Vielfalt verbindet

Bereichernd und dennoch auch beängstigend

„Brauchen wir die Interkulturellen Wochen überhaupt noch, sind sie noch zeitgemäß?“ fragte Oberbürgermeister Guido Till bei der Eröffnung der Interkulturellen Wochen 2018. Ehrengast Ivo Gönner erweiterte das Thema von der Integration zur Internationalität.
 
Kulturelle Vielfalt als bereicherndes Element unserer Gesellschaft sei in Göppingen gelebte Realität. Doch die, durch das gemeinsame Foto der Fußball-Nationalspieler Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ausgelöste Debatte zeige die Zerbrechlichkeit dieses Miteinanders. Und wenn sich aktuellen Umfragen zufolge die Mehrheit der türkischstämmigen Menschen in Deutschland eher der Türkei verbunden fühle, dann müssten wir nach den Ursachen fragen. Eine häufig gehörte Antwort laute „Wir fühlen uns nicht gleichberechtigt.“ Integration heiße, Teil des Landes zu werden, erinnert die Migrationsforscherin Ferda Ataman beide Seiten: Migranten sollen sich in ihr neues Land einbringen; das Land muss dieses Einbringen aber auch zulassen. „Und dafür bieten die Interkulturellen Wochen breiten Raum“, so OB Till. „Damit aus dem Miteinander am Arbeitsplatz, in der Schule, in den Vereinen ein selbstverständliches Miteinander in der gesamten Gesellschaft erwächst.“
‚Vielfalt verbindet‘ heißt das Motto der Interkulturellen Wochen 2018 richtigerweise. Vielfalt könne aber auch zur Angst vor dem Fremden, vor zu viel Fremden führen. Die große Anzahl Asylsuchender, die Ende 2015 und 2016 nach Deutschland kam, habe nicht nur zu einer breiten Welle an Hilfsbereitschaft geführt. Die Ereignisse in Chemnitz zeigten, dass aus Furcht vor dem Fremden schnell Hass und Gewalt werden könne. Das Integrationsbarometer des ‚Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration‘, kurz SVR, zeige auch für 2018 erfreulich stabile Werte – das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft werde nach wie vor überwiegend positiv wahrgenommen. Wo der Integrationsalltag nicht persönlich erlebt werden könne, trübe sich das Integrationsklima ein. Oder anders ausgedrückt: Wo am wenigsten Flüchtlinge leben, sei die Ablehnung am größten. Denn dort könne der Angst vor dem unbekannten Fremden nicht durch Begegnungen, durch persönliches Kennenlernen entgegen gewirkt werden.
„Wir sind froh, dass wir mit finanzieller Unterstützung des Landes einen Integrationsmanager und sechs Integrationsmanagerinnen einstellen konnten“, fuhr das Stadtoberhaupt fort. „Damit können wir anerkannten Flüchtlingen gezielt Hilfestellungen beim Einleben in unserer Gesellschaft geben.“ Und auch die Interkulturellen Wochen fördern Begegnungen mit Flüchtlingen, verwies Till auf das Programm.
Für dieses Programm zeichnete die frühere städtische Integrationsbeauftragte Dragica Horvat federführend verantwortlich. „Sie hat sich wie selbstverständlich – was es aber natürlich nicht ist – bereiterklärt, diese Interkulturellen Wochen trotz verdientem Ruhestand vorzubereiten“, dankte OB Till: „Das Programm ist wieder rundum gelungen und in seiner verbindenden Vielfalt beeindruckend.“
 
Ivo Gönner, 1952 in Laupheim als Sohn eines Apothekers geboren, studierte in Heidelberg Rechtswissenschaften, „was vielleicht auch daran liegt, dass der heilige Ivo der Schutzpatron der Juristen ist“, meinte OB Till in seiner Begrüßung schmunzelnd. 1992 gewann Ivo Gönner erstmals die Wahl zum Oberbürgermeister in der Donaustadt Ulm; zwei erfolgreiche Wiederwahlen mit einmal knapp 80 Prozent und einmal gut 80 Prozent der Stimmen unterstrichen seine Beliebtheit als Stadtoberhaupt. Nach seinem Ausscheiden wurde ihm am Schwörtag 2016 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Ulm verliehen.
Eingangs seiner in launigen Worten gehaltenen Festrede gratulierte Gönner der Stadt Göppingen, ihn eingeladen zu haben. Als erkannt wurde, dass die ab den 1960er Jahren angeworbenen Gastarbeiter über alle Generationen hier blieben, lautete nach Gönners Ansicht das Thema nicht Integration, sondern Internationalität. Ulm stellte auf dem Weg zur Internationalen Stadt sechs Handlungsfelder auf, die sich in ihren Schwerpunkten zwar geändert hätten, aber ansonsten nach wie vor aktuell seien. Ganz wichtig sei Integration durch Bildung; angesichts der Verflechtungen von Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft über Ländergrenzen hinweg verleihe die internationale Schule in Ulm darüber hinaus Abschlüsse, die weltweit anerkannt würden – Integration weiterentwickelt zur Internationalität. Bürgerbeteiligung entstehe durch Teilhabe und bedeute, so Gönner: Selber machen statt andere als „Stellvertreter“ sprechen lassen. Krankenhaus oder Grundschule müssten die praktischen Dinge selber regeln. Nötig sei eine Öffnung der Institutionen wie zum Beispiel die Stadtverwaltung selber. „Die Amtssprache ist aber immer noch deutsch“, fügte der frühere Ulmer Oberbürgermeister an. Doch erschreckend wenig Menschen mit Migrationshintergrund seien bei der Freiwilligen Feuerwehr, da freiwillige Hilfsdienste in anderen Ländern häufig unbekannt seien. Auch die Notfall-Seelsorge müsse für Menschen aus jeder Kultur- und Sprachgruppe da sein. Und das Wichtigste im Alltag, so Gönner weiter: sich gegenseitig einladen. „Es gibt die verschiedensten Möglichkeiten, sich zu engagieren“ ermutigte Ivo Gönner. „Internationalität ist auch in Göppingen zu Hause.“ Abschließend gab er einen feinen Unterschied mit auf den Weg: „Patriotismus ist die Liebe zu den eigenen Leuten; Nationalismus ist der Hass gegen die anderen Menschen.“
 
Der Integrationschor der Volkshochschule animierte die zahlreichen Gäste zum Mitsingen „Hevenu Shalom Alechem - wir wollen Frieden für alle.“

Interkulturelle Wochen 2018

Vielfalt – alltägliche Realität

Seit 1995 bieten die Interkulturellen Wochen in Göppingen einen breiten Raum für interkulturelle Zusammenarbeit und Teilhabe am interkulturellen Leben.

Vielfalt ist in Göppingen gelebter Alltag. Am Arbeitsplatz, in den Vereinen und Schulen, in der Nachbarschaft und nicht zuletzt auch in den Familien – fast überall begegnen sich Menschen verschiedener Herkunft. Davon zeugen auch die Interkulturellen Wochen, die Oberbürgermeister Guido Till am Mittwoch, 26. September, um 18 Uhr eröffnen wird. Ehrengast ist dieses Jahr Ivo Gönner, früherer Oberbürgermeister der Stadt Ulm.

Viele Göppinger/-innen mit Migrationshintergrund sind seit Generationen hier zuhause, andere sind in jüngerer Vergangenheit aus allen Himmelsrichtungen zugewandert. Vielfalt ist bereichernd, sie löst aber auch Angst vor dem Fremden oder vor Veränderungen aus. Deshalb laden die Interkulturellen Wochen vom 26. September bis zum 13. Oktober zu unterschiedlichen Begegnungen zwischen alteingesessenen und neuhinzugezogenen Nachbarn. Denn vor allem im Gespräch über Gemeinsames und Unterschiedliches der jeweiligen eigenen Herkunftskultur kann Vertrauen wachsen.

1975 als „Tag des ausländischen Mitbürgers“ gestartet, beteiligen sich mittlerweile mehr als 500 Städte und Gemeinden mit rund 5.000 Veranstaltungen an den Interkulturellen Wochen in Deutschland. Informationsveranstaltungen werden durch Theater- und Filmvorführungen sowie Lesungen von Künstler/-innen und Feste ergänzt. In Göppingen verbindet die Eröffnungsveranstaltung Vorführungen des Integrationschors der Volkshochschule mit Rap von Mc Manar sowie die Folkloregruppe des Albanischen Kulturvereins Mutter Theresa mit Flamenco von Aires del Sur. Gastredner der IKW-Eröffnung am 26. September um 18 Uhr wird, bei freiem Eintritt, Ivo Gönner sein, der von 1992 bis 2016 Oberbürgermeister der Stadt Ulm war.

Organisiert werden die IKW vom Kulturreferat, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, der Integrationsplanung des Landkreises, dem Albanischer Verein Mutter Theresa, der Alevitischen Gemeinde, ATIB, DITIB, griechischer Gemeinde, italienischer Gemeinde San Francesco D’Assisi, italienischer Elternverein, den kroatischen Vereinen Buducnost und Matica Hrvatska, dem Kulturverein Bosnien-Herzegowina, Migrantinnen e.V., philippinischer Freundeskreis, serbischer Kulturverein Sv. Sava, Union Latinoamericana und vietnamesischen Frauen.

Programm 2018

Typ Name Datum Größe
pdf IKW Programm 2018.pdf 24.08.2018 3 MB

  

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