund des Balkankrieges hochgeschnellten Flüchtlingszahlen ebbten 1995, nach einer Asylrechtsreform, wieder ab, erinnerte das Stadtoberhaupt: „Heute beschäftigt uns das Thema Flüchtlinge erneut.“ 1995 wurde am Göppinger Standort der Hochschule Esslingen die erste deutsche Mechatronik-Fakultät gegründet; und seit Mitte der 1990er Jahre entwickelt die Stadt die ehemaligen Cooke-Barracks zum Stauferpark. „Chapel und Band-Haus sind Themen, denen sich auch der Jugendgemeinderat immer wieder annahm“, blickte OB Till zurück. Er vergaß aber auch nicht die Pflichtaufgaben eines Jugendrates, die in der Öffentlichkeit nicht unbedingt sichtbar sind, wie die Arbeit in öffentlichen Sitzungen des Jugendgemeinderates, die Teilnahme als sachkundige Einwohner bei diversen Ausschuss-Sitzungen, die Teilnahme an Sitzungen von verschiedensten Organisationen und nicht zu Letzt das Engagement bei den regelmäßigen internen Arbeitstreffen. “Für diese Einsatzbereitschaft und Ihr tolles Engagement danke ich Ihnen im Namen der Stadt wie auch persönlich ganz herzlich.“

Dass der Weg vom Jugendgemeinderat in den Gemeinderat, in die Regionalversammlung und sogar in den Bundestag führen kann, zeigte die Rede von Christian Kühn, ehemaliges JGR-Mitglied und gegenwärtiges Mitglied des Bundestags. In seiner Rede sprach er über die damalige Idee, einen Jugendgemeinderat in Göppingen zu gründen und über die daraus folgende Umsetzung. Seiner Meinung nach sollten Jugendgemeinderäte gefördert werden. In Göppingen gab es seit der Gründung im Jahre 1995 über 200 Jugendgemeinderats-Mitglieder, „sie werden mit der Politik vertraut gemacht und lernen Verantwortung zu übernehmen“, so Kühn. Die Koppelung von Politik und Verantwortung zeige sich zum Beispiel mit dem aktuellen Projekt Spielenachmittag mit Asylkindern. „Dabei wird auch der Umgang mit Flüchtlingen gelernt“, so Kühn. Zum Abschluss seiner Rede lud Christian Kühn den Jugendgemeinderat und seine Betreuer nach Berlin ein, um den Bundestag zu sehen.

Nach einem weiteren Musikstück von Jazzico kam es zum Grußwort zweier amtierender Jugendgemeinderats-Mitglieder, Sophie Kaufmann und Leo Schleith. In ihrer Rede erinnerten sie an die größten Projekte in den letzten eineinhalb Jahren wie beispielsweise ein Fußballturnier oder ein internationaler Jugendaustausch nach Finnland. „Jugendgemeinderäte wollen Zeichen setzen und Dinge verändern“, so die beiden JGR’ler/-in. Ein Beispiel dafür sei die Chapel – die Jugend sagte „Die Chapel muss bleiben“ und sie ist geblieben. Auch an diesem Abend setzte der Jugendgemeinderat Göppingen ein Zeichen mit seiner Aktion, bei der die aktuellen Jugendgemeinderäte, die ehemaligen Jugendgemeinderäte und alle mitwirkenden Personen ihren Fingeraufdruck mit einer Unterschrift auf einer Leinwand verewigten.

  

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