Weltpolitik in der Kläranlage

Politik ist ein schmutziges Geschäft – das meinen viele zu wissen. Dass aber die Göppinger Kläranlage auf dem besten Wege dazu ist, in der Weltpolitik eine Rolle zu spielen, vermag dann doch viele zu überraschen.

Der Rohstoff Phosphor ist in der Landwirtschaft so begehrt wie umstritten bezüglich seines natürlichen Vorkommens. Hauptexporteure von Phosphor sind politisch unsichere Regionen und Staaten, zu denen man aus moralischen und humanitären Gründen lieber keine Geschäftsbeziehungen unterhalten möchte. Die baden-württembergische Landesregierung verfolgt daher die sogenannte Phosphorstrategie: Der Wachstumsbeschleuniger soll nun in heimischen Gefilden gefördert werden, dort, wo die größten Vorkommen sind – in der Kläranlage. Derzeit laufe der Göppinger Antrag auf Förderung dieses Projektes, berichtet Jochen Gugel, Geschäftsleiter der Stadtentwässerung Göppingen. Wird die SEG dann also reich, wenn die Phosphorgewinnung und der Verkauf des recycelten Rohstoffs auf dem Markt beginnen? „Leider nein“, lacht Jochen Gugel. Die Rückgewinnung ist so aufwendig, dass es im günstigsten Fall irgendwann auf ein Nullsummenspiel hinausläuft. Sonst würde der Bau einer Rückgewinnungsanlage auch nicht gefördert. Es ist tatsächlich eine politische Frage. Unter diesem Gesichtspunkt scheint sich die Geschichte jedoch tatsächlich zu lohnen. Rund 50 Prozent des Phosphorbedarfs in Baden-Württemberg könnten so durch die Klärwerke im Lande gedeckt werden, weiß Gugel. Neu ist die Beziehung zwischen Klärwerk und Landwirtschaft nicht. Der Phosphorgehalt des Klärschlammes ist auch der Grund dafür, weshalb dieser in früheren Zeiten direkt auf die Felder ausgebracht wurde. Infolge der zunehmend enthaltenen Schadstoffe nahm man davon jedoch im Laufe der 75 Jahre Abstand. Nicht jede Verunreinigung schlägt sich aber auch farblich nieder. Klares Wasser ist nicht unbedingt wirklich rein. Manche Stoffe werden auf erschreckende Weise anders sichtbar. Die Verweiblichung ganzer Tierarten, die im Wasser leben, lässt immer wieder aufhorchen, verursacht durch Hormone im Wasser, die beispielsweise über Pillenreststoffe ins Flusswasser gelangen. Die Zunahme endokriner Stoffe und Hormone bereitet zunehmend Sorge. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Medikamenten nehme rasant zu, sagt Geschäftsleiter Jochen Gugel, nicht zuletzt aufgrund der älter werdenden Gesellschaft. Doch auch diese Stoffe sollen mittelfristig aus dem Abwasser mittels neuer Techniken herausgefiltert werden. Derzeit wird für die Göppinger Anlage eine Machbarkeitsstudie erstellt, man befindet sich in der Vorplanungsphase. So viel ist allerdings schon klar: Mit dieser Erweiterung werden hohe Investitionen in einer Größenordnung von rund zehn Millionen Euro verbunden sein. Die Realisierung ist in den nächsten zehn Jahren vorgesehen.